Aachen: Lehrermangel wirkt sich an Grundschulen der Städteregion aus

Grundschulen in der Städteregion : Vor den Klassen stehen immer mehr „Lehrer ohne Lehramt“

An den 88 Grundschulen in der Städteregion werden mehr als 4700 Erstklässler eingeschult. Die zuständigen Schulräte sehen die Unterrichtsversorgung für alle Schulen trotz Lehrermangels gesichert.

Für mehr als 4700 Erstklässler in der Städteregion Aachen beginnt Ende August das, was der Volksmund gerne den Ernst des Lebens nennt. Sie werden an einer der 88 Grundschulen in Stadt und Altkreis Aachen eingeschult. Nicht nur für die i-Dötzchen, sondern für alle rund 18.000 Kinder an den Grundschulen sei der Unterricht gesichert, betonen Schulrätin Petra von Jakubowski und Schulrat Jörg Funk knapp eine Woche vor dem Start ins neue Schuljahr. „Für alle Kinder und Klassen wird es eine ausreichende Lehrerversorgung geben.“ Allerdings: Nicht alle, die als Lehrerinnen und Lehrer vor den Klassen stehen werden, sind grundständig ausgebildet, haben also das Unterrichten von Grundschulkindern an der Hochschule und danach im Referendariat gelernt. Der Lehrermangel macht sich auch in der Städteregion längst massiv bemerkbar.

Unter den rund 1500 Lehrerinnen und Lehrern an den Grundschulen ist rund ein Dutzend Gymnasial- und Gesamtschullehrer, die in die Primarstufe gewechselt sind und dafür nach zwei Jahren ein Stellenangebot in ihrer ursprünglichen Schulform bekommen. Dann gibt es eine Handvoll „Seiteneinsteiger“, Menschen ohne Lehramtsstudium, aber mit einem Hochschulabschluss in den Fächern Englisch, Kunst, Sport oder Musik. Den weitaus größten Teil der nicht grundständig ausgebildeten Grundschullehrer aber macht die Gruppe der Vertretungskräfte aus. Die Schulen stellen diese mit Zeitverträgen ein, um Engpässe zu überbrücken. Die Vertretungskräfte können nicht immer ein Studium vorweisen und sind auch nicht unbedingt im pädagogischen Bereich vorgebildet. „Aber sie bringen ganz viel an anderen Qualifikationen mit“, sagt Jörg Funk. Und: „Ohne Vertretungslehrer würden wir nicht auskommen.“ Im neuen Schuljahr werden rund 100 Vertretungskräfte an den Schulen in der Städteregion arbeiten. Im Schuljahr zuvor waren es noch rund 80. Die Tendenz ist also eindeutig steigend.

Die Vertretungskräfte werden auch als „Lehrer ohne Lehramt“ (LoL) bezeichnet. Ihr Einsatz sei eine Chance, aber auch eine große Herausforderung, sagen von Jakubowski und Funk – für die Vertretungskräfte wie für die Schulen, die nicht fachlich ausgebildete Kollegen an den Unterrichtsalltag heranführen müssen. Im Gegensatz zu den Gymnasial- und Gesamtschullehrern, die eine berufsbegleitende Qualifikation durch das Land erhalten, und den „Seiteneinsteigern“, die zumindest eine pädagogische Einführung bekommen, ist die Integration der Vertretungskräfte nämlich grundsätzlich allein Aufgabe der Schule. Aber das laufe gar nicht schlecht, versichert Petra von Jakubowski. „Die Kollegien und Schulleitungen stehen dem offen gegenüber und meistern diese Aufgabe sehr gut.“ Gute Konzepte seien bereits entwickelt worden, von denen nun andere Schulen profitieren könnten. Erstmals haben Schulamt und Bildungsbüro in Kooperation mit dem gemeinnützigen Verein „Partner für Bildung“ in den vergangenen Monaten auch ein „Starterpaket“ für die „Lehrer ohne Lehramt“ angeboten. „Die Rückmeldungen bei den 30 Teilnehmern waren hochgradig positiv“, berichtet Jörg Funk. Das Pilotprojekt soll nun ausgeweitet werden.

Sehen dem neuen Schuljahr optimistisch entgegen: Schulräti nPetra von Jakubowski und Schulrat Jörg Funk. Foto: Heike Lachmann

Der Einsatz der „Lehrer ohne Lehramt“ kann zu einem Ungleichgewicht an den Schulen führen. Manche der 88 Grundschulen in der Städteregion haben schon mehrere im Einsatz, andere (noch) keinen einzigen. Und ein Krankheitsfall oder eine Pensionierung reißen schnell neue Lücken ins Kollegium. Damit hier etwas Ausgleich geschaffen wird, müssen sich Lehrerinnen und Lehrer in Zukunft wohl verstärkt auf Abordnungen, vorübergehende Einsätze an anderen Schulen in der Städteregion, einstellen. „Unser Ziel ist es, das im Konsens hinzukriegen“, betont Jörg Funk. Letztlich habe aber die Unterrichtsversorgung oberste Priorität: „Wir müssen den Blick aufs Kind richten.“

Im Personalrat sieht man die Sache indes etwas anders. Abordnungen von Lehrkräften betrachtet Matthias Kürten, stellvertretender Personalratsvorsitzender für Grundschulen in der Städteregion, mit Skepsis. „Zwangsabordnungen versuchen wir als Personalrat zu verhindern“, sagt Kürten, „auch weil solche Maßnahmen die Städteregion als Standort nicht attraktiver machen“. Eine Abordnung könne zudem zu zusätzlichen Belastungen für die Kolleginnen und Kollegen führen, zum Beispiel bei der Fahrtzeit zur Arbeitsstelle oder bei der Organisation der Familie. „Alles in allem bin ich aber zuversichtlich, dass wir das gut gelöst kriegen“, sagt Kürten. „In der Vergangenheit hat es immer gut geklappt, eine einvernehmliche Lösung zu finden.“

Bemerkbar macht sich der Lehrermangel auch bei der Vertretungsreserve. Von den 16 „Feuerwehrstellen“, die bei längerfristigen Ausfällen an den Schulen für Entlastung sorgen sollen, sind derzeit gerade einmal drei besetzt. Aus Sicht der Bewerber ist das nachvollziehbar. Wer eine Festanstellung an einer Schule bekommen kann, interessiert sich nicht unbedingt für eine Springerstelle. Schulrat Jörg Funk wirbt dennoch intensiv um Leute für die Vertretungsreserve. „Das ist eine tipptopp Qualifizierungsmaßnahme“, sagt er. „In den zwei Jahren bekommt man einen riesigen Überblick über die Schullandschaft in der Städteregion und danach eine Festanstellung an einer Schule.“

Mit einer Entspannung der Lage bei der Lehrerversorgung, das sagen aktuelle Prognosen, ist wohl erst 2032 zu rechnen. Deshalb heißt es auch in der Städteregion weiterhin: feste die Werbetrommel rühren. Zum Beispiel am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Aachen. Dort beenden zum 1. November rund 80 neue Grundschullehrerinnen und -lehrer ihre Ausbildung. „Damit werden wir einen Großteil der 42 Stellen, die wir jetzt ausschreiben dürfen, besetzt kriegen“, hofft Jörg Funk. Im Idealfall wären das dann wieder 42 grundständig ausgebildete Lehrkräfte mehr für die 88 Grundschulen in der Städteregion.