Aachen: Lebensräume der Wildbienen gefährdet

Mehr als 560 Arten in Deutschland : Wildbienen sind auch am Straßenrand zu Hause

Alle reden vom Bienensterben. Viele wollen die Bienen retten. Und die meisten haben dabei die gezüchtete Honigbiene vor Augen, die für den Imker den Honig produziert. In Deutschland gibt es aber mehr als 560 Wildbienenarten. Sie tragen so exotische Namen wie Rheinische Dörnchensandbiene oder Rotbeinige Lockensandbiene. Viele von ihnen sind hochspezialisierte Experten, als fleißige Bestäuber ungemein wertvoll für die Artenvielfalt – und wie die Honigbiene akut gefährdet.

Wer in Aachen die Wildbienen sucht, der muss nicht weit hinaus ins Grüne. Er muss nur wissen, wo er zu suchen hat. Zum Beispiel an der Hanbrucher Straße. Auf einem ganz unspektakulären Stückchen Grün unweit des Amsterdamer Rings summt es mächtig an diesem sonnigen Vormittag. Wildbienen fliegen zwischen Fahrbahn und Gehweg emsig hin und her. Monika Nelißen vom Arbeitskreis Wildbienen des Naturschutzbunds (Nabu) in Aachen macht auf winzige Sandhäufchen auf dem Boden aufmerksam. Jedes einzelne ist ein Nest im Boden. Auf diesen paar Quadratmetern Böschung leben also viele hundert Wildbienen. Im Gegensatz zu den Honigbienen sind Wildbienen nicht in Völkern organisiert. Jede Biene lebt als „Einsiedler“ für sich.

„Das Gelände ist ideal für Wildbienen“, sagt Nelißen. „Leichte Hanglage, Ausrichtung nach Süden, also warm und relativ trocken.“ Der Boden dort ist locker und sandig, da können die Weibchen gut ihre Nester bauen. Die Erde ist nährstoffarm. Der Bewuchs ist deshalb eher spärlich, auch das ist gut für den Nestbau. In der Umgebung aber gibt es trotzdem reichlich Futter, zum Beispiel für die Weidensandbiene, die, wie der Name schon sagt, Pollen von blühenden Weiden sammelt. Oder für die Frühlings-Pelzbiene, die Lippenblütler bevorzugt und auf der Kleinen Roten Taubnessel reichlich Pollen findet.

Und woran erkennt man eine Wildbiene? „Sie ist etwas kleiner als die Honigbiene“, erläutert Nelißen. Ansonsten aber gebe es eine große Vielfalt an Größen und Farben. Mit einem kleinen Netz fängt Nelißen ein Exemplar ein. Es ist eine Wespenbiene, die tatsächlich einer Wespe ziemlich ähnlich sieht. Die Wespenbiene wird zu den „Kuckucksbienen“ gezählt, denn wie der Kuckuck bei den Vögeln gehört sie zu den Brut-Schmarotzern. Wespenbienen bauen kein eigenes Nest, sondern legen ihre Eier in die Brutzellen fremder Tiere und nutzen auch den fremden Pollenvorrat für die Aufzucht. Eier und Larven der Wirtstiere überleben diese feindliche Übernahme nicht. „Solche Kuckucksbienen machen sich ein schönes Leben“, sagt Nelißen.

Der 2014 gegründete Nabu-Arbeitskreis Wildbienen hat bereits vor einiger Zeit mit einer Kartierung der Vorkommen in der Stadt begonnen. Was bekannt ist, kann besser geschützt werden. „Die Lebensräume der Wildbienen sind auch in Aachen gefährdet, weil die Leute viele Gebiete nicht als Lebensräume wahrnehmen“, sagt Nelißen. „Verwildert ist aber nicht verwahrlost.“ Bestes Beispiel ist aus ihrer Sicht die Bepflanzung des Kreisverkehrs am Eingang zum Hangeweiher. Was manche Aachener dort als „Unkraut“ kritisierten, sei tatsächlich ein wahres Wildbienen-Biotop. Nelißen hat dort im vergangenen Juni mehr als 20 Wildkräuter und acht Wildbienenarten gezählt. „Wer hier die Wildblumeneinsaat ausgebracht hat, hat das super gemacht“, sagt sie. „Wir brauchen noch weit mehr solcher Flächen.“

Etwas kleiner als die Honigbiene: Mehr als 560 Wildbienenarten gibt es in Deutschland. Foto: ZVA/Harald Krömer

Das werden die Leute am Kronenberg gerne hören. Eine ganz neue Wildblumenwiese entsteht gerade an der Einmündung Amsterdamer Ring/Kronenberg. Auf 300 Quadratmetern sollen hier demnächst regionale Wildblumen reichlich Nahrung für Insekten bieten. Die Idee dafür hatte eine Anwohnerin, die damit bei der Stadtteilkonferenz Kronenberg vorstellig wurde. In einer großen Gemeinschaftsaktion wurde das Areal kürzlich hergerichtet und eingesät, berichtet Christel Schäfer, Sprecherin der Stadtteilkonferenz. Mittel für die Finanzierung kommen aus dem Stadtteilfonds. Anwohner wollen die neue Wildblumenwiese auch als Paten pflegen.

Auch die Stadt kümmert sich um Wildbienen und andere Insekten. So lässt sie in Zusammenarbeit mit dem Sozialwerk Aachener Christen Nisthilfen aufstellen. Elf solcher städtischen Insektenhotels davon gibt es schon. Im Bereich Orsbach, nördlich des Schneebergwegs, wird zudem im Rahmen eines Förderprojekts auf mehreren Flächen ausprobiert, was die Lebensverhältnisse der Tiere verbessern kann. „Wir experimentieren zum Beispiel mit Pflegeintervallen und bodenverbessernden Maßnahmen“, kündigt Winfried Engels vom städtischen Umweltamt an. Auch Wildblumen-Saatmischungen sollen dort getestet werden. Das RWTH-Institut für Umweltforschung wird die Ergebnisse auswerten.

Und was kann man im eigenen Garten für die Wildbienen tun? Zum Beispiel eine Ecke mit sandigem, aufgelockertem Boden den Insekten überlassen. Denn drei Viertel aller Wildbienen nisten im Boden. Wer beim Rasenmähen auch noch eine Ecke Gras stehenlässt und dort vielleicht Wildblumen sät, schafft auch ein Nahrungsangebot für Wildbienen. Tipps kann man sich übrigens beim Arbeitskreis Naturgarten des Nabu Aachen holen. „Mehr Toleranz und Achtung für Wildwuchs“ wünscht sich Bienen-Expertin Monika Nelißen. „Englischer Rasen und Schottergärten, das ist das Schlimmste für Wildbienen“, sagt sie.

Monika Nelißen, Wildbienen-Expertin beim Nabu Aachen, wünscht sich mehr Lebensräume für Insekten. Foto: ZVA/Harald Krömer

Bienen sind kurzlebige Tierchen. Das Leben einer Biene dauert im Durchschnitt etwa sechs Wochen. Auf dem Grünstreifen an der Hanbrucher Straße dürfte es also schon sehr bald ruhig werden. Bis zum nächsten Jahr, wenn dort hoffentlich die nächste Generation Wildbienen fliegt.

www.nabu-aachen.de/wildbienen

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