Aachen: Kostbare Reichskrone kehrt mit zweimonatiger Verspätung zurück

Die Reichsinsignien sind wieder komplett : Reichskrone mit 326 PS ins Rathaus transportiert

Die Reichskleinodien im Rathaus sind wieder komplett. Trotz der oberbürgermeisterlichen Dienstlimousine mit 326 PS kehrte die Reichskrone nur mit zweimonatiger Verspätung in den Krönungssaal zurück.

Neben der Biotonne steht die Kiste mit der Reichskrone. 46 mal 43 Zentimeter, 51 Zentimeter hoch. Dienstagmorgen, 9.03 Uhr. Am Hintereingang des Suermondt-Ludwig-Museums fährt die schwarze Dienstlimousine des Oberbürgermeisters vor. Mit Chauffeur, ohne OB. Dann kehrt die kostbare Kronen-Kopie, Versicherungswert mehrere hunderttausend Euro, in dem unscheinbaren Holzwürfel auf dem Schoß von Kustos und Restaurator Michael Rief mit 326 PS und einer Verspätung von gut zwei Monaten ins Rathaus zurück. 1200 Meter Strecke bis zum Markt, ein imposantes Schauspiel. Das kann nicht jeder. Weil’s nicht jeder darf.

Rief ist Experte. Und sein Transport ist versichert. Selbst zur jüngsten Ausleihung der Reichskrone im Rahmen einer Ausstellung der „Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatsstiftes Zeitz“ reiste eigens ein Aachener Spezialist an und ab, um die Reichskrone – die natürlich nur von handverlesenen Kunstspeditionen bewegt werden darf – vor Ort ein- beziehungsweise auszupacken.

„Das ist die beste und älteste Kopie der Welt“, schwärmt Rief. „Wir sind die Einzigen, die Hand anlegen dürfen“, betont er. Deshalb sei die Terminfindung zum vergleichsweise kurzen Rücktransport vom Suermondt-Ludwig-Museum an der Wilhelmstraße ins Aachener Rathaus am Markt nach dem Ausstellungsende im Osten Deutschlands auch so schwierig gewesen – obwohl die Kronen-Kopie bereits seit Anfang November zurück im Westzipfel ist.

Kostbare Kiste

Der letzte Weg führt nun zum Marienturm. Da, sozusagen rechts vom Rathaus, wird die kostbare Kiste mit der Reichskrone nach knapp zehnminütiger Anfahrt aus der Hybrid-Karosse ausgeladen. Daneben steht, es ist Markttag, „Harry’s Käse- und Geflügelwagen“. Die Kundschaft kriegt nichts mit. Mit dem Aufzug geht’s zwei Etagen nach oben, dann einmal quer durch den Krönungssaal vor die Glasvitrine im Erker Richtung Postwagen. Hier krempelt Restaurator Rief die Ärmel hoch und holt den Akkuschrauber aus der Werkzeugtasche. Und entfernt fachkundig vier Schrauben des Holzdeckels.

Zum Vorschein kommt eine weitere Kiste. Wieder aus Holz. „Die stammt aus dem Jahr 1925“, erklärt der Restaurator. Nochmals zehn Jahre älter ist die Reichskronenkopie selbst. Die Originale der Reichskleinodien beherbergt die Wiener Hofburg. Weil diese 1914 zu einer großen Aachener Karlsausstellung nicht ausgeliehen werden durften, beauftragte Kaiser Wilhelm II. den Aachener Goldschmied Bernhard Witte und seinen Düsseldorfer Kollegen mit der Nachbildungen der Reichsinsignien – vor allem der Krone. Alles erinnert an die 31 Königskrönungen, die zwischen 813 und 1531 in Aachen stattfanden. Darunter befinden sich die Kopien des Reichsevangeliars – einer Handschrift aus der Zeit Karls des Großen –, des sogenannten Säbels Karls des Großen, der Reichskrone und des Reichsapfels.

Kostbare Fracht: Michael Rief hebt Kiste für Kiste heraus bis die Reichskrone zum Vorschein kommt. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Übrigens: Karl der Große hat selbst das Original der Reichskrone nie auf dem Kopf und den Säbel nie in der Hand gehabt – anders als viele denken. Selbst Albrecht Dürer irrte hier bei einem Gemälde Karls, auf dem er die achteckige Bügelkrone trägt, die tatsächlich aber erst viele Jahre nach seinem Tod gefertigt wurde.

Zurück ins Rathaus: Nach der zweiten Holzkiste kommt ein weiteres Kistchen zum Vorschein. Alles erinnert ein wenig an die russischen Matroschkas, die Hülle für Hülle fallen lassen. Bloß in eckig. Nun also eine Art Lederkiste. Vorsichtig hebt Rief sie an zwei weißen Bändern heraus, dann fallen die Seitenklappen herunter und zum Vorschein kommt unter weißen Tüchern die funkelnde Reichskrone. Beobachter erinnern sich angesichts des Schatzes an Indiana Jones. Aber das hier ist kein Film, es ist echt. „Knapp drei Kilogramm Gold, Edeltsine, Emaille, Samt und etwas Eisen. Schon der Materialwert ist immens. Und die Krone ist so großartig gefertigt, dass sie nicht einmal eine Klimakiste zum Transport braucht“, erläutert Rief.

Nicht in Samt- oder Wollhandschuhen, die könnten flusen, vielmehr in Latexhandschuhen nimmt Rief das wertvolle Relikt in die Hände und setzt es sorgsam ab. Dann beginnt die umfassende Begutachtung. Taschenlampe raus. Jeder Kratzer wird präzise untersucht anhand eines 24-seitigen Protokolls mit vielen großformatigen Detailaufnahmen. Jede Winzigkeit wird abgeglichen. Dann zaubert der Kustos ein eigens in Tokio gekauftes Werkzeug zur sanften Entstaubung des Schmuckstücks hervor: ein japanischer Pinsel mit Ziegenhaar. Weicher geht nicht.

Erst danach, um genau 9.56 Uhr, schließt Rathaushaus-Hausmeister Rolf Schnier, quasi der Facility-Manager Karls des Großen, die Glasvitrine mit dem Tresorschlüssel auf. Rief schlüpft mit der Krone in Händen hinter die Scheibe. „Ein bisschen links, etwas rechts, noch etwas drehen.“ Dann passt’s. Licht an. Die Reichkrone, das zentrale Prachtexemplar der Aachener Reichskleinodien, ist wieder zu Hause. An etwaige weitere Ausleihungen ist derzeit nicht gedacht. Stadtrat und OB Marcel Philipp entscheiden darüber. Rief und der Chef der Route Charlemagne, Professor Frank Pohle, geben dazu Stellungnahmen aus konservatorischer Sicht ab. Aber an längere Zwischenaufenthalte im Sicherheitsdepot ist ohnehin nicht mehr gedacht.

Um 10 Uhr morgens öffnet das Rathaus. Es wird mit Andrang gerechnet. Die äußerste Holzkiste ist derweil auf dem Rückweg, ohne Chauffeur und Dienstwagen. „Fragile“ steht immer noch drauf. Ein Fall für die Tonne.