Aachen: Gewerkschaft wirft Wirten Unterschlagung von Trinkgeld vor

Gastro-Szene : Trinkgeld-Trickserei? Wirte sind empört.

Die Gewerkschaft NGG wirft einem Teil der Aachener Gastronomen Unterschlagung von Trinkgeld vor, das eigentlich ausschließlich dem Personal zusteht. Der Aachener Dehoga reagiert empört.

Tipps für die Wege des „Tips“: Nur Extrageld von niederländischen Gästen in Aachener Gastronomiebetrieben spielt hier keine Rolle – Holländer geben nämlich gemäß einer nicht repräsentativen Umfrage unserer Zeitung nur in den seltensten Fällen Trinkgeld. Das sei kulturell bedingt – da sind sich alle einig. Scharfen Widersprich hingegen kassiert eine Warnung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) vom Mittwoch. NGG-Geschäftsführerin Diana Hafke kritisiert darin, dass ein Teil der 10.170 Menschen, die in der Städteregion Aachen im Gastgewerbe arbeiten, in Sachen Trinkgeld leer ausgingen. Und sie warnt ausdrücklich vor „Trinkgeld-Trickserei“.

„Gerade in kleinen Betrieben kommt es immer wieder vor, dass der Chef die Trinkgeld-Kasse selbst verwaltet oder einen Teil vom sogenannten Tip sogar vom Personal zurückfordert“, behauptet Hafke. Sie stellt klar: „Das Trinkgeld ist ein steuerfreies Geschenk, mit dem der Gast einfach Danke sagt. Von der Bedienung über Küche bis zur Rezeption und Zimmerreinigung – Betriebsräte oder die Mitarbeiter regeln selbst, wie sie die Extra-Einnahmen aufteilen.“ Weil alle Beschäftigten ihren Anteil am Gasterlebnis haben, sollten auch alle bedacht werden. Allerdings arbeiteten in der Branche viele Menschen nur befristet oder mit einem Minijob – und trauten sich aus Angst um ihren Arbeitsplatz nicht, gegen Tricksereien durch den Chef vorzugehen. Betroffene sollten sich daher an die Gewerkschaft wenden, rät Hafke.

Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht, wie Laura Redemann von „Advigo Winkler Steuerberater“ auf Anfrage erläutert: Zwar sei die Höhe des Trinkgelds für die Steuerfreiheit unerheblich. „Wichtig ist jedoch, dass das Trinkgeld direkt an den Arbeitnehmer gezahlt wird und es sich somit um eine persönliche Beziehung handelt. Problematisch wird es dann, wenn das Trinkgeld über den Arbeitgeber an den Arbeitnehmer weiterberechnet wird – zum Beispiel bei Zahlung per EC-Karte – oder das Trinkgeld in einer Trinkgeldkasse gesammelt und abends gleichmäßig an das Personal ausgezahlt wird. In diesen Fällen geht die persönliche Beziehung verloren und es ist im Einzelfall zu prüfen und zu entscheiden, ob es bei der Steuerfreiheit bleibt“, präzisiert sie.

Anders als etwa in Italien oder in den USA gehe es beim Trinkgeld in Deutschland nicht darum, den fehlenden Lohn aufzubessern, betont die NGG. Der Obolus komme „on top“ zum Einkommen dazu, kann für Köche, Kellner & Co. aber „nie einen anständigen Stundenlohn ersetzen“, so Gewerkschafterin Hafke. Wie viel Trinkgeld angemessen ist, sollten Gäste je nach Situation entscheiden. „Wer mit der Küche und dem Service zufrieden ist, darf sich mit einem Trinkgeld gerne bedanken. Mit zehn Prozent macht man nichts falsch“, so Hafke.

Völlig falsch findet Dieter Becker, Chef der Aachener Traditionsbetriebe „Zum goldenen Schwan“ und „Zum Goldenen Einhorn“ sowie stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Aachen den gewerkschaftlichen Vorstoß in Sachen „Trinkgeld-Trickserei“. „Das ist eine unhaltbare Aussage! Ohne irgendwelche Belege bringt die NGG eine ganze Branche in Verruf“, moniert Becker. „Der Gast kann guten Gewissens gutes Trinkgeld geben – daran wird sich ein seriöser Unternehmer niemals vergreifen“, sagt er. So etwa sei in der Gastro-Branche völlig verpönt und absolut unüblich. Genauso unüblich wie das alte „Tronc-System“, nach dem der Oberkellner in vergangenen Jahrhundert das gesammelte Trinkgeld gemäß eines Punktesystems an sämtliche Mitarbeiter entsprechend der Qualifikation – von der Spülkraft bis zum Barkeeper – aufteilte. Zumal die Trinkgeldbeträge je nach Betriebsart – von der Eisdiele bis zum Sterne-Restaurant – stark steigen.

Kellnerin Chiara Nobis („Living Room“) serviert am Hof. „Niemals würde der Chef unser Trinkgeld antasten, das ist undenkbar“, sagt sie. Neben Deutschen seien vor allem Amerikaner besonders spendabel – und das Trinkgeld durchaus wichtig beim Gesamtverdienst. Alpha Diallo, Chef des „Karls“ im Centre Charlemagne am Katschhof bestätigt: „Wenn ich selbst im Service mitarbeite, geht das Trinkgeld ebenfalls an meine Mitarbeiter; das ist selbstverständlich für uns.“ Und natürlich geben auch Niederländer zuweilen Trinkgeld, was übrigens „fooi“, frei übersetzt „Wegegeld“, heißt.

Mehr von Aachener Zeitung