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Karlspreis 2022: Aachen freut sich auf drei besondere Karlspreisträgerinnen

Karlspreis 2022 : Aachen freut sich auf drei besondere Karlspreisträgerinnen

Aachen freut sich auf die drei Karlspreisträgerinnen aus Belarus, Veronica Tsepkalo, Swetlana Tichanowskaja und in Vertretung für ihre inhaftierte Schwester Maria Kalesnikava auf Tatsiana Khomich. Das Programm am Mittwoch war bereits emotional, wie wird der heutige Verleihungstag?

Alle, die ihr Kommen angekündigt haben, sind bereits in der Stadt. Am Mittwochabend saß auch Außenministerin Annalena Baerbock am festlich gedeckten Tisch in der Aula Carolina. Sie wird heute die Karlspreis-Laudatio im Krönungssaal des Aachener Rathauses halten. Es wird eine Verneigung vor und eine Ermutigung für Veronica Tsepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kalesnikava sein, die seit 2020 einen entbehrungsreichen und friedlichen Kampf für Demokratie und Freiheit in Belarus führen.

Ihre Demokratiebewegung ist brutal von Machthaber Alexander Lukaschenko und seinem Regime niedergeknüppelt worden, rund 1500 politische Gefangene sitzen in belarussischen Gefängnissen, täglich werden es mehr, berichten die Preisträgerinnen bei ihren ersten Auftritten am Mittwoch in Aachen. Eine der Gefangenen ist seit nunmehr 20 Monaten Maria Kalesnikava, die deshalb in Aachen von ihrer Schwester Tatsiana Khomich vertreten wird.

Der Himmelfahrtstag wird ein emotionaler und hochpolitischer Tag in Aachen werden. Das ist nach dem Auftakt von Mittwoch keine gewagte Prognose. Timothy Garton Ash, Karlspreisträger von 2017, Gegenwartshistoriker und Osteuropa-Experte an der Universität Oxford, kann auf der Karlspreis-Bühne im Gespräch mit unserem Redakteur Robert Esser seine Begeisterung über die drei Oppositionellen präzise in Worte fassen: „Ich bin zutiefst von dieser Preisträgerinnen-Auswahl beeindruckt. Die Leistung der drei mutigen Frauen ist mitreißend und bewundernswert. Das hat es noch nie gegeben, dass eine Preisträgerin am Verleihungstag im Gefängnis sitzt. Das Engagement der Frauen ist im höchsten Maße unterstützenswert, sie nehmen so viele persönliche Einschränkungen in Kauf, um für ihr Land friedlich die Freiheit zu erkämpfen.“ Der Weg sei noch lang, aber es werde gelingen, die Anstrengungen und Entbehrungen werden sich nach Garton Ashs Einschätzung auszahlen.

Martin Schulz, Preisträger 2015, unterstreicht, dass „der Mut und die Kraft solcher tapferen Menschen die Voraussetzung sind, Diktaturen zu stürzen“.

Tatsächlich bekommen die Ohren- und Augenzeugen der ersten Auftritte im Hörsaalzentrum der RWTH, im Europa-Forum im „Liebig“ und später beim Karlspreis-Open-Air im Interview mit unserem Chefredakteur Thomas Thelen einen Eindruck von der mitreißenden Entschlossenheit der drei Karlspreisträgerinnen.

 Thomas Thelen, Chefredakteur unserer Zeitung, im Interview mit den Karlspreisträgerinnen 2022, Swetlana Tichanowskaja (links), Veronica Tsepkalo und Tatsiana Khomich, die ihre inhaftierte Schwester Maria Kalesnikava in Aachen vertritt.
Thomas Thelen, Chefredakteur unserer Zeitung, im Interview mit den Karlspreisträgerinnen 2022, Swetlana Tichanowskaja (links), Veronica Tsepkalo und Tatsiana Khomich, die ihre inhaftierte Schwester Maria Kalesnikava in Aachen vertritt. Foto: Harald Krömer

Die Worte des RWTH-Rektors Ulrich Rüdiger, der zur Begrüßung im Hörsaal sagt, dass er nie zuvor von Karlspreisträgern so sehr überzeugt war wie im aktuellen Fall, stützen die Preisträgerinnen mit klaren Sätzen. Swetlana Tichanowskaja, für ihren ebenfalls inhaftierten Mann Sergej Tichanowski 2020 als Präsidentschaftskandidatin eingesprungen und nur durch Wahlmanipulation gestoppt, appelliert an die europäische Öffentlichkeit, vereint zusammenzustehen. „Nur so haben wir eine Chance, Freiheit für Belarus und Frieden für die Ukraine zu erreichen.“

Veronica Tsepkalo formuliert den eindeutigen Appell: „Helfen Sie uns, Lukaschenko und sein Regime zu stoppen. Belarus ist ein Land voller Chancen und Möglichkeiten mitten in Europa, aber dafür braucht es den Wechsel, die Demokratie und die Freiheit.“ Zu Lukaschenko: „Er ist ein Mörder, ein Krimineller, er muss inhaftiert und verurteilt werden.“ Der Repräsentant des belarussischen Volkes sei er definitiv nicht.

Emotionaler Höhepunkt des Auftakts im Hörsaal ist die Frage einer belarussischen Studentin unter Tränen, ob junge Belarussen ihr Land verlassen sollten. Die drei Preisträgerinnen ergänzen sich in der Beantwortung und sagen, dass die individuelle, ganz persönliche Entscheidung immer richtig sei. Tsepkalo: „Wichtig ist, dass du in deinem Herzen Belarussin bleibst und stolz bist auf dein Land. Und es wird der Tag kommen, an dem dieses Land frei sein wird und alle Trümpfe ausspielen kann.“

Die drei Aktivistinnen waren nie zuvor in Aachen, aber sie erleben am Mittwoch gleich ein Heimspiel auf dem Katschhof. Am Abend vor der Verleihung kommen einige Hundert Aachenerinnen und Aachener auf den Katschhof. Der Auftritt hätte mehr Zuschauer verdient gehabt. Eine kleine Enttäuschung ist das für die Karlspreis-Macherinnen und -Macher. Wie die sicher erwartete politische Prominenz und viele vormalige Karlspreisträger in diesem Jahr fernbleiben, so zeigt sich auch das Aachener Publikum am Mittwoch mengenmäßig noch zurückhaltend. Diejenigen, die da sind, erleben eine bereichernde und emotionale Begegnung.

Bei „Karlspreis Live“, dem Open-Air-Angebot zur Preisverleihung, sagen die drei Aktivistinnen im Interview mit unserem Chefredakteur Thomas Thelen, dass sie trotz schwerster Repressionen durch das Lukaschenko-Regime weiterhin die Demokratie-Bewegung vorantreiben, jetzt aus dem Exil.

„Der Karlspreis ist für uns und für all die tapferen Menschen in der Heimat eine Ermutigung, ein klarer Hinweis, dass unser Kampf in der Welt wahrgenommen wird“, sagt Swetlana Tichanowskaja. Tatsiana Khomich berichtet vom Schicksal ihrer Schwester Maria Kalesnikava: „Maria ist so stark, sie macht uns Mut, sie schreibt hoffnungsvolle Briefe. Aber wir müssen über sie und die politischen Gefangenen reden, ihnen eine Stimme geben. Auch damit der Plan, dass sie in Vergessenheit geraten, nicht aufgeht.“

Veronica Tsepkalo, die Dritte im Bunde der Karlspreisträgerinnen, stellt auf der Bühne das Schicksal der politischen Gefangenen in Belarus in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Mit ihrer Organisation https://belaruswomen.org/en kümmert sie sich vor allem um die vielen Frauen unter den Gefangenen, das seien derzeit etwa 165. „Es gibt zwei wichtige Ziele in unserer Arbeit“, sagt sie resümierend, „das sind wirklich freie Wahlen und die Befreiung aller politischen Gefangenen.“

Heute werden Veronica Tsepkalo, Maria Kalesnikava und Swetlana Tichanowskaja mit dem Internationalen Karlspreis geehrt.