Aachen erhält beim Fahrradklimatest des ADFC nur die Schulnote 4,3

Fahrradklimatest des ADFC : Aachens Radfahrer müssen sich weiterhin warm anziehen

Über dieses Zeugnis wird noch zu reden sein: Die Stadt Aachen hat sich beim neuen Ranking des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) leicht verschlechtert. Für das „Fahrradklima“ gibt es nur die Schulnote 4,3. Damit geht die Abwärtsspirale weiter – wenn auch mit gedrosseltem Tempo.

Auf Schulebene wäre die Entscheidung völlig klar: Steht im Zeugnis mehr als zwei Mal die Note Mangelhaft und lässt sich diese nicht durch eine mindestens befriedigende Leistung ausgleichen, dann ist Nachsitzen angesagt. Insofern kann man das Zeugnis, das nun dem „Fahrradklima“ in Aachen ausgestellt wurde, getrost als Schlappe werten. Durchschnittsnote: 4,3 – Versetzung stark gefährdet.

Rund 170.000 Menschen sind bundesweit dem Aufruf des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) gefolgt und haben vom 1. September bis zum 30. November 2018 die Situation für Fahrradfahrer in ihrer Stadt bewertet. Ein Rekord. In Aachen nahmen insgesamt 1230 Menschen an der Umfrage teil. Allein diese Beteiligung zeigt, wie sehr das Thema den Öchern auf den Nägeln brennt. Zwei Jahre zuvor, beim Fahrradklimatest 2016, hatten für Aachen gerade mal 400 Menschen abgestimmt. Das entspricht einem Zuwachs um mehr als 200 Prozent. Die Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, gilt aber als wichtiges Stimmungsbild. Und die Stimmung in Aachen ist offensichtlich schlecht.

Mit einer Durchschnittsnote von 4,3 – bewertet wird nach dem Schulnotenprinzip: 1 für fahrradfreundlich, 6 für nicht fahrradfreundlich – landet Aachen bundesweit auf Rang 21 von 25 Städten mit einer Einwohnerzahl von 200.000 bis 500.000. Auf Landesebene verfehlt Aachen denkbar knapp das Schlusslicht: Rang 9 von 11. Zwei Jahre zuvor erreichte man eine Durchschnittswertung von 4,2. Damit geht der Abwärtstrend weiter, wenn auch mit gedrosseltem Tempo. 2012 wurde das Klima für Radfahrer noch mit der Note 3,8 bewertet.

Für Monika Volkmer vom ADFC Aachen ist das keine Überraschung. „Es hat sich einfach viel zu wenig getan. Die Stadt muss ganz anders an die Sache herangehen und das Thema Luftreinhaltung endlich ernst nehmen“, sagt die Sprecherin auf Anfrage. Das bedeute vor allem mehr Platz für Radfahrer im Straßenverkehr durch bessere und breitere Schutzstreifen.

So wird die Breite der Radwege von den Umfrageteilnehmer auch als ungenügend bewertet – Schulnote: 5,2. Ein gleichermaßen vernichtendes Urteil gibt es für die Mitnahme von Fahrrädern in öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Vergleich zu ähnlich großen Städten schneidet die Stadt insbesondere beim Sicherheitsgefühl schlecht ab (-0,6). Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Falschparker auf Radwegen nur unzureichend kontrolliert werden (Note: 5,1).

Doch es gibt auch positive Meldungen: Ausdrücklich gelobt wird das gute Angebot öffentlicher Leihfahrräder. Einen wesentlichen Anteil daran dürfte der Pedelec-Verleiher Velocity haben. Rund 40 Stationen weist das Netz mittlerweile aus. Dies ist allerdings auch der einzige Bereich, in dem die Stadt Aachen sich im Vergleich zu den zurückliegenden Tests verbessert hat.

Mit Blick auf die konkreten Umfrageergebnisse hält sich die Stadt am Dienstag weitgehend bedeckt. „Wir sind auf dem Weg und haben immer die kritischen Stellen im Blick“, teilt Harald Beckers vom städtischen Presseamt auf Anfrage mit. So werde die Hoffnung insbesondere auf die geplanten Radvorrangrouten gesetzt. Allerdings hat sich die Verwaltung ausgerechnet bei diesem Thema zuletzt nicht mit Ruhm bekleckert. Mit der ursprünglich von der Verwaltung favorisierten Variante für den Umbau eines Teilstücks der Lothringerstraße blieb sie hinter den selbst gesetzten Standards zurück. Das irritierte nicht nur die Radverkehrsszene, sondern auch die Politik. Beschlossen wurde nun eine Fahrradstraße, die Radfahrern deutlich mehr Platz einräumt.

Dass dieser Prozess viel zu lange dauert, kritisiert indes Relindis Becker, Mitglied des Sprecherteams des Radentscheids Aachen. „Viele Jahre ist gar nichts für den Radverkehr getan worden, jetzt fängt es zwar an, doch die Umsetzung dauert viel zu lange.“ Auch deshalb wollen sie und ihre Mitstreiter mit ihrer Initiative Druck aufbauen. Sieben Ziele sind formuliert, spätestens Mitte Mai soll die Unterschriftensammlung in Vorbereitung auf ein Bürgerbegehren beginnen. Dringender Nachholbedarf bestehe in Aachen insbesondere beim Thema Familienfreundlichkeit: „Noch immer fühlen sich gerade Familien mit Kindern und Ältere unsicher“, sagt Becker. Der Fahrradklimatest bestätigt diese Aussage: Zur Frage, ob Radwege so angelegt sind, dass auch junge und ältere Menschen sicher mit dem Zweirad fahren können, gibt es von den Aachenern eine glatte 5. Versetzung nicht geschafft.

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