Aachen: E-Scooter sind für Sehbehinderte durchaus gefährlich

E-Scooter auf den Straßen : Blindenverein kritisiert lautlose Stolperfallen

Ein Passantenstopper hier, eine Mülltonne da: Für Bernd Neuefeind gibt es viele Stolperfallen, wenn er mit seinem Blindenlangstock in der Innenstadt unterwegs ist. Vor knapp einem Monat sind weitere dazugekommen: die E-Tretroller.

Wenn Bernd Neuefeind in der Innenstadt unterwegs ist, dann gleicht das manchmal einem Hürdenlauf. Ein Passantenstopper hier, eine abgestellte Mülltonne da. Vor einigen Wochen ist eine weitere Stolperfalle dazugekommen, die dem stellvertretenden Vorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenvereins der Städteregion Aachen den Alltag erschwert: die E-Tretroller.

Seit Anfang Oktober sind 300 lachsfarbene Fahrzeuge der Firma Voi in Aachen unterwegs – kompakt, elektrisch betrieben und überwiegend lautlos. Für Menschen wie Neuefeind ist das durchaus ein Problem. Mit einer Sehkraft von weniger als zwei Prozent gilt er offiziell als blind. „In der Mitte sehe ich gar nichts, drumherum nur Schatten“, erklärt der 69-Jährige. Wenn dann plötzlich ein E-Scooter geräuschlos und damit unbemerkt an ihm vorbeidüse, könne es durchaus brenzlig werden. Zumal sich die E-Tretroller-Piloten seiner Erfahrung nach nicht auf den Radweg oder die Straße beschränken, sondern durchaus auch den Bürgersteig für sich beanspruchen.

Dabei sind die fahrenden E-Scooter nur das eine Problem. Das andere sind die parkenden. Nicht selten werden die Fahrzeuge mitten auf dem Gehweg abgestellt und damit im wahren Wortsinn zur gefährlichen Stolperfalle. An diesem Vormittag muss Bernd Neuefeind in der Aachener Innenstadt nicht lange gehen, um das zu demonstrieren. Ein E-Scooter steht schräg neben dem Eingang zur Elisengalerie am Friedrich-Wilhelm-Platz auf dem Bürgersteig. Eltern mit Kinderwagen weichen ihm aus, ebenso eine ältere Dame mit Rollator. Mit seinem Langstock erfühlt Bernd Neuefeind das Hindernis gerade noch rechtzeitig.

Das städtische Ordnungsamt verteilt mittlerweile zwar auch Knöllchen für falsch geparkte E-Scooter. In diesem Fall wäre aber wohl kein gelber Zettel am Lenkrad gelandet. Denn mit einer „Restgehwegbreite“ von mehr als 1,20 Meter wäre noch genug Platz, um eine Behinderung anderer auszuschließen. Zumindest nach offizieller Lesart. Bernd Neuefeind wertet das durchaus anders. Für ihn steht fest: Die Stadt Aachen muss verstärkt und konsequent kontrollieren, wie E-Scooter abgestellt werden, damit Menschen mit einer Sehbehinderung nicht gefährdet werden.

Finden, fahren, parken: So geht der neue E-Scooter-Trend

Der Paritätische Gesamtverband geht in seinen Forderungen für den Umgang mit den Elektrofahrzeugen sogar noch einen Schritt weiter. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Wohlfahrtsverbandes, forderte jüngst in einem Brandbrief an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), die Zulassung für E-Tretroller zurückzunehmen, bis umsetzbare Lösungen für die „unerträgliche“ Situation gefunden seien: „Für blinde Menschen mit Langstock stellen die im Weg stehenden und liegenden Roller gefährliche Hindernisse dar“, heißt es in dem Schreiben. Und weiter: „Es darf nicht sein, dass die Nutzung der öffentlichen Gehwege für diese Personen zur Zumutung wird.“

In Aachen sei die Situation rund um die E-Scooter zwar längst nicht so chaotisch wie in manch anderen größeren Städten. Nachholbedarf bestehe aber dennoch, sagt Neuefeind. Auch beim Stichwort „Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht“. Dass E-Scooter zum Beispiel möglichst platzsparend an die Hauswand gestellt werden, sei für Blinde fatal. „Die Hauswand ist meine Hauptorientierung“, erklärt Neuefeind. Man sollte sie lieber entlang des Bordsteins abstellen oder – noch besser – an klar definierten Stellplätzen. Damit der Spaziergang durch die Innenstadt nicht länger zum Hürdenlauf wird.

Mehr von Aachener Zeitung