Aachen: Die Reichskrone ist aus dem Rathaus verschwunden

Glossiert : Verliehen, verschwunden: Die Reichskrone ist futsch

Eigentlich sollte sie längst wieder da sein, doch Besucher des Aachener Rathauses müssen weiter vergebens nach ihr suchen: die Kopie der Reichskrone. Warum sie aus dem Rathaus verschwunden ist, hat einen handfesten Grund, wie unser Redakteur Robert Esser in seiner Glosse feststellt.

Das ist ja wohl die Krönung! Was keineswegs nur metaphorisch gemeint ist, versteht sich. Tatsache ist nämlich: Die Reichskrone aus dem Rathaus ist weg. Verschwunden. Futsch. Verkramt. Die Reichskleinodien um ihr Glanzstück beraubt! Aber nicht vergessen. Wer genau hinschaut, erkennt in der Kapellenerker-Vitrine des Krönungssaals hinter zentimeterdickem Glas einen hoddeligen Zettel anstelle der wertvollen Kronen-Kopie.

Das Original beherbergt bekanntlich die Kaiserliche Schatzkammer in der Wiener Hofburg. Auf dem Aachener Zettel steht, dass die kostbare Kopie der Reichskrone „während des Zeitraums vom 15.7. bis 4.11.2018 zur Ausstellung der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatsstiftes Zeitz mit dem Titel ,Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte’ verliehen“ wurde. Was ja nett ist.

Aber: Gut zwei Monate später thront die Kronen-Kopie – handgefertigt von hiesigen Juwelieren vor 100 Jahren – noch immer nicht am angestammten Platz. Heerscharen von Besuchern und Touristen aus aller Welt müssen seither auf den erhebenden Anblick verzichten. Dabei soll das Juwel nach 16-wöchiger Ausleihzeit seit neun Wochen zurück sein. Eine Überschreitung um 56,2 Prozent.

Das lange Warten auf den Fahrer

Die Aachener Stadtverwaltung teilt nun auf Nachfrage unserer Zeitung mit, dass die Krone durchaus einige Wochen nach dem Merseburger Ausstellungsfinale wieder im Westzipfel eingetrudelt ist. Und zwar in ein klimatisiertes Depot des Suermondt-Ludwig-Museums. Und dort warte sie seitdem auf den Rücktransport ins Rathaus. Weil: Für die 1200 Meter lange Strecke von Wilhelmstraße zum Markt konnte seit Wochen kein Fahrer, kein Chauffeur, kein Transporteur aufgetrieben werden. Personalmangel. Ehrlich. Außerdem war Weihnachtsmarkt. Und so weiter. Jedenfalls ist laut offizieller Aussage völlig unklar, wann das gute Stück endlich wieder von der Öffentlichkeit bewundert werden kann.

Also Tacheles: Angesichts der Erklärung aus berufenem Munde ist uns selbstverständlich klar, dass in Wirklichkeit ein ganz anderer Grund für die 56,2-prozentige Verspätung vorliegt. Denn die Wahrheit ist: Längst muss alles in Aachen mindestens um die Hälfte länger dauern als geplant. Muss!

Das ist Gesetz und gilt ganz erfolgreich für Anträge bei der Bauverwaltung, für Wartezeiten beim Bürgerservice, für die Schlange vor dem Hangeweiher-Freibad, für Telefon-Warteschleifen, für die Bebauung der Trümmerlandschaft neben dem Hauptbahnhof, für den Abriss des Büchel-Parkhauses, für diverse Straßenbaustellen, für den Wiederaufstieg von Alemannia Aachen, für viele Programme von Karnevalssitzungen – bis hin zur Reparatur des kaputten Mediendisplays neben der Reichskleinodienglasvitrine.

Da bricht doch wirklich keinem ein Zacken aus der Krone, wenn er die Rückkehr der Reichsinsignien-Kopie etwas vertrödelt. Lächerlich. Mal abwarten, wann Reichsschwert, Zepter und Apfel auf Reisen gehen. Und pünktlich verspätet heimkehren, versteht sich.

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