Aachen: Der Wochenrückblick nach der Wahl

Kommentar : Der Spaßfaktor oder: Es geht ums „usw.“

War das ein Spaß! Nein, wir wollen hier nicht despektierlich über das hohe Gut der demokratischen Wahlen spotten. Im Gegenteil: Spaß hat’s gemacht, weil der Urnengang am vergangenen Sonntag eine besondere Wahl war. Endlich einmal sind richtig viele Menschen Kreuzchen malen gegangen. Die Wahlbeteiligung vor allem auch in Aachen konnte sich sehen lassen. Das ist bei vielen Wahlen der jüngeren Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen.

Okay, der Spaßfaktor ist nach Auszählung der Stimmen bei dem ein oder anderen eher in den Bereich des Marginalen entschwunden. Nehmen wir zum Beispiel die Sozialdemokraten. Immerhin rund 17.900 Aachener erinnerten sich daran, dass es die SPD noch gibt, und erklärten sich mit ihr solidarisch. Gemeinsam verlieren, lautete das Motto. 15,3 Prozent, was für ein Desaster. Wie der noch relativ frische SPD-Vorsitzende Mathias Dopatka auf die Idee kommen kann, mit einer solch überschaubaren Fangemeinde im Rücken Anspruch auf eine Nominierung als OB-Kandidat zu haben, ist ein Rätsel. Den Fall können wir seit Sonntag abhaken. Die Genossen sind raus aus dem OB-Spiel. Da verstehen die Wähler – und sicher auch viele Genossen – keinen Spaß!

Christdemokraten brauchen derzeit übrigens auch keine Vergnügungssteuer zu bezahlen. Obwohl: 25.760 haben noch mehr oder weniger Spaß an der CDU. Oder es ist ihnen nichts anderes eingefallen. Egal. Mit 22 Prozent Stimmenanteil kann man keine Jubelfeste feiern. Entsprechend waren auch die Mienen der CDU-Vertreter am Wahlabend: betreten. Man stelle sich vor, das ließe sich bis zur Kommunalwahl nicht mehr korrigieren. Dann wäre die CDU auch ihr OB-Amt los. Der Amtsinhaber hält sich ohnehin bedeckt, ob es ihm auch über 2020 hinaus Spaß machen soll, den ersten Bürger der Stadt zu geben. Vielleicht sucht sich Philipp eine Alternative zum Rathaus-Job? Die Gerüchteküche wurde diesbezüglich am Sonntag schon einmal vorgeheizt. Nach der Wahl ist vor der Wahl...

Auch wenn sich manch einer schwarz ärgert: Aachen ist grün. Im Moment. So gut wie jeder dritte Wähler hat so entschieden. Eine Sensation? Vielleicht, aber auch nur eine ganz kleine. Grün ist traditionell in Aachen stark, es gab schon einmal bei Europawahlen um die 20 Prozent. Die aktuelle politische Stimmung im Land spielt den Grünen in die Karten, sie haben offensichtlich für viele Menschen auch in Aachen die richtigen Antworten auf viele politische Fragen. Aber sie haben jetzt auch ein (Luxus-)Problem: Woher sollen sie das Personal nehmen, wenn der Trend bei der Kommunalwahl anhält? Dann gälte es, viele Posten zu besetzen, um politisch agieren zu können. Bis hinein ins Rathaus, zweite Türe links? Da ist das OB-Büro. Und es ist nicht vermessen zu denken, dass dort ab Herbst 2020 ein Grüner oder eine Grüne das Sagen hat.

Wo hört der Spaß auf in der Politik? Oder wo fängt er an? Schwierige Frage. Da kann man sich schnell vergaloppieren. Das ist uns, so viel Reue muss sein, am Wahlabend passiert. Wir haben die Partei, die DIE PARTEI geschrieben werden möchte, aber von uns dennoch weiter als Die Partei geführt wird, als Spaßpartei bezeichnet. Was für ein Irrtum. Die Partei legt Wert darauf, keine Spaß-, sondern eine Satirepartei zu sein. Und auch unsere Behauptung, den Polit-Spaßmachern, pardon, -Satirikern mangele es an Programm, war eine Fehlinterpretation. Ein Parteisprecher teilte am Dienstag mit, „Klimaschutz ist uns wichtig, wir wollen die Demokratie in Europa stärken, sind gegen eine Militarisierung der EU, usw.“ Sorry, wir werden es nie mehr vergessen. Vor allem das „usw.“ nicht. Vielleicht gibt es bei der Kommunalwahl noch mehr Aachenerinnen und Aachener, denen „usw.“ in der Politik wichtig ist. Das würde der Partei noch mehr Kraft in Aachen geben, von wegen Ratssitze usw. Das wäre ein Spaß, usw.

Und so weiter, und so weiter... Die Wahlnachlese bietet noch so viele Facetten, man könnte sich dranhalten. Vielleicht das noch: Die Partei Volt steht in Aachen mächtig unter Strom: 2,9 Prozent, Respekt. Damit ließ man zum Beispiel die Piraten, die in schwerem Gewässer zum Land der „Ferner liefen....“ segeln, ziemlich deutlich hinter sich. Ahoi, möchte man den Voltern zurufen, oder wie wir Spaßsatiriker sagen: usw.

Was blieb diese Woche also außer der Wahl? Ach ja, Karlspreis. Wer aus Versehen Donnerstagvormittag den Fernseher anmachte, hat’s gemerkt. Ansonsten fand die Veranstaltung mehr im Saal statt. Man kann den Stellenwert eines Karlspreises und seines Trägers sicher nicht daran messen, wie viele Menschen vor dem Rathaus oder auf dem Katschhof stehen. Aber bezeichnend war es schon, wie wenige Menschen in der Stadt davon Notiz nahmen. Gestern war die Stadt dann krachend voll. Die Priorisierung der Menschen in Sachen Interesse ist halt individuell.

In diesem Sinne: Schönes Wochenende, viel Spaß usw.!

a.peltzer@zeitungsverlag-aachen.de

Mehr von Aachener Zeitung