Aachen: Das "Aus" der ältesten Apotheke der Stadt ist besiegelt

Nach mehr als 400 Jahren : Die Karls-Apotheke am Markt macht dicht

Der Einzelhandel kränkelt. Wirksame Gegenmittel gibt es nicht. Darunter leidet auch das lokale Pharmageschäft. Mit der Karls-Apotheke schließt Ende August die älteste Apotheke der Kaiserstadt nach über 400 Jahren für immer ihre Türen.

Apothekerin Gabriele Neumann nimmt Abschied von dem berühmten Haus am Markt 43 an der Ecke zur Pontstraße. „Es ist mir sehr schwer gefallen, diese Entscheidung mit allen einschneidenden persönlichen Konsequenzen zu treffen“, räumt Neumann ein. „Doch die wirtschaftliche Situation der Apotheken in Deutschland wird zunehmend schwieriger“, erklärt die Vorsitzende des Apotheker-Verbandes Aachen.

Nun trifft die Krise die vielleicht prominenteste Apotheke der Stadt. 2001 hat Neumann die Karls-Apotheke übernommen. „Alles lief wunderbar, bis das riesige Einkaufszentrum Aquis Plaza vor einigen Jahren am Kaiserplatz eröffnete und sich damit die Kundenströme in Aachen komplett änderten. „Wir zählen hier auf dem Markt seitdem rund 20 Prozent weniger Kundschaft in der Apotheke, und der Negativtrend hält an“, sagt Neumann.

Das sei auch an vielen leerstehenden Geschäftslokalen in der Altstadt ablesbar. Der Online-Handel mit Medikamenten – gerade aus den preiswerteren Niederlanden – kostet die stationären Apotheken zusätzlich Geld. Hinzu kommen steigende Neben- und Personalkosten, während die Vergütung für Medikamente in den vergangenen zehn Jahren nicht nennenswert angepasst wurde.

Ausschlaggebend für das Aus der Karls-Apotheke sind aber nicht nur Umsatzzahlen. „So wie die Karls-Apotheke in diesem wundervollen historischen Haus beheimatet ist, kann sie leider von niemand anderem übernommen werden. Das verhindert die ständig verschärfte Apothekenbetriebsordnung“, erläutert die Inhaberin. So müsste beispielsweise das Labor komplett erneuert werden. Holzvertäfelungen – wie in dem denkmalgeschützten Gebäude vorhanden – seien plötzlich nicht mehr erlaubt, auch ein neues Abluftsystem sei gefordert. „Das lässt sich in diesen Räumen gar nicht realisieren“, stellt Neumann fest.

Auch ein computergesteuertes, vollautomatisches Medikamenten-Lager- und Ausgabesystem könne man auf den drei Etagen des Eckhauses nicht realisieren. „Solch ein standardmäßiger Rowa-Kommissionierautomat würde aufgrund seines Gewichts durch den Fußboden brechen, die Traglast unserer Holzdecken liegt bei nur 250 Kilogramm pro Quadratmeter“, rechnet die Apothekerin vor.

Schlussstrich nach vielen Jahren: Apothekerin Gabriele Neumann schließt am 28. August für immer die Türen der Karls-Apotheke. Foto: Andreas Steindl

So endet am 28. August 2019 eine außergewöhnlich lange Tradition. Aus dem Jahr 1615 stammt der erste schriftliche Nachweis der Karls-Apotheke. Peter Gersthoven hieß der erste nachweisbare Inhaber. Sein Enkel, ebenfalls Apotheker, verlegte den Pharmahandel im Jahr 1696 in das heutige Eckhaus – das damals „Haus zum wilden Mann“ und noch früher „Brüsselhaus“ genannt wurde. Generationen von Apothekern heilten hier ihre Kundschaft aus Aachener Familien. Vor Neumann war die Apotheke 64 Jahre im Besitz der Apotheker-Familie Glombitza.

„Über 400 Jahre Kriege, Stadtbrand, Pest, Cholera und gefühlte 20 Gesundheitsreformen hat die Apotheke überstanden. Ich hätte mir selbst vor vier Jahren, zu unserem großen 400-jährigen Jubiläum, niemals vorstellen können, dass hier bald Schluss sein muss“, resümiert Neumann. Und sie prophezeit: „Ich werde sicher nicht die Letzte sein.“

In jüngster Zeit machte die Apotheke in den Aachen-Arkaden dicht, zudem die Harscamp-Apotheke, die Adalbert-Apotheke, die Apotheke in Aachen-Forst – zuvor traf es die Hubertus-Apotheke in der Oppenhoffallee und weitere Kollegen Neumanns. Als sie 2001 die Karls-Apotheke übernahm, zählte Aachen noch 82 Apotheken – aktuell sind es noch 63.

Gabriele Neumann will sich aber nicht nur als Vorsitzende des Apothekerverbandes weiter für ihren – aus ihrer Perspektive von der Politik vernachlässigten – Berufsstand engagieren. Sie wird ab September als angestellte Apothekerin in der benachbarten Markt-Apotheke weiterhin Kunden und Patienten zur Seite stehen.

Auch ihr sechsköpfiges Mitarbeiter-Team hat neue Arbeitsplätze gefunden. Das Schicksal der Karls-Apotheke ist indes besiegelt. Wie das Eckhaus – am Markt umringt von Gastronomiebetrieben aller Art – künftig genutzt wird, ist völlig offen. Die Apotheker-Tradition endet, was nicht nur für die Stammkundschaft eine bittere Pille ist.

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