Aachen: Berühmter Architekt lehnte Teilnahme an Wettbewerb ab

Verwaltungsgebäude Katschhof : Das Haus, das Mies van der Rohe nicht bauen wollte

Mitte der 1950er Jahre beschlossen die Aachener Stadtväter, zwischen Dom und Rathaus ein neues Verwaltungsgebäude zu bauen. Denn das alte Haus am Katschhof hatte im Krieg schwer gelitten. Gerne hätten die Aachener es gesehen, wenn der gebürtige Aachener Ludwig Mies van der Rohe sich am Architektenwettbewerb für den Bau beteiligt hätte. Doch der berühmte Architekt lehnte dankend ab.

Der Brief, aufgegeben in Chicago, datiert vom 6. Juni 1956. In diesem Schreiben erteilt der damals längst weltbekannte Architekt Ludwig Mies van der Rohe seiner Geburtsstadt Aachen eine Absage. Mies möchte nicht am Architektenwettbewerb für den Bau eines neuen Verwaltungsgebäudes am Katschhof teilnehmen. Die Stadtväter dürften dieses Nein mit großem Bedauern aufgenommen haben. Ein modernes Verwaltungsgebäude, entworfen von dem großen Baumeister, hätte Aachen gut zu Gesicht gestanden. Schon seine Teilnahme am Wettbewerb hätte Aufsehen erregt. Denn in der Architektur seiner Geburtsstadt, die Ludwig Mies van der Rohe bereits 1905 verließ, hat er so gut wie keine Spuren hinterlassen.

„Man hätte wohl gerne gehabt, wenn Mies sich am Wettbewerb beteiligt hätte“, vermutet Dorothea Oelze. Sie ist im Aachener Stadtarchiv am Reichsweg Archivarin für den Bereich Bauunterlagen. Die Akten über den Bau des Verwaltungsgebäudes füllen allein im Bereich Hochbau mehr als 30 Mappen. Auch Mies van der Rohes Ablehnungsschreiben wird dort, bisher eher wenig beachtet, für die historische Forschung aufbewahrt.

Dass die Aachener überhaupt ein neues Verwaltungsgebäude brauchten, war eine Folge des Zweiten Weltkriegs. Das neugotische Verwaltungsgebäude mit seinem massiven Turm war schwer beschädigt worden und wurde schließlich abgerissen. Zudem hatte man nach dem Krieg wohl den Eindruck, dass der Bau, der wie eine mächtige Königsburg wirkte, das historische Ensemble von Dom und Rathaus doch arg beeinträchtigte. Ein moderner Neubau eröffnete an der Stelle neue Möglichkeiten.

Das Vorgängermodell: So sah das Verwaltungsgebäude am Katschhof (links im Bild) aus, das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde. Foto: Archiv

Die Stadt Aachen lobte für die Vorentwürfe einen Wettbewerb unter allen Architekten aus, die in Nordrhein-Westfalen lebten oder dort geboren waren. Neun namhafte Vertreter wurden persönlich zur Teilnahme aufgefordert, darunter Ludwig Mies van der Rohe, der in den USA lebte und wirkte. Dass man den berühmten Sohn Aachens unbedingt dabeihaben wollte, zeigt aus Oelzes Sicht die Tatsache, dass die Aachener sogar akribisch ausgerechnet hatten, was es kosten würde, das geforderte Modell zum Entwurf aus den USA nach Deutschland zu schicken.

221,40 Euro für den Versand per Luftpost, das wollte man dem Mann in Chicago offenbar nicht zumuten und bot ihm an, kein Modell zu liefern. Mit Rücksicht auf die Kosten „würden wir bei Ihnen selbstverständlich auf diese Forderung verzichten“, schreibt Aachens Oberstadtdirektor Dr. Anton Kurze dem sehr geehrten Herrn Mies van der Rohe. „Ich hoffe sehr, daß Sie als gebürtiger Aachener unter diesen Umständen uns mit Ihrer Zusage bald erfreuen werden“, fügt Kurze hoffnungsvoll hinzu. Der Durchschlag dieses Schreibens „in einer vaterstädtischen Angelegenheit“ wird ebenfalls im Stadtarchiv aufbewahrt. „Plant Mies van der Rohe das neue Verwaltungsgebäude?“ titelte damals die Aachener Volkszeitung.

„Sehr geehrter Herr Dr. Kurze“: Mit diesem Schreiben kam 1956 die Absage des großen Architekten aus Chicago. Foto: H504619/Harald Krömer

Im Juni 1956 kam dann allerdings die Absage von jenseits des großen Teichs. „Es wuerde fuer uns nicht schwierig sein, Ihnen einen Entwurf fuer ein Verwaltungsgebaeude auszuarbeiten“, teilt Mies van der Rohe zwar mit, führt dann jedoch weiter aus: „Aber die Einfuegung in die spezielle Situation zwischen Rathaus und Dom, in der ich das eigentliche Problem sehe, macht die Aufgabe von hier aus so schwierig ohne sorgfaeltiges Studium an Ort und Stelle, ja meiner Meinung nach unmoeglich. Ich habe mich deshalb entschlossen, mich nicht an dem Wettbewerb zu beteiligen.“

Eine guten Rat gab Mies van der Rohe den Aachenern gleichwohl noch: „Sie haben unter den aufgeforderten Architekten ausgezeichnete Leute. Ich kann nur hoffen, dass von dieser Seite befriedigende Loesungen zu Ihrem Problem ausgearbeitet werden. Mein Entschluss ist mir nicht leicht gefallen, aber ich bin wirklich ueberzeugt, dass es besser ist, einem guten Mann diese Aufgabe zu uebertragen, der die historische Situation wirklich vor Augen hat.“

Archivarin Dorothea Oelze betreut im Aachener Stadtarchiv die Bauunterlagen, auch jene über den Bau des Katschhofs. Foto: H504619/Harald Krömer

Den „guten Mann“ fanden die Aachener dann in Prof. Gerhard Graubner aus Hannover. Er gewann den Bauwettbewerb und sicherte sich ein Preisgeld von 7500 Mark. Auch Graubner bewertete das Areal zwischen Dom und Rathaus offenbar als besondere Herausforderung. „Er bat im Wettbewerb um eine Verlängerung der Frist“, berichtet Dorothea Oelze nach dem Studium der Akten. Graubners Begründung: Er müsse häufiger vor Ort sein, um die besondere Situation zwischen zwei Baudenkmälern in seinen Entwurf einzuarbeiten. Graubners preisgekrönter Plan wurde auch umgesetzt. Ab Herbst 1961 arbeitete die Verwaltung im neuen Haus, wie aus einer Sammlung von Presseartikeln im Stadtarchiv hervorgeht.

Der Brief, den Ludwig Mies van der Rohe vor über 60 Jahren aus Aachen erhielt, existiert übrigens auch noch. Die Architekten und Bauforscher Prof. Daniel Lohmann und Maike Scholz, die bereits seit langem zu Mies van der Rohes Spuren in Aachen forschen, haben ihn vor Kurzem in New York unter Briefen und Wettbewerbsunterlagen im Büro-Nachlass des Architekten gefunden. Bereits 2017 veröffentlichten Lohmann und Scholz unter der Überschrift „Zur neuen Welt“ einen Essay über Ludwig Mies und seine architektonische Jugend in Aachen.

Erwähnt wird darin auch das einzige erhaltene Gebäude in Aachen, an dessen Entwurf und Bau der junge Mies van der Rohe beteiligt war: die ehemalige Gaststätte „Zur Neuen Welt“ von Joseph Oeben an der Alexanderstraße 109. Eine ausführlichere Version des Berichts soll im Herbst auf Deutsch erscheinen. Das Verwaltungsgebäude am Katschof, das Haus, das Mies van der Rohe in Aachen nicht bauen wollte, dürfte darin ebenfalls eine Rolle spielen.

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