Aachen: Armin Burke setzt mit dem Dumont Maßstäbe in Sachen Live-Jazz

Interview : „Magische Momente, die man nur live erlebt“

Seinen „Applaus“ erhält er inzwischen quasi in Serie – und zwar nicht nur im angesagten Jazz-Lokal an der Zollernstraße, sondern auch auf höchsten politischen Ebenen. Ende vergangenen Jahres hat Armin Burke zum vierten Mal die gleichnamige Auszeichnung der renommierten, bundesweit aktiven „Initiative Musik“ eingeheimst.

Seit Burke die kleine, aber feine Gaststätte 1996 übernommen hat, übt das Dumont eine geradezu magische Anziehungskraft auf Fans und Pro-
tagonisten der improvisierten Klangkunst aus. Ungezählte hochkarätige Musiker wissen die heimelig-intime Club-Atmosphäre der Traditionskneipe im Frankenberger Viertel ebenso zu schätzen wie ein ebenso treues und stetig wachsendes Publikum. Unserem Redakteur Matthias Hinrichs hat Armin Burke nun mehr als einen Einblick hinter die Kulissen (s)einer ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte gewährt.

Erst einmal: Herzlichen Glückwunsch! Im November ist das Dumont schon wieder mit dem „Applaus“ inklusive Preisgeld ausgezeichnet worden. Waren Sie schon auf Shopping-Tour im Dienste der örtlichen Jazz-Szene?

Burke: Selbstverständlich ist der Betrag immer zweckgebunden, und es gehört dazu, dass man im Vorfeld einen Kostenplan einreicht, um transparent zu machen, wie das Preisgeld gegebenenfalls verwendet werden soll. Diesmal ist ein Teil der Summe für die Anschaffung eines Schlagzeugs und von zwei Lautsprechermonitoren draufgegangen. Der Großteil des Preisgeldes wird allerdings in die Künstler und ins Veranstaltungsprogramm investiert.

Inzwischen müssten Sie mit der Berliner Kulturstaatsministerin ganz gut bekannt sein. Monika Grütters überreicht die Auszeichnung dem Vernehmen nach beim Festakt in Mannheim meist persönlich . . .

Burke: Diesmal war die Ministerin allerdings verhindert. Aber die Veranstaltung in Mannheim ist so oder so in jedem Fall wichtig. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Club-Betreibern aus ganz Deutschland spielt natürlich eine ganz große Rolle, aber es ist auch eine Frage von Wertschätzung und Respekt, den Preis persönlich in Empfang zu nehmen.

Welche Kriterien sind bei der Preisvergabe entscheidend?

Burke: In erster Linie geht es darum, dass man ein Programm mit hoher künstlerischer Qualität anbietet, und zwar möglichst kontinuierlich. Im Dumont finden pro Jahr etwa 25 hochklassige Konzerte statt. Dabei steht auch die Förderung von jungen, heranwachsenden Musikern im Fokus. Außerdem wird großer Wert darauf gelegt, dass die Preisträger, hier die Clubs, die Gastspiele selbst organisieren und nicht etwa über irgendwelche Agenturen abwickeln, die den Laden dann eigentlich nur mieten. Und es wird darauf geachtet, dass die Künstler angemessen entlohnt werden.

Klingt, frei nach Karl Valentin, sehr schön, aber auch nach sehr viel Arbeit.

Burke: In der Tat. Die Organisation der Konzerte kostet mich teilweise mehr Energie und Zeit als das „ganz normale“ gastronomische Geschäft, schließlich ist ein hohes musikalisches Niveau für eine Spielstätte mit unserem Anspruch absolut unerlässlich. Pro Jahr bekomme ich über 1000 Angebote von Bands, die erst einmal gesichtet werden müssen. Besser gesagt: Deren Sachen müssen alle gehört werden, bevor ich entscheiden kann, ob sie für einen Auftritt infrage kommen. Wenn ja, müssen entsprechende Termine und gegebenenfalls Logis-Möglichkeiten vereinbart werden. Das ist schon ein riesiger Aufwand.

Man übertreibt wohl nicht, wenn man Sie als kühnen Einzelkämpfer bezeichnet. Ein so regelmäßiges Angebot für Modern Jazz wie im Dumont gibt es ansonsten nicht in Aachen und Umgebung, wenn man vielleicht mal absieht von der Gesellschaft für Zeitgenössische Musik mit der Klangbrücke. Wie steht es um den Kontakt zu anderen Initiativen? Der Musikbunker zum Beispiel ist ja gleich um die Ecke.

Burke: Natürlich kennt man sich und tauscht sich gelegentlich aus. Ich muss aber sagen, dass es meist schwierig ist, sich zum Beispiel bei der Terminplanung abzusprechen, da die Programmgestaltung in der Regel recht langfristig angelegt ist. Mit unserem hochwertigen Jazz-Angebot füllen wir tatsächlich ja auch eine Nische. Der Sonntag hat sich mittlerweile als „fester Jazz-Sonntag“ etabliert.

Hadern Sie trotzdem manchmal mit dem Umstand, dass das Dumont nicht im Stadtkern liegt?

Burke: Nein, ganz im Gegenteil. In diesem Viertel fühle ich mich bestens aufgehoben. Über die Jahre ist eine feste „Fan-Klientel“ von Leuten gewachsen, die regelmäßig zu unseren Konzerten kommen und das Angebot sehr zu schätzen wissen. Selbstverständlich ist es wichtig, dass dieser Kreis sich ständig erweitert; viele, die zum ersten Mal die besondere, intime Club-Atmosphäre bei uns erlebt haben, bleiben uns treu. Was man Laufkundschaft nennt, kennen wir eher aus dem normalen Kneipenbetrieb, und auch in dieser Hinsicht ist das Dumont ja seit Jahr und Tag eine durchaus bekannte Adresse, nicht nur für Nachtschwärmer.

Apropos: Vor ein paar Jahren ist die Furcht vor dem großen „Club-
sterben“ in Aachen umgegangen. Nachdem Jakobshof und Malteserkeller dichtmachen mussten, gab es sogar größere Kundgebungen von und mit Musikern aus der Region. Auch in der Politik wurde das Thema intensiv diskutiert. Da war unter anderem von einem „Nachtbürgermeister“ die Rede, der eine Art Kommunikationsbrücke zwischen Programmmachern, Publikum und Behörden aufbauen sollte, wie das etwa in Mainz seit einiger Zeit der Fall ist. Getan hat sich seither aber wenig bis nichts. Deshalb nochmal: Wäre es nicht sinnvoll, wenn sich die Musikszene in Aachen intensiver vernetzen würde?

Burke: Das wäre sicher gut, auch, um den Handlungsdruck zu erhöhen. Es gibt da übrigens bereits einen Vorstoß, auf den ich gleich gern noch zu sprechen komme. Aus meiner Sicht liegt ein Kernproblem aber darin, dass die Kultur- und Kneipenszene früher lebendiger war; die Leute gehen einfach nicht mehr so oft raus. Zudem gibt es bei den Veranstaltern viele unterschiedliche Interessen, die nicht so einfach unter einen Hut zu bekommen sind. Entscheidend kommt hinzu, dass die Geisteswissenschaften in Aachen seit Jahren völlig unterrepräsentiert sind, da fehlt es in gewisser Hinsicht am Resonanzboden. Es ist ja nichts Neues, dass sich die Freizeitgewohnheiten im Zeichen der allgegenwärtigen Digitalisierung erheblich verändern; es ist schlicht schwieriger geworden, die Menschen vom Sofa herunterzulocken. Andererseits: Es gibt nach wie vor eine Menge Kulturangebote unterschiedlichster Art. Ich glaube, viele Aachener sehen das nicht und schimpfen auch ganz gern mal drauf los, obwohl doch eine ganze Menge passiert.

Trotzdem kritisieren viele „freie“ Kreative und Initiativen, dass die Politik ihre Arbeit nicht hinreichend würdige – auch in finanzieller Hinsicht. Die städtischen Zuschüsse für „Kultureinrichtungen außerhalb städtischer Einrichtungen“ sind zuletzt um gerade mal 25.000 Euro angehoben worden, obwohl es eigentlich mindestens 50.000 Euro sein sollten. Tut „die Politik“ zu wenig?

Burke: Die Politik hat aus meiner Sicht weder Mittel noch Ressourcen, um wirklich beurteilen zu können, wo und wie gezielt gefördert werden müsste. Es ist einfach wahnsinnig aufwendig, die ganzen Angebote zu sichten, zu bewerten und zu kontrollieren; das Geld soll ja der Kulturförderung zugute kommen und nicht in irgendwelchen Kanälen versickern. Mir liegt es am Herzen, wirklich innovative Musik zu präsentieren – damit muss man sich aber intensiv auseinandersetzen.

Tatsächlich gibt es nach wie vor eine ganze Reihe von Gaststätten, die regelmäßig Live-Gigs präsentieren. Was macht den besonderen Reiz des Dumont aus?

Burke: Das Dumont gibt es schon seit vielen Jahrzehnten, seit „Madame Dumont“ hier an der Zollernstraße die ersten Biere gezapft hat und damit sozusagen selbst zu einer Art Institution geworden ist. Wir sind eben eine echte Traditionskneipe. Wir haben einen wunderbaren Biergarten, der sich im Sommer größter Beliebtheit erfreut. Und wir sind ein richtiger Nachtladen, der bis in die frühen Morgenstunden Publikum anzieht. Der besondere Reiz liegt für mich auch darin, dass letzteres sehr gemischt daherkommt, Junge und Alte uns gleichermaßen schätzen. Das gilt auch für die Musiker, die uns beehren. Es hat sich herumgesprochen, dass ich großen Wert darauf lege, auf individuelle Wünsche und Bedürfnisse einzugehen, den Künstlern mit größtem Respekt begegne und versuche, ihnen alles so komfortabel wie möglich einzurichten. Und: Sie wissen, dass sie auf ein sehr gutes Publikum setzen können.

Heißt?

Burke: Unsere Gäste wissen in aller Regel zu schätzen, was hier dargeboten wird. Sie sind meist fachkundig, sie wollen und können gut zuhören. Jazz ist immer Improvisation und erneuert sich von daher ständig praktisch von selbst. Das ist das Entscheidende. Dabei spielt es eine große Rolle, dass die Konzerte von lockerer, intimer Atmosphäre geprägt sind; Zuhörer und Musiker gehen quasi auf Tuchfühlung und treten in einen Dialog. Fast immer bleiben die Künstler noch auf ein Bierchen oder ein Single-Malt, wenn die Instrumente längst eingepackt sind. Diese Interaktion lässt diese magischen Momente entstehen, die man nur live erleben kann.

Trotzdem haben Sie bestimmt noch den einen oder anderen Wunsch oder sogar besondere Vorsätze für 2019, oder?

Burke: Stimmt, von wegen Vernetzung: Zum Jahresbeginn gehe ich mit ein paar Gleichgesinnten in einem gemeinnützigen Verein an den Start, den wir „Kultursyndikat“ genannt haben. Dabei wollen wir auch andere Spielstätten für die Jazzmusik erschließen. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass wir einmal ein großes Konzert im Stadttheater veranstalten; das könnte eine tolle Plattform nicht nur für so etablierte Jazzer wie Klaus Doldinger bieten. Und natürlich freue ich mich jetzt schon auf die nächsten Gastspiele bei uns an der Zollernstraße. Wir sind jedenfalls entschlossen, das hohe Niveau zu halten, das wir uns über Jahre hinweg erarbeitet haben, und es möglichst weiterzuentwickeln. Als nächstes ist zum Beispiel mit Pangea Ultima eine Formation am Start, bei der jeder die Möglichkeit hat, sich auch davon zu überzeugen.

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