Aachen: Angebot für Sehbehinderte und Blinde

Ein ganz besonderer Tanzkurs : Mehr Körpergefühl und Sicherheit

Dass Sehbehinderte und Blinde die Chance auf einen Tanzkurs bekommen, ist wohl eher selten. Die Selbsthilfegruppe der von AMD Betroffenen trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat zu einer gemütlichen Runde in der Volkshochschule (VHS) in der Peterstraße.

„Hacke, Hacke, Spitze, Spitze, Hacke, Spitze, hoch das Bein“: Udo Hees gibt klare Anweisungen, und die Tänzer folgen ihm aufs Wort. Dabei ist es gar noch so einfach, auf einem Bein zu stehen und dabei die Balance zu halten. Gerade für ältere Menschen mit einer Sehbehinderung ist das eine ganz besondere Herausforderung.

Das meinen auch Marlene (76) und Renate (86). „Es sieht alles so einfach aus, aber man muss sich schon konzentrieren, um es hinzubekommen“, sagen sie. Udo Hees hat seine Gruppe gut im Griff, und so klappt das mit der einstudierten Schrittfolge schon recht gut. Blindenhündin Elisabeth bleibt gewöhnlich unberührt vom Geschehen etwas abseits liegen und rührt sich erst dann wieder, wenn die Stunde zu Ende geht.

Dass Sehbehinderte und Blinde die Chance auf einen Tanzkurs bekommen, ist wohl eher selten. Für Mike Hanisch, Leiter der Selbsthilfegruppe Altersbedingte Makuladegeneration (AMD), ist das Tanzen schon seit geraumer Zeit die Möglichkeit, trotz zunehmender Sehbehinderung sportlich aktiv zu sein. Bei der AMD handelt es sich um eine Erkrankung der Netzhaut des Auges, die mit zunehmendem Alter zu hochgradiger Sehbehinderung oder sogar Blindheit führt.

„Im Jahr 2020 werden in Deutschland rund 5 Millionen Menschen betroffen sein“, sagt Mike Hanisch. Was das im Alltag heißt, weiß er als Betroffener sehr genau. „Ich habe früher Tennis gespielt“, erzählt er, aber das ging mit Nachlassen der zentralen Sehschärfe dann natürlich nicht mehr. Heute tanzt er mit seiner Frau, und das verschafft beiden einen guten Ausgleich.

Tanzkurs für blinde und sehbehinderte Menschen

„Das Tanzen hilft dabei, Bewegungen zu koordinieren sowie Räume und Entfernungen wahrzunehmen“, sagt Hanisch. Und das gebe Körpergefühl und Sicherheit, meint er weiter. Das können die sehbehinderten und zum Teil auch blinden Tänzer und Tänzerinnen nur bestätigen. Sie sind begeistert von dem Tanzkurs, und insbesondere auch von ihrem Lehrer Udo Hees, der das „sehr gut mache“ mit dem Kurs. Wichtig ist mach Meinung von Hees, „die Bewegungen immer sprachlich zu begleiten“.

Außerdem weiß er, dass die Orientation im Raum für die Tänzer und Tänzerinnen ein großes Problem ist. Getanzt wird in der Gruppe, also wie beim Line-Dance, oder Party-Dance: Es geht vorwärts, seitwärts und rückwärts. Dazu kommt laut Udo Hees dann noch die ein oder andere Drehung. „Drehungen sind eine ganz besondere Herausforderung für Sehbehinderte“, sagt er. Denn ihnen fehle die Orientierung und das mache solche Bewegungen für sie besonders kompliziert. „Aber der Tanzsaal bietet immerhin eine Orientierung mittels Hell und Dunkel“, räumt er ein.

Seine Tänzerinnen und Tänzer sind konzentriert bei der Sache. Die Schrittfolgen werden ständig wiederholt, und so schulen die Tänzer Koordination, Gleichgewichtssinn und natürlich auch das Gedächtnis. „Das hält fit“, schwärmen sie im Anschluss. Auf den Geschmack gekommen sind sie im Herbst des vergangenen Jahres.

Damals nutzten sie im Rahmen ihrer AMD-Selbsthilfegruppe die Möglichkeit, an einer Schnupperstunde in der ADTV Tanzschule Udo Hees in Brand teilzunehmen. Willkommen waren damals auch alle anderen sehbehinderten oder blinden Interessenten. Die Schnupperstunde kam so gut an, dass schließlich ein ganzer Kurs mit insgesamt acht Einheiten daraus wurde: Die Selbsthilfevereinigung Pro Retina und die Allgemeine Ortskrankenkasse AOK übernahmen die Finanzierung.

Die Selbsthilfegruppe der von AMD Betroffenen trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat zu einer gemütlichen Runde in der Volkshochschule (VHS) in der Peterstraße. „Wir erleben hier so etwas wie Solidarität und tauschen Erfahrungen aus“, erzählt Mike Hanisch. Hin und wieder werden Referenten eingeladen, die zu unterschiedlichen Themen sprechen.

„Darüber hinaus geben wir uns Tipps und lebenspraktische Hilfen im Alltag“, erzählt Hanisch weiter. Der Tanzkurs bei Udo Hees in Aachen-Brand gebe den Sehbehinderten zudem Gelegenheit, beim Tanzen „Körper und Geist“ in Einklang zu bringen. Und das tut allen sichtlich gut.

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