Aachen: 60-Millionen-Projekt in Forst

Neubau des Polizeipräsiums fast bezugsfertig : Ganz böse Buben wohnen rechts

Nach 27 Monaten Bauzeit ist das neue Polizeipräsidium in Aachen-Forst jetzt fast bezugsfertig. 60 Millionen Euro hat Hoch-Tief an der Ecke Trierer Straße/Debyestraße nach einem Entwurf des Aachener Architekturbüros Hahn Helten verbaut. Ende März, Anfang April rollen die Umzugswagen an.

Wenn besonders böse Buben müssen, müssen sie in die Hocke gehen. Und wenn böse Buben nicht ganz so böse sind, dürfen sie sich setzen. Es gibt eben Unterschiede im Leben. Vor allem, wenn es sich hinter den sprichwörtlichen schwedischen Gardinen abspielt. Und wenn die sich im neuen Polizeipräsidium befinden. Dazu später mehr...

Was die Ordnungshüter angeht, so spielt sich der Wechsel von Alt nach Neu auf einer gänzlich anderen Ebene ab. Im bisherigen Präsidium in der Soers – zum Beispiel – pfeift der Wind bisweilen so durch die (geschlossenen) Fenster, dass der ein oder andere Beamte mit Stahlstiften im Rahmen den ungewollten Klimawandel stoppen muss, per Dienstschraubendreher sozusagen. Im neuen Präsidium in Forst wird ein feinstens ausgeklügeltes Frischluftsystem für angenehme Arbeitsatmosphäre sorgen. Nicht nur deshalb freuen sich die rund 1200 Polizeimitarbeiter – vom Sachbearbeiter bis zum Kommissar – auf den kommenden Frühling. Ende März, Anfang April werden die Umzugskisten gepackt. Innerhalb von drei Wochen werden sie ihr neues Mietobjekt an der Autobahnauffahrt Brand beziehen.

Die Leitstelle im neuen Polizeipräsidium: Laut Ralf Coopmann, stellvertretender Geschäftsführer des Projekts Neuanmietung“ werden hier sechs bis zehn Beamte den Rund-um-Betrieb der Polizei steuern. Foto: ZVA/Michael Jaspers
Heller, moderner, offener: Rundgang im neuen Polizeipräsidium

Heller, freundlicher, luftiger – es gibt im Vergleich zur heftig in die Jahre gekommenen Immobilie in der Soers eigentlich nur Superlative. Dabei kommt der Bau außen und innen nicht spektakulär daher. Ausgesprochen zweckmäßig ist er, bestens auf ideale Arbeitsabläufe abgestimmt. 1000 Zimmer auf 22.500 Quadratmetern Fläche. Ein perfekt ausgeklügeltes System bis ins sprichwörtlich kleinste Detail

Womit wir wieder bei den Menschen sind, um die es – neben den Beschäftigten – dort gehen wird: böse Buben eben. Gendermäßig mag die Vereinfachung erlaubt sein, es geht in der Hauptsache um männliche Klienten. Für die sind unter anderem 20 Zellen reserviert. Gewahrsam nennt sich der Bereich im Untergeschoss Was irgendwie gemütlich klingt – aber alles andere als das ist. Vor allem, wenn man richtig Mist gebaut hat. Denn dann landet man rechts. Dort sind die Zellen für ganz schwere Jungs. Gekachelt, ein etwa zehn Zentimeter hohes Podest als „Liege“. Mit der Möglichkeit, im Fall der Fälle den Besucher am „Bett“ zu fixieren. Ruhe ist dann erste Verbrecherpflicht. Und wenn – wir wiederholen uns an dieser Stelle – die Not groß ist, steht dem Klienten ein klassisches französisches Stehklo – oder sollte man Hock-Klo sagen? – zur Verfügung. Links vom Flur finden die kleineren Fische Unterkunft. Die Liege ist etwa einen halben Meter hoch, auch gekachelt, aber mit Holz belegt. Der stille Ort hat klassisches Design. Und warum der Unterschied zwischen links und rechts, zwischen Hocken und Sitzen? Wohl, weil erfahrungsgemäß das allgemeine Sozialverhalten auf beiden Seiten des Flurs signifikant unterschiedlich ist. „Das merkt man vor allem, wenn man hinterher saubermachen muss“, weiß Ralf Coopmann.

Umzug im Frühjahr: Rund 60 Millionen Euro hat der vom Aachener Architekturbüro Hahn Helten entworfene Neubau an der Ecke Trierer Straße/Debyestraße gekostet. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Coopmann kennt das neue Präsidium wie seine sprichwörtliche Westentasche. Er ist Polizist, aber seit rund vier Jahren in anderer Mission unterwegs. Als „stellvertretender Geschäftsführer des Projektes Neuanmietung“ begleitet er mit einem größeren Stab an Kolleginnen und Kollegen den Neubau. Und in der Funktion hat er das weitläufige Gebäude ungezählte Male durchkämmt, vom Untergeschoss bis in die vierte Etage. Er kennt jeden Quadratzentimeter und jedes Standardbüro – je 18 Quadratmeter, zwei Schreibtische (elektrisch höhenverstellbar), ein Verhörtisch (halbrund angebaut). Er hat alle 42 Teeküchen inspiziert und verrät bei der ersten öffentlichen Führung durchs noch ziemlich verwaiste Haus, dass den Kolleginnen und Kollegen im Dauerdienst auch Kochplatte und Herd zur Verfügung stehen. Hier kocht der Kommissar persönlich!

Dabei braucht er das eigentlich nicht, denn im Erdgeschoss zur Trierer Straße hin befindet sich eine großzügige Kantine, die mehr sein wird als Verköstigungsstelle für Landesbedienstete. Coopmann: „Alles ist so konzipiert, dass wir die Kantine auch für die Bürger öffnen können.“ Und damit die auf den Geschmack kommen, castet ein nicht näher definierter Polizisten-Zirkel derzeit Kantinenpächter. Frei nach dem Motto: fürs Budget nur das Beste.

Schnell und effektiv soll der Polizeieinsatz sein. Und so sind Herz und Hirn des neuen Präsidiums nach modernsten Prämissen aufgebaut. Bis zu zehn Arbeitsplätze weist die Leitstelle in der vierten Etage auf. Sechs davon sind in der Regel besetzt. Hier läuft die Notrufnummer 110 auf. Die Anzahl richtet sich nach dem zu erwartenden Arbeitsaufkommen. Da reagiert man flexibel, versichert Ralf Coopmann. Und nebenan können bis zu 60 weitere Beamte ans Werk gehen, um sogenannte „Großlagen“ abzuarbeiten. Schnell und effektiv eben.

Bei so viel Platz im neuen Präsidium dürften Platzprobleme eigentlich kein Thema sein. Aber die liegen quasi vor der Haustür. Nur 220 Stellplätze für die Autos von bis zu 1200 Kolleginnen und Kollegen, das könnte knapp werden. Weitere 100 sollen in der Nachbarschaft angemietet werden. Dann ist auch der Neubau am Ende.

Apropos Platz. Den finden auch die zehn Hunde der Polizeistaffel. Eigene „Büros“ haben sie im Parkhaus, warten auf den Einsatz auf neun Quadratmetern. Mit Fußbodenheizung, aber mächtig Frischluft. Energieeffizienz sieht anders aus. Aber Kommissar Waldi will’s kommod haben. Denn darum geht es in der neuen wie in der alten Wohnstätte: voller Einsatz für die die Bürger. Mit Sicherheit.

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