Aachen: 50. Zeitfenster-Gottesdienst in St. Foillan

Jubiläumsgottesdienst : Mit „Preacher Slam“ und reichlich Musik

In der Kirche St. Foillan unweit des Doms wurde am Freitagabend der 50. Zeitfenster-Gottesdienst gefeiert.

Sängerin Missi Wainwright zählte am Freitagabend den Countdown für den Start des 50. Zeitfenster-Gottesdienstes in St. Foillan herunter: „Zehn, neun, acht, sieben…“ 150 Menschen in St. Foillan zählten mit. Wenn in der Innenstadtkirche direkt neben dem Dom die Zeitfenster-Gemeinde zusammenkommt, ist wenig so wie in sonstigen Gottesdiensten und Messen.

Statt eines Zelebranten gibt es eine Moderatorin, statt des Friedensgrußes eine „offene Zeit“ für Gespräche, Segen und Gebet, statt der Taube den Raben als Symbol. Der Rabe, der im Alten Testament als unrein galt. Doch war er Jesus ein Gleichnis für seine Jünger wert, sich nicht um den Alltag zu sorgen: „Seht die Raben: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben keinen Keller und keine Scheune, und Gott ernährt sie doch.“ (Lukas 12,24)

Im November 2014 hatten sich ungefähr zehn Menschen zwischen 30 und 50 Jahren in der Pfarre „Franziska von Aachen“ zusammengefunden, um ein Projekt zu starten: Ein Gottesdienstformat, das ihren Vorstellungen entspricht. Etwas zum Wohlfühlen, zum Innehalten, zum fröhlich sein. Sie trafen damit einen Nerv: Während sonntags viele Kirchen fast leer sind, platzt St. Foillan an jedem zweiten Freitag im Monat aus allen Nähten. Die Crew ist auf 50 Köpfe angewachsen. „Das ist ein großes Geschenk für uns“, meinte Jürgen Maubach, Gemeindereferent in „Franziska von Aachen“ und Zeitfenster-Macher.

„Wir können auch kürzer, leiser und andächtiger“, versicherte Moderatorin Ursula Hahmann. „Aber heute wird gefeiert!“ Dazu hatte sich die Zeitfenster-Crew mit der Big Band der Musikschule „Mufab“ nicht nur das große musikalische Besteck eingeladen. Sie hatte auch sechs Theologen gebeten, in einem „Preacher Slam“ zum Thema „Goldene Zeiten“ um den goldenen Raben zu predigen. Annette Jantzen, unter anderem Frauenseelsorgerin im Bistum Aachen und auch in der Zeitfenster-Gemeinde engagiert, hatte sich dafür eigens ein gold-glitzerndes Kleid angezogen, um dann mit ihrem zornigen Gott in einen Dialog zu treten: „Goldene Zeiten in der Kirche? Dann bin ich ein goldenes Kalb“, ließ Jantzen Gott wüten. „Brauchen Deine Leute eine Extra-Anleitung, um sich nicht an Kindern zu vergehen?“, thematisierte Jantzen mutig den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und erntete dafür heftigen Zwischenapplaus.

Für die Traurigen und die Treuen

Peter Otten, Pastoralreferent aus Köln und bereits zwei Mal Gewinner des goldenen Raben, zeichnet in „Dorade mit Zimt“ die Traurigen und Treuen als Alltagshelden aus. „Propheten des Lebens sind die, die am Tisch sitzenbleiben.“ Hanna Jacobs, evangelische Pfarrerin aus Essen, knöpfte sich den Gold- und Glitzerfimmel der Gesellschaft vor: „Alles ist unglaublich wundervoll, heute ist endlich wieder mehr Lametta. Aber es gab kein Gold auf Golgatha. Goldene Zeiten brechen nicht mit ein wenig Glitzer an. Gebt Euch nicht mit ein bisschen Goldstaub zufrieden! Feiert das Chaos!“

Sebastian Baer-Henney, evangelischer Pfarrer aus Köln und Gründer des Projekts Beymeister, verfrachtete Jona ins Heute und verhalf Kanzlerin Merkel zur Umkehr. Regina Laudage-Kleeberg aus der Jugendabteilung des Bistums Essen wollte in ihrem Festtags-Gedicht „Was ist golden?“ „den ehrlichen Kitsch und die echte Erleuchtung“. Der Priester Christian Hennecke, für die Seelsorge im Generalvikariat des Bistums Hildesheim zuständig, legte seine ganz persönliche Sichtweise auf die Zerrissenheit seiner Kirche offen: „Aber da ist Licht, Aufbruch. Es stockt mir der Atem, ob es wirklich so ist. Ob es so wehtun darf.“ Die Gemeinde kürte schließlich Annette Jantzen und Hanna Otten zu den Siegern des dritten Preacher Slams.

Der nächste Zeitfenster-Gottesdienst ist am Freitag, 8. März, um 20.15 Uhr in der Kirche St. Foillan.

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