Aachen: 80 neue Stellen: Entlastung in den Kitas

Aachen: 80 neue Stellen: Entlastung in den Kitas

Wenn Erzieherinnen zwei bis vier Stunden Mittagessen in Schüsseln schaufeln und schmutzige Teller spülen, dann schmeckt das Karola Hoch ganz und gar nicht. „Erzieherinnen können sinnvoller arbeiten, als Schüsseln mit Essen zu füllen“, sagt die Vorsitzende des Personalrates der Stadt Aachen.

Letztlich geht dieser Einsatz der Fachkräfte auf Kosten der Kinder, an deren Seite sie fehlen. Und irgendwie auch auf die Gesundheit der Erzieherinnen und Erzieher. Immer wieder wurden diese im Personalrat vorstellig. Und klagten: „Wir gehen auf dem Zahnfleisch.“

Bereits mit Beginn des neuen Kindergartenjahres am 1. August will die Stadt Aachen das Mittagessen in den Tagesstätten neu organisieren, damit die Erzieherinnen auch in diesen Stunden als Erzieherinnen und nicht als Küchenhilfe arbeiten können. 700.000 Euro will man sich das Kosten lassen. Und eine zweite, weit größere Investition will ebenso schnellst möglich angegangen werden. Eine interne Untersuchung des Personalstandes in den 57 städtischen Kindertagesstätten ergab: Es fehlen bis zu 80 Erzieherinnen und Erzieher, was jährlichen Personalkosten von rund 3,5 Millionen Euro entspricht.

Mit 850 Beschäftigten, in erster Linie Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen, nimmt der Bereich Kindertagesstätten schon jetzt enormen Raum in der Stadtverwaltung ein. Und die Wahrheit in den Einrichtungen hat nun auch die Verwaltungsspitze aufhorchen lassen. Der Krankenstand ist hoch, Fehlzeiten werden immer länger, und die Belastungsgrenze ist längst erreicht. „Pausen können nicht mehr gemacht werden. Da werden Arbeitsschutzgesetze nicht eingehalten, und bei uns schrillen deswegen die Alarmglocken“, erklärt Karola Hoch. Das Problem: Seit Inkrafttreten des Kinderbildungsgesetzes (Kibiz) 2008/2009 wird das Personal über die sogenannten Kindpauschalen finanziert. Und gleichzeitig ist es so knapp bemessen, dass Fehlzeiten sofort riesige Löcher in die Personaldecken der Kitas reißen. Dem will die Stadt entgegen wirken, auch wenn sie die Stellen ganz ohne Landesmittel finanzieren muss. Mehr als die Kindpauschalen sind nämlich nicht vorgesehen.

15 Stellen werden sofort geschaffen. „Wir müssen das Personal vor Ort entlasten“, sagt Oberbürgermeister Marcel Philipp. „Wir haben die Qualität in den Einrichtungen zu sichern“, erklärt Stadtdirektor Wolfgang Rombey. Und: „Unsere Kitas dürfen nicht im laufenden Betrieb zusammenbrechen.“ Die Frage, ob die Stadt Aachen die bis zu 80 Stellen überhaupt finanziell stemmen kann, stellt sich ad hoc erst gar nicht. Denn alle Stellen könnten beim besten Willen nicht sofort besetzt werden — weil keine Fachkräfte auf dem Markt sind. „Wir merken seit Herbst, dass wir einen sehr viel höheren Aufwand betreiben müssen, um Stellen zu besetzen. Wir suchen Monate, bis wir jemand geeignetes gefunden haben“, berichtet Elke Münich, Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend, Schule. Zudem steige der Bedarf durch neue U3-Gruppen (pro 100 Plätze werden 33 Fachkräfte angestellt) immer weiter, und auch der Ausbau der Offenen Ganztagsschulen von 50 auf 70 Prozent Versorgungsgrad braucht Erzieher. Schrittweise müsse das Personal unter diesen Umständen aufgestockt werden. Rombey hält 15 Erzieherinnen pro Jahr für realistisch. Ohnehin kostet der U3-Ausbau die Stadt zwischen 2009 und 2014 26,5 Millionen Euro.

Laut Münich werde nun an einem Personalgewinnungskonzept gearbeitet. In einem ersten Schritt sollen die 18 Praktikantinnen in den städtischen Einrichtungen (Erzieherinnen im Anerkennungsjahr) möglichst allesamt gehalten werden. Ein zweiter ist zumindest geografisch gewaltig: Die Verwaltung hat die Fühler bis nach Ostdeutschland ausgestreckt, um dort nach Fachpersonal zu suchen. Bis zur Sommerpause sollen Eckpunkte formuliert sein, wie mehr Erzieherinnen aus ganz Deutschland ausgerechnet auf Aachen fliegen sollen.

Der städtische Bedarf ist ohnehin nur die eine Seite der Geschichte. Denn letztlich betreibt die Stadt nur 57 der 127 Aachener Kitas. Alle teilen ähnliche Personalnöte, und für alle soll es Linderung geben. Der letztendliche Personalbedarf ist also voraussichtlich doppelt so hoch. „Wir wollen hier nicht in Konkurrenz zueinander treten. Das macht keinen Sinn“, betont Münich. Die Stadt sieht sich an der Seite der Träger in der Verantwortung. Finanziell steht sie das ohnehin, erteilt sie den Trägern doch Zuschüsse.

Die erste Entlastung des Kita-Personals soll sich nun aber in den Küchen abzeichnen — auch wenn längst noch nicht klar ist wie. Denkbar wären laut OB Mamas oder auch Omas in Minijobs, auch feste Stellen oder Personal des Essenslieferanten sind denkbar — dafür stehen die 700.000 Euro bereit. Wobei Eltern natürlich günstiger wären. „Wir müssen dieses Thema sofort angehen. Alle Einrichtungen sind davon betroffen“, stellt der OB aber klar. Andere Städte arbeiten längst mit zusätzlichem Personal bei der Essensvergabe. „Da sind wir drei Jahre nicht von der Stelle gekommen. Aber jetzt ist der Handlungsdruck ein anderer“, erläutert Münich. 90 Prozent der Aachener Kindergartenkinder nehmen mittlerweile in ihrer Einrichtung ein Mittagessen zu sich.

„Jede Küchenkraft wäre eine Entlastung für die Erzieher und damit ein Gewinn für die Kinder“, sagt dazu Kathi Carduck-Jonetzko, Leiterin der Kita „An der Rahemühle“, die 107 Kinder besuchen. „Es scheut sich keine Erzieherin, mal einen Teller zu spülen, aber uns wäre wichtiger, unsere Ressourcen den Kindern zur Verfügung zu stellen.“