Aachen: 400 Metaller streiken in Aachen für höhere Löhne

Aachen: 400 Metaller streiken in Aachen für höhere Löhne

Kühl, nieselig und ziemlich einsam ist es an diesem Morgen um 9 Uhr vor dem Werkstor von Bombardier an der Jülicher Straße. Wo Belegschaft und Gewerkschaft über einen ganzen Winter hinweg mit Mahnwachen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen um den Erhalt des Standorts gekämpft haben und ab dem Sommer die „Talbot Services GmbH übernimmt“, ist jetzt keine einzige rot-weiße IG-Metall-Fahne sehen.

Stell‘ dir vor, es ist Streik, und keiner kriegt‘s mit — denn pünktlich um 9 Uhr legt tatsächlich nahezu die komplette Frühschicht des Werks, rund 240 Beschäftigte, für eine gute halbe Stunde die Arbeit nieder, um der Gewerkschaftsforderung nach 5,5 Prozent mehr Lohn den nötigen Nachdruck zu verleihen. Bloß findet das hinter verschlossenen Türen statt. Sogar der Pförtner, der niemanden aufs Betriebsgelände lassen darf, weiß nichts von der Warnstreik-Aktion, die die IG Metall angekündigt hatte.

Fast könnte man auf die Idee kommen, dass hier Bilder von warnstreikenden Arbeitern so kurz nach dem Abschluss eines Haustarifvertrags für die neue Talbot GmbH lieber vermieden werden sollen, doch diese Vermutung, dass man bewusst unter Ausschluss der Öffentlichkeit streike, weisen die Verantwortlichen entschieden zurück: „Wir haben kurzfristig umdisponiert, weil wir die Leute nicht im Regen stehen lassen wollten“, sagt der Bombardier-Betriebsratsvorsitzende Josef Kreutz später auf Nachfrage. Und auch der Aachener IG-Metall-Chef Franz-Peter Beckers verweist auf die „Probleme mit dem Wetter“. Beide betonen außerdem, dass die Forderung nach einer Tariferhöhung auch vor dem Hintergrund des vergangenen halben Jahres im Werk an der Jülicher Straße eine ganz normale Sache sei. „Was wir hier machen, machen wir unter Bombardier“, sagt Kreutz. Das Ergebnis der Tarifrunde fließe dann jedoch als Bestandteil der Zusatzvereinbarung mit in den neuen Talbot-Haustarifvertrag.

Für mehr Lohn lassen an diesem Montagmorgen auch rund 150 Philips-Mitarbeiter zeitweise Bänder und Maschinen ruhen — auch hier im Übrigen ohne große Aktionen am Werkstor. Knapp 400 Warnstreikende sind es damit in Aachen, rund 900 in der gesamten Region, wo auch noch bei Oerlikon Schlafhorst in Übach-Palenberg und bei Dürr Ecoclean in Monschau zeitweise die Arbeit ruht.

Doch mit kleinen Warnstreiks könnte es schon sehr bald vorbei sein. Denn die Fronten zwischen der Gewerkschaft mit ihrer 5,5-Prozent-Forderung und dem Angebot der Arbeitgeber von 2,3 Prozent auf eine Laufzeit von 13 Monaten schienen zu Beginn der dritten Verhandlungsrunde in NRW am Montag verhärtet. „Die Arbeitgeberseite setzt stark auf Konfrontation“, schätzt Bombardier-Betriebsrat Kreutz die Situation ein, „die wollen wohl einen harten Arbeitskampf“.

Um den zu vermeiden, müssten die Arbeitgeber wohl ihr Angebot, das der Gewerkschafter Franz-Peter Beckers angesichts zweier „Nullmonate“ gerade einmal auf Höhe der Inflationsrate ansiedelt, deutlich anheben. „Wir hoffen, dass unser Druck dazu führt, dass wir den von den Arbeitgebern eigentlich gewollten schnellen Tarifabschluss erzielen“, sagt er. Denn falls das nicht geschehe, werde man schnell die heiße Phase des Arbeitskampfes einläuten: „Wenn es bis Pfingsten keinen Abschluss gibt, dann bleiben nur Urabstimmung und Flächenstreik“, kündigt Beckers an.

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