"4. Halbzeit" mit der Ambivalenz der Hooligans als Videoinstallation

Letzte Ausstellung des Ludwig Forums-Direktors Andreas Beitin : Die Macht der Massen im künstlerischen Schlaglicht

Das Gefühl ist gigantisch: Auf der einen Leinwand stimmen Ultras im Stadion ihre Fangesänge an, auf der anderen zeigen sie sich als Unterstützer von politischen Aufständen. Die Videoinstallation „Macht der Masse - 4. Halbzeit“ versetzt die Besucher im Ludwig Forum in die Lage, gleichsam Teil einer Massenbewegung zu werden, die alles mitzureißen scheint. Museumsleiter Dr. Andreas Beitin setzt mit dieser „geräuschgewaltigen Installation“ den Schlusspunkt seiner Tätigkeit in Aachen. Er hat die Arbeit des Künstlerduos Wermke/Leinkauf bereits in Berlin gesehen und fand sie so beeindruckend, dass er sie nun nach Aachen geholt hat.

Auf zwei großen LED-Leinwänden tauchen Ultras als Massenphänomen auf: Auf der einen Seite agieren sie als Fußballfans, als Masse, die dem Rhythmus der Trommeln folgt und Fangesänge anstimmt, auf der anderen Wand sind Ultras zu sehen, die politische Protestbewegungen wie den arabischen Frühling oder die Istanbuler Gezi-Revolte unterstützen.

Körperlich spürbar wird in beiden Fällen die unglaubliche Energie, die von diesen Massen ausgeht. Und das habe mit Gewalt erst einmal nichts zu tun, meint Mischa Leinkauf als einer der beiden Künstler.

„Die Fußball-Ultra-Kultur hat uns immer beeindruckt“, sagt er und spricht von einer „Kreativität der Körperlichkeit“, von der man sich entweder mitreißen lasse oder sie eben abstoßend finde.

Überwältigende Trommeln

Das Künstler-Duo hat sich offensichtlich mitreißen lassen. Tatsächlich sind die Trommeln, die Choreografien und die Gesänge der Ultras in den Stadien überwältigend. Auf der anderen Leinwand finden die politischen Proteste statt: Bilder wie jene von den Unruhen am Maidan-Platz in Kiew oder vom arabischen Frühling wechseln einander ab. Und allem wohnt eine Steigerung inne. Die Massen werden lauter, die Polizei greift ein, eine Mauer aus schwarzen Helmen und Uniformen, die Gewalt eskaliert. Und der Betrachter hat das Gefühl, live dabei zu sein.

Welche Macht solchen Massenbewegungen innewohnt, wird in dieser Installation gleichsam hautnah spürbar. Und genau diese Energie fasziniert Mischa Langkauf an dem Thema. Der Titel „4. Halbzeit“ setzt ein Gedankenspiel der Ultras fort, die mit Blick auf die Zeit nach dem Spiel von der 3. Halbzeit sprechen. Und die 4. Halbzeit umfasst demnach alles, was außerhalb der Stadien auf politischer Ebene passiert.

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