350 Menschen gedenken der getöteten Radfahrerin in Aachen

Mahnwache für getötete Radfahrerin : Erst Schweigen, dann läuten die Klingeln

Mahnwache nach dem tragischen Radunfall

Worte sind in diesem Moment überflüssig. „Was soll man hier schon sagen?“, fragt Jan van den Hurk. Es ist eine rhetorische Frage. Eine Frau ist gestorben. Auf dem E-Bike unterwegs, wurde sie am Donnerstagmorgen von einem Lastwagen ergriffen und dabei tödlich verletzt. Richtige Worte gibt es in so einem Moment nicht, ist van den Hurk überzeugt.

Deshalb werde es am Freitagabend auch keine Redebeiträge geben. Keine lauten Appelle für mehr Sicherheit im Radverkehr. Es gehe um Anteilnahme, betont der Initiator des „Ride of Silence“, der zum Team des Radentscheids gehört und auch diese Mahnwache angemeldet hat, und darum, selbst mit dieser schweren Situation zurechtzukommen. Und das ginge schweigend oft viel besser.

Still war es bei der Mahnwache für die 57-Jährige, die kurz vor der Ortseinfahrt Haaren nach einem Zusammenstoß mit einem Lkw umgekommen war, trotzdem nicht. Ihre Trauer brachten Dutzende Menschen mit einem spontanen Fahrradkorso durch den Kreisverkehr an der Ecke Charlottenburger Allee / Auf der Hüls zum Ausdruck. Erst schweigend, dann laut klingelnd. Die Autos mussten warten. In diesem Moment bestimmten die Zweiradfahrer den Verkehr. Ausnahmsweise. Insgesamt waren rund 350 Menschen dem Aufruf van den Hurks zur Mahnwache gefolgt und besetzten die Nordzufahrt von der Straße Auf der Hüls zum Kreisverkehr. Angemeldet waren 50.

Wie es zum verheerenden Zusammenstoß zwischen E-Bike und Lastwagen kam, ist auch am Tag nach dem Unfall nicht abschließend geklärt. Nach Angaben der Polizei gibt es noch offene Fragen zum Unfallhergang. So stehe bislang nicht fest, aus welcher Richtung die E-Bike-Fahrerin kam und ob sie die Fahrspur des Kreisverkehrs oder den dortigen Rad- und Gehweg befuhr, teilte Sprecher Paul Kemen am Freitag mit. Obwohl sich am Unfallort gleich mehrere Zeugen gemeldet und Erste Hilfe geleistet hätten, habe diese Frage bisher nicht geklärt werden können.

Viele Aachener legten an der Unfallstelle Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Foto: dmp Press/Ralf Roeger

Fest steht: Der Lkw-Fahrer – ein 59-jähriger Berufskraftfahrer aus Stolberg – hatte gegen 9.50 Uhr von der Charlottenburger Allee aus kommend den Kreisverkehr befahren. Gesehen habe er die Radfahrerin nicht, wie er laut Polizeibericht noch am Unfallort aussagte. Auch habe er nicht bemerkt, dass er jemanden erfasst hatte. Die Folge: Die Frau wurde mehrere Meter unter dem Wagen mitgeschleift. Entsprechend schwer ist der Schock, unter dem der Lkw-Fahrer nach Polizeiangaben stand. Ein von der Polizei alarmierter Notfallseelsorger betreute ihn und mehrere Passanten, die das Unfallgeschehen unmittelbar mitbekommen hatten, noch am Unfallort.

Derweil gehen die Ermittlungen weiter. Der Lkw und das E-Bike wurden zur Spurenauswertung beschlagnahmt. Noch am Unfallort erschien der von der Polizei hinzugezogene Sachverständige. Von ihm wird ein Rekonstruktionsgutachten zum Unfallhergang erstellt. „Dies nimmt erfahrungsgemäß einige Wochen, wenn nicht sogar einige Monate in Anspruch“, so der Polizeisprecher. Die Polizei bittet weitere Zeugen des Unfalls, sich mit dem Verkehrskommissariat der Aachener Polizei unter der Telefonnummer 0241/9577-42101 oder 0241/9577-0 (außerhalb der Bürozeiten) in Verbindung setzen.

Ein deutliches Zeichen: Rund 350 Menschen haben am Freitag der getöteten Radfahrerin gedacht. Foto: dmp Press/Ralf Roeger

Unabhängig vom Unfallhergang bekräftigte Jan van den Hurk am Freitag im Gespräch mit unserer Zeitung erneut eine zentrale Forderung des Radentscheids: Die unterschiedlichen Fahrspuren müssten in Aachen endlich klarer und übersichtlicher voneinander getrennt werden. An Kreuzungen und auch an Kreisverkehren. „Viele Unfälle passieren, weil die Menschen überfordert sind und die Verkehrslage nicht überblicken können. Durch eine bauliche Trennung wird es deutlich einfacher.“

Ob auch an besagtem Kreisverkehr bauliche Veränderungen sinnvoll wären, müssen die Polizeiermittlungen ergeben. Fürs Erste weist seit Freitag ein Ghostbike auf die Unfallstelle hin. Das mittlerweile fünfte in Aachen.