Studie: 2035 fehlen in Aachen 10.000 Wohnungen

Studie : 2035 fehlen in Aachen 10.000 Wohnungen

Als Wohn- und Studienort ist Aachen beliebt, die Hochschulstadt boomt. Es könnte so schön sein, wäre da nicht die Kehrseite mit ihren eklatanten Wohnungsproblemen und den schwerwiegenden Folgen vor allem für Menschen mit wenig Geld.

Für sie wird es in Aachen immer schwerer, bezahlbare Wohnungen zu finden, wie der aktuelle Wohnungsmarktbericht zeigt, der am Dienstag vorgestellt wurde.

Zu entnehmen ist ihm, dass im vergangenen Jahr 1044 neue Wohnungen in Aachen fertiggestellt wurden. Einen größeren Bauboom hat die Stadt in den letzten 20 Jahren nicht gehabt — und doch „laufen wir der Entwicklung hinterher“, wie Rolf Frankenberger, Leiter des städtischen Fachbereichs Wohnen, Soziales und Integration, feststellen muss. „Aachen ist gewachsen, wie wir es uns nicht vorstellen konnten“, sagt er. Die Folge: Im nächsten Jahr werden rund 4500 Wohnungen fehlen. Und einer neuen Studie zufolge müssten bis 2035 gut 10.000 neue Wohnungen gebaut werden.

Als Hauptursache für diese Entwicklung wird der Boom der Aachener Hochschulen gesehen, an denen heute rund 56.000 Studierende eingeschrieben sind. Noch vor zehn Jahren waren es gut 20.000 weniger, wie Wohnungsdezernent Manfred Sicking sagt. Hinzu kommen rund 2000 Flüchtlinge, die in Aachen immer noch auf der Suche nach einer Wohnung sind. „Wir haben einen Riesennachfragedruck“, sagt Sicking, der das Thema Wohnen zu den großen sozialen Fragen des 21. Jahrhunderts zählt, denn es fehlt vor allem bezahlbarer Wohnraum.

Erstmals sind im vergangenen Jahr zwar wieder mehr Sozialwohnungen gebaut worden, als zeitgleich aus der Sozialbindung herausgefallen sind, sagt der Vorsitzende des Wohnungs- und Liegenschaftsausschusses Norbert Plum (SPD), doch nach wie vor kann der große Bedarf nicht annähernd gedeckt werden. Knapp 5000 Wohnungen werden in den kommenden zehn Jahren aus der Mietpreisbindung fallen, schon heute kann aber nicht mal jedem Dritten Wohnungssuchenden eine passende Sozialwohnung angeboten werden. Zu leiden haben darunter vor allem Familien mit Kindern, die kaum noch Wohnungen in passender Größe finden.

Als sozialverträglich gelten in Aachen derzeit noch Mieten von bis zu 7,50 Euro pro Quadratmeter. Der Durchschnittspreis liegt jedoch inzwischen bei 8,42 Euro. Damit sind die Mieten innerhalb von fünf Jahren um 14,2 Prozent gestiegen. Noch stärker sind die Preise für Einfamilienhäuser (plus 34,7 Prozent) und Eigentumswohnungen (plus 59 Prozent) gestiegen. Unter 400.000 Euro sind in Aachen selbst mittelpreisige Einfamilienhäuser kaum noch zu haben.

Mehr Pendler

Kein Wunder, dass unter diesen Bedingungen viele Familien ihren Traum vom Eigenheim im Umland verwirklichen und auch Studenten oftmals bei ihren Eltern wohnen bleiben und nach Aachen pendeln.

Im städtischen Fachausschuss haben die Politiker am Dienstag auch über mögliche Schlussfolgerungen beraten. Eine davon soll ein „Runder Tisch der Wohnungsmarktakteure“ sein, in dem Investoren, Projektentwickler, aber auch Vertreter von Eigentümer und Mieterverbänden zusammenkommen sollen, um gemeinsam den Wohnungsbau weiter anzukurbeln.

Zustimmung fand dort auch ein Konzept, von dem man sich dämpfende Wirkung auf die Grundstückspreise erhofft. Die Stadt will demnach ihre Grundstücke künftig nicht mehr vorrangig an die Meistbietenden verkaufen, stattdessen soll die jeweilige Qualität der Bauvorhaben stärker berücksichtigt werden.

Herausforderung für Stadt und Bürger: In Aachen fehlen knapp 4500 Wohnungen

Ein paar Ideen habe man noch im Köcher, meint der Wohnungspolitiker Plum, der sich neben einer Verlängerung der Mietpreisbindung für öffentlich geförderten Wohnraum von 15 auf 20 Jahre auch eine verschärfte Quotenregelung für Bauherrn vorstellen kann. Wer städtische Grundstücke bebaut, muss bislang in der Regel 30 Prozent der Fläche für den geförderten Wohnungsbau vorsehen. Plum hält da künftig auch Quoten von 40 und gar bis zu 100 Prozent für denkbar.

Doch alles steht und fällt mit den passenden Grundstücken. Die Bodenfrage hält Sicking für ganz entscheidend. Wie Wasser und Luft sei Boden eigentlich Allgemeingut, sagt er. Tatsächlich aber ist er meist in der Hand privater Investoren und damit auch ein Spekulationsobjekt. „Es ist an der Zeit, darüber zu diskutieren“, findet Sicking.

Kritik übt er in diesem Zusammenhang aber auch an staatlichen Organisationen wie der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben oder den Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes, die nach wie vor wie private Investoren agieren und die Kommunen im Kampf gegen steigende Bodenpreise und gegen die Wohnungsnot kaum unterstützen würden.

Weil die Flächen im Stadtgebiet begrenzt sind, gehen die Planer längst neue Wege und verdichten vor allem vorhandene Wohngebiete. Oftmals stoßen sie dabei auch auf den geballten Widerstand der Anwohner, weil immer mehr Hinterhöfe, Gärten und Grünanlagen in den Blick der Bauwilligen geraten. Luftiges Wohnen geht dabei oft verloren — und es könnte noch schlimmer kommen, wie Plum meint. Denn man müsse allmählich auch in Aachen großstädtischer denken und in Zukunft wohl auch stärker in die Höhe bauen.

Sozialstrukturen wahren

Konflikte werden kaum zu vermeiden sein, denn Aachen ist bereits „extrem verdichtet“, wie auch Dana Duikers, Chefplanerin im Fachbereich Wohnen, meint. Sie hat mit darauf zu achten, bei allen Bauvorhaben das rechte Maß zu wahren und auch eine gute Sozialstruktur sicherzustellen. Weder sollen Ärmere aus sanierten Vierteln vertrieben werden, noch sollen Ghettos entstehen.

Und auch die weiteren Bedürfnisse dürfen ja nicht vergessen werden: „Wo Wohnungen entstehen ist kein Platz für Kitas oder Sportplätze“, sagt sie. All das muss abgestimmt werden.

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