Leserbriefe zu Corona und Schule: Lob und Kritik für Faule und Fleißige

Leserbriefe zu Corona und Schule : Lob und Kritik für Faule und Fleißige

Lehrer, deren Berufsalltag sich von einem Tag auf den anderen völlig verändert hat. Eltern, die ihre Kinder nicht bei den Hausaufgaben unterstützen können. Schüler, die die Mindestabstände ignorieren. Was unsere Leser zum Thema Schule, Kita und Corona sagen.

Petra Meister, Grundschullehrerin in Aachen, meldet sich zum „Seite Drei“-Text „Corona und die Mär vom faulen Lehrer“ zu Wort:

Ich ärgere mich wirklich über die öffentliche Darstellung des Lehrerberufes allgemein und jetzt besonders in Corona-Zeiten. Wir würden ja quasi Ferien haben und faul zu Hause rumhängen. Unfassbar! In Wirklichkeit rödeln wir seit Wochen mit Arbeitsplänen, Hausaufgaben-Kontrollen und Schüler- sowie Elternbetreuung herum, phasenweise ohne Wochenenden und Feierabende. Der Präsenzunterricht hat schon lange wieder begonnen, und wir müssen selbst herausfinden, wie wir die Abstands- und Hygieneregeln umgesetzt bekommen. Die Schulpolitiker, namentlich Yvonne Gebauer, schmeißen alle 14 Tage ihre Planungen um, und wir können dann zusehen, wie wir wieder alles von heute auf morgen geändert bekommen. Hilfen im Sinne von Personal und Material gibt es ja sowieso chronisch NICHT. Mit den Schulen wird auch nicht direkt gesprochen, wir erfahren das meiste erst aus der Presse. Und dann werden wir noch als die schwarzen Schafe dargestellt! Ich finde es wirklich unmöglich und bin stinksauer. Ich würde es gerne mal erleben, dass ein fähiger und vor allem schul­erfahrener Politiker auf diesem wichtigen Posten sitzt, nicht irgendwelche Ignoranten, die Vorurteile gegenüber Lehrern haben. Wer diesen Job noch nie gemacht hat, weiß nicht, wie herausfordernd und anstrengend das Ganze heutzutage ist. Echt traurig.

Ekkehard Höhl aus Aachen, seit 15 Jahren Lehrer an einem Berufskolleg in Aachen, äußert sich auch zum „faulen Lehrer“:

Ja, es gibt viele Lehrer, die arbeiten um die 50 Stunden in der Woche. Aber das gilt auch für andere Berufe. Nur: In keinem anderen Beruf klafft wohl die Schere zwischen denen, die hochengagiert sind, und denen, die es nicht sind, so weit auseinander wie im Lehrerberuf. Nicht nur aktuell, aber jetzt noch offensichtlicher, sind in der Schule Fantasie und Empathie gefordert, um Unterricht zu gestalten und Schüler zu stärken, was ja auch vielfach passiert. Aber, zugespitzt formuliert, muss auch das bedacht werden: Wer bisher eher stur nach Lehrplan und Schema F unterrichtet hat, der bekommt in der Corona-Zeit große Probleme. Das ist aber kein Grund, über die vielen Aufgaben im Lehrerberuf zu klagen, sondern ein Grund, gegebenenfalls gewohnte Aufgaben zu ändern. Zum Beispiel: Wenn Lehrer über Korrekturen der Klausuren klagen, dann sollten sie stattdessen alternative und differenzierte Formen der Leistungsbewertung entwickeln. Individuelle Aufgaben zu stellen, Telefongespräche mit Schülern führen, Internetmeetings, nicht einfach einen Stoß Arbeitsblätter verschicken, den sich Schüler auch noch ausdrucken müssen, fantasievolle Aufgaben formulieren. All das ist gefragt, aber das ist doch kein Grund zu klagen. Unbestritten ist, dass Lehrer einen Beruf haben, in dem das Geld quasi von allein kommt, in dem Kurzarbeit ohne finanzielle Folgen bleibt und in dem bald sechs Wochen Sommerferien anstehen, in denen auch Zeiten der Vorbereitung von Unterricht erforderlich sind, keine Frage. Wann und wie lange das aber ist, können Lehrer meist selbst bestimmen. Der Respekt vor den Pflegeberufen und Jobs, wo Menschen insolvent zu gehen drohen, verlangt, dass ich mich als Lehrer mit Klagen zurückhalten sollte. Ich finde es taktlos, dass Lehrer über Arbeitsbelastung jammern in einer Zeit, in der sehr viele Berufszweige insolvent oder mit extremen Belastungen einhergehen!

Maarit Jung aus Aachen geht ebenfalls auf den Text „Corona und die Mär vom faulen Lehrer“ ein:

Als Mutter zweier Kinder und Lehrerin kenne ich Eltern- und Schulperspektive gleichermaßen. Ich teile den Frust vieler Eltern über die derzeitige Schulsituation, sehe aber auch, wie viel Arbeit der einzelnen Schulen und Lehrer in dem dürftig wirkenden Lehrangebot steckt.

Hilfreich wäre ein Schulministerium, das zügig realitätsnahe und eindeutige Konzepte vorlegt. Entbehrlich sind diffamierende Kommentare schlecht informierter Kindermediziner, die offenbar nicht wissen, dass auch zahlreiche Kinder und Jugendliche aufgrund von Vorerkrankungen nicht in die Schule kommen dürfen.

Heinz Jordans aus Inden befasst sich mit dem Corona-Tagebuch Nummer 68:

Herzlich bedanken möchte ich mich bei Thomas Thelen für die klaren Worte in diesen merkwürdigen Zeiten! Er schreibt: „Wie wäre es, wenn man die Menschen mal wieder in Ruhe ihren Job machen ließe?“ Ich bin auch einer jener faulen Säcke (Zitat Bundeskanzler Gerhard Schröder), für die Herr Thelen versucht, eine Lanze zu brechen. Es gibt aber auch noch die Basteltanten, die Eltern einen Großteil ihrer Verantwortung abnehmen, zu der sie sich bei der Geburt ihres Kindes so freudig bekannt hatten. Und da sind die Sesselpupser, die versuchen, die Last der Pandemie-Vorkehrungen zu übernehmen, damit das Leben einigermaßen erträglich weiterlaufen kann. Nicht zu vergessen die Politiker, die ihre Entscheidungen nach dem Rat der Virologen von Stunde zu Stunde anpassen und dann auch noch vertreten müssen! Wobei die Goldwaage für ihre Äußerungen stets zur Hand ist.

Merkwürdige Zeiten gebären auch immer wieder Zeitgenossen, die alles, aber auch wirklich alles besser wissen. Aber hat irgendjemand diese Allesbesserwisser statt mit Maulen mit tatkräftiger Hilfe erlebt? Sind es wirklich nur merkwürdige Zeiten, von denen wir meinen, dass sie einmal vergehen? Nein, Corona hat nur eine Decke weggezogen.

Marianne Mare von Kaisersruh aus Aachen schreibt auch zum Thema Lehrer und Pandemie:

Mit dem Corona-Tagebucheintrag Nummer 68 spricht mir Herr Thomas Thelen aus der Seele. Wie wäre es, wenn mal etwas weniger gemeckert werden würde?

Lehrer und Lehrerinnen sind auch nur Menschen, die genau wie wir alle vom Coranavirus, der Pandemie, überrollt wurden. Da war eine Generalprobe, wie man den Unterrichtsstoff vermittelt und wie man nach dem Lockdown in die Normalität zurückkehrt, nicht möglich. Wie wäre es also, wenn man dem Lehrpersonal mit ständiger Kritik das Leben und Lehren nicht noch zusätzlich erschweren würde?

Vielleicht nehmen die Elternteile, die sich hier so bitterböse über die Lehrkräfte beschweren, die Pandemie zum willkommenen Anlass, ihre eingeschlafenen Chemie-, Mathematik- und Englischkenntnisse aufzufrischen, um diese dem Nachwuchs zu vermitteln. Die Lehrkräfte können die Elternteile natürlich nicht ersetzen, aber sie können zumindest eine unterstützende Hilfe sein. Damit wäre vermutlich allen geholfen.

Bruno Barth aus Herzogenrath bezieht sich auf das Interview „Ohne Kita treten Kinder auf der Stelle“ mit der Kinderärztin und -neurologin Reinhild Damen, Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Aachen:

Vielen Dank für den großen Artikel. Sie bestätigte als „Expertin für die Entwicklung von Kindern“ genau meine Beobachtung im familiären Umfeld. Kinder werden durch den verordneten Entzug der Kontakte zu Gleichaltrigen massiv in ihrer Entwicklung behindert, selbst dann, wenn in der Familie „alles stimmt“ und sie – so gut es geht – häuslich aufgefangen und unterstützt werden. Ganz zu schweigen von den Kindern, die es sowieso schon schwer haben und die für Wochen vollkommen aus dem Blickfeld von Kitas und Grundschulen geraten sind. Dass man das durch Homeoffice zum Beispiel bei den Grundschulkindern und durch Engagement der Lehrerschaft auffangen kann, ist entweder naiv oder böswillig, aller „Digitalisierungseuphorie“ zum Trotz. Ich weiß von Lehrerinnen der Grundschule, die versucht haben, Kinder zu Hause aufzusuchen, weil keine Kontakte zu ihnen oder deren Eltern hergestellt werden konnten – vergebens. Und berufliches Homeoffice von Eltern, während ihre Kita-Kinder zu Hause sind – das sollten sich Theoretiker mal in der Praxis anschauen! Leider waren wochenlang in den Medien hauptsächlich Virologen oder das RKI zu sehen/zu lesen oder Personen wie Karl Lauterbach. Man kann ein Problem (Pandemie) nicht lösen, indem man damit andere Probleme erzeugt. Es gibt keinen „Königsweg“ als Ausweg aus dem Coronavirus, solange es keinen Impfstoff oder zumindest ein Medikament dagegen gibt. Aber einseitig nur medizinische Aspekte in den Vordergrund zu stellen, ist falsch!

Dr. Bernd Hartlich aus Aachen betont:

In dieser ohnehin schon etwas „schwierigen Zeit“ wird es für den sich nach Sicherheiten, Perspektiven und belastbaren Aussagen sehnenden Bürger zusehends schwieriger, auch, sich selbst eindeutig zu positionieren. Da werden in den Schulen ausgetüftelte Hygienekonzepte und Abstandsregeln erdacht, alle Schüler in den Klassenräumen auf Abstand gesetzt, personifizierte Sitzplätze, um Infektionswege minutiös nachvollziehen zu können, beschildert, in den Fluren nur noch Einbahnsysteme zugelassen, gestaffelt Schulbeginn und Schulende organisiert, auf die Toilette nur noch „einzeln“ gelassen, vor und nach der Stunde sind die Hände zu waschen, zwischendrin noch zu desinfizieren, in den Bussen besteht Maskenpflicht etc. pp.

Und dann sieht man dieselben Schüler, die sich unter den Augen der Lehrer noch so vernünftig und verantwortungsvoll benommen haben, wie sie, kaum haben sie das Schulgelände verlassen oder wähnen sich nicht mehr vom Lehrkörper beobachtet, mit „High five“ abklatschen, mit Ghettogruß ihre innige Verbundenheit zeigen und für das neueste, ach so lustige Youtube-Video über dem Smartphone die Köpfe zusammenstecken.

Klar, die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, ist geringer geworden, der Krankheitsverlauf gerade bei Jugendlichen ist in der Regel harmloser als bei den Älteren, aber das Gejammer ist im Nachhinein groß, wenn die Oma der Großfamilie dann doch dieser heimtückischen Krankheit zum Opfer gefallen ist. Die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, ist geringer geworden, aber ist das nicht gerade auch Grund genug, die Lockerungen zu erlauben und den Corona-Klammergriff für die Wirtschaft zu lösen? Wer hat eigentlich behauptet, dass Entscheidungen im Leben immer einfach sind und dass man zu allem und jedem eine gesicherte Meinung haben muss?