Leserbriefe zum Thema Missbrauch in der Kirche: Feine Nuancen und große Bürden

Leserbriefe zum Thema Missbrauch in der Kirche : Feine Nuancen und große Bürden

Die katholische Kirche kommt in dem andauernden Missbrauchsskandal nicht zur Ruhe. Insbesondere die nun laut gewordenen Vertuschungsvorwürfe gegen den Kölner Kardinal Rainer Woelki haben unsere Leserinnen und Leser beschäftigt.

Johannes Beckers aus Aachen meldet sich zum Text „Kardinal Woelki bittet Papst um Prüfung“ nach den Vertuschungsvorwürfen in einem Missbrauchsfall:

Und schon wieder hat die Kirche bewiesen, dass sie nicht wirklich Interesse an der schonungslosen Aufklärung von Sexualdelikten durch Priester hat. Anstatt an die Opfer zu denken, wird gleich die Entschuldigung geliefert, warum sie die in solchen Fällen festgelegten Spielregeln nicht eingehalten hat. Diesmal ist ein hoher „Würdenträger“, Herr Kardinal Rainer Maria Woelki, in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten. Statt Demut zu zeigen und Fehler einzugestehen, handelt er offensichtlich nach dem Motto: Flucht nach vorne ist die beste Verteidigung. Es scheint Kardinal Woelki jegliches Empfinden und Verständnis dafür zu fehlen, wie sehr Opfer noch Jahrzehnte unter den sexuellen Übergriffen leiden und manchmal erst nach Jahren, oft als Erwachsene, die Kraft finden, sich öffentlich zu den Übergriffen zu äußern – oder sie leiden ein ganzes Leben darunter. Da ist es beschämend, wenn das Erzbistum argumentiert, dass der Betroffene sich nicht weiter äußern wollte.

Es wäre jetzt an der Zeit, dass Herr Kardinal Woelki die Verantwortung für sein Fehlverhalten übernimmt, dies öffentlich kundtut und zurücktritt und sich nicht hinter juristischen Auslegungen versteckt oder auf das Erbarmen des Papstes hofft. Mir jedenfalls reichts. Ich ziehe schon jetzt meine Konsequenz und trete aus der Kirche aus.

Peter Wirtz aus Aachen konstatiert angesichts des Interviews „Was machen Sie jetzt damit, Bischof Dieser?“:

Mehrfach haben Sie das Thema Missbrauch durch Geistliche der katholischen Kirche aufgegriffen. Leider wird an einigen Stellen deutlich, wie wenig sich an der Haltung gegenüber den Menschen, die Missbrauch erfahren haben, geändert hat, bei allen äußeren Bemühungen, wenigstens ansatzweise Gerechtigkeit herzustellen. So spricht Bischof Helmut Dieser in vielen Passagen von den „Opfern“. Damit reduziert er die Menschen, denen Unrecht widerfahren ist, auf eben diesen „Op­ferstatus“. In anderen Bereichen der Gesellschaft ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, nicht mehr etwa von „Behinderten“, sondern von „Menschen mit Behinderung“ zu sprechen. Es sind eben jene feinen sprachlichen Nuancen, die die innere Haltung durchscheinen lassen.

Immer wieder lässt Bischof Dieser durchblicken, dass er dem alten hierarchischen Verständnis der katholischen Tradition nicht entkommen kann. So spricht er im Zusammenhang des Priesteramtes davon, dass ein Bischof „zu seinen Priestern stehen“ muss, dass aber „Fehler geahndet werden müssen“. Der Bischof wird also zur Kontrollinstanz, die die Priesterschaft zu maßregeln hat. Dabei handelt es sich im vorliegenden Fall zudem nicht um „Fehler“, sondern um Verbrechen.

Was Dieser als „das Prinzip der Synodalität“ bezeichnet, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Versuch, die wahren Machtverhältnisse in der Kirche zu verschleiern, ja führt zu einer Denunziation eines modernen Demokratieverständnisses, in dem es eben nicht darum geht, die Minderheit zu überstimmen, sondern einen kompromissgestützten Konsens zu erreichen. Solange Bischöfe an ihrem Machtanspruch festhalten, wird es keinen aufrichtigen Dialog mit denen geben, die eben nicht nur durch kirchliche „Würdenträger“, sondern auch durch kirchliche Strukturen in ihrer Würde verletzt wurden.

Lioba Ruez, Psychologin  aus Aachen, äußert sich ebenfalls zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche: 

Da hat Bischof Dieser aber ganz großes Glück gehabt! Dank der Gnade seiner späten Geburt kann er seine eigenen Hände mit großer Geste in Unschuld waschen und seine Vorgänger an den Pranger stellen. Bis weit in die 2000er Jahre war das Vertuschen von sexuellem Missbrauch und der Schutz der Täter in allen gesellschaftlichen Kreisen gang und gäbe, nicht nur in der Kirche.

Ich selbst war mehr als 20 Jahre im Strafvollzug tätig und habe dort viele Sexualstraftäter erlebt. Einen wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Priester habe ich nie erlebt. Ich habe aber auch so gut wie keinen verurteilten sexuellen Missbraucher aus gutbürgerlichen Kreisen erlebt. Wer bringt schon gerne seine Institution in Verruf, wer zeigt seinen Kollegen, Vereinskumpel, Nachbarn, Freund oder Familienangehörigen an? So etwas tut man in bürgerlichen Kreisen nicht!

Die Opfer hingegen, die sich niemandem anvertrauen konnten oder die man als Lügner hingestellt hat, sind für ihr restliches Leben in der Seele geschädigt. Mancher wird selbst wieder zum Täter oder zum notorischen Lügner, weil er immer wieder erlebt hat, dass man ihm die schreckliche Wahrheit ganz einfach nicht geglaubt hat. Der sexuelle Missbrauch ist nicht ausgemerzt. Deshalb gilt es, die Wahrnehmung zu schärfen, Verhaltensauffälligkeiten von Kindern richtig zu deuten und die Täter und Täterinnen zu überführen. Es wurde allerhöchste Zeit, dass die Kirche das Leid der Menschen anerkennt, die durch Priester aufs Verwerflichste beschädigt wurden. Nur: Die von Bischof Dieser propagierte „Opferzentriertheit“ kann auch zu einer Show-Veranstaltung verkommen, bei der die Opfer erneut missbraucht werden. Diesmal zur Ent-Schuldung der Kirche!

 Heinrich-K. Bahnen aus Aachen befasst sich auch mit dem Vorgehen Woelkis:

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck gesteht als erster deutscher Bischof persönliche Schuld im Umgang mit einem Missbrauchstäter ein und unterstreicht: „Nur wenn ich meine Schuld eingestehe, übernehme ich wirklich Verantwortung.” Kardinal Woelki, der Gutachten unterdrückt, will erst dann handeln, wenn ihm Fehler nachgewiesen werden, das heißt, wenn er ertappt wird. Von Schuld spricht er erst gar nicht. Davon schweigen auch Altbischof Heinrich Mussinghoff und Ex-Generalvikar Manfred von Holtum, die sich juristisch aus der Verantwortung stehlen. Dieser Umgang mit Schuld durch höchste katholische Repräsentanten ist beschämend.

Bischof Dieser hat gegen Kirchenrecht verstoßen, indem er seinem Vorgänger eine öffentliche Maßregelung verpasste. Vorgeschrieben ist ihm, wie allen Klerikern, eine diskrete correctio fraterna (brüderliche Zurechtweisung). Niedertracht nannte dies ein Leserbriefschreiber. Bischof Dieser forderte per Annonce dazu auf, nur Kleriker zur Anzeige zu bringen, anstatt jeden Missbrauch im Bistum Aachen. So setzte er alle Priester im Bistum Aachen einem Generalverdacht aus. Dieser Bischof hat seine Verfehlungen seit Amtsantritt als Hirte und seine Anstiftungen zum Unfrieden im Bistum Aachen bislang weder bekannt noch bereut, dafür nicht um Verzeihung gebeten, geschweige denn Buße getan oder Umkehr praktiziert. Er könnte als Chefaufklärer ein Beispiel im Umgang mit Schuld geben.