1. Leserbriefe

Wir fragen, Sie antworten: Aus der Kirche austreten – ja oder nein?

Wir fragen, Sie antworten : Aus der Kirche austreten – ja oder nein?

Die Zahl der Kirchenaustritte ist auf Rekordhöhe. Wie ist Ihre Haltung, liebe Leserinnen und Leser? Austreten oder jetzt erst recht dabei bleiben? Das haben wir Sie gefragt – und viele haben geantwortet.

Martin Hülsermann aus Aachen:

Ich meine, Kirche und Staat gehören nicht zusammen, also sollte auch kein Amtsgericht und kein Finanzamt etwas mit den Verfahren zu tun haben. Mitgliedschaft in der Kirche sollte vereins- oder abonnementbasiert sein.

Margret Reufsteck aus Düren:

Ich bin beschämt und schockiert wegen der Geschehen in meiner Kirche und spreche allen Opfern mein Mitgefühl aus. Aber der Gedanke, deshalb aus der Kirche auszutreten, käme für mich nie in Frage. Mein Glaube an Gott, der meinem Leben Sinn und Halt gibt, hängt ja nicht davon ab, dass Mitglieder der Kirche sich versündigen. Jesus Christus hat die Kirche gegründet, auf ihn wollen wir bauen und beten, dass er uns hilft, das Richtige zu tun.

Ivy Kundt aus Aachen:

Die Landesregierung verbreitet eine Falschinformation: Diese umständliche und teure Form des Kirchenaustritts ist nicht „historisch gewachsen“. Ich ging vor etwa 40 Jahren einfach zum nächsten Pfarrer und zahlte ähnlich wenig wie heute in Bremen. Damals hieß es: Man müsse zum Pfarrer, damit der einen ins Gebet nehmen könne. Das ließ er schnell bleiben. Die Sache dauerte fünf Minuten, ohne Termin.

Peter Mülfarth aus Aachen: 

Es gibt viele Gründe, die eindeutig dafür sprechen: Auch ohne Mitglied der Kirche zu sein, kann man gläubig sein: „Gott“, sofern man an ihn glaubt, ist auch ohne Mitgliedschaft noch da. Die Kirche verhindert Aufarbeitung von massiven Fehltritten verschiedener Personen. Die Kirche arbeitet Vorfälle intern auf, es wird aber seltenst kommuniziert, dass Konsequenzen gefolgt sind. Die Kirche predigt ein Weltbild, welches nicht mehr der Gesellschaft entspricht. Das Zölibat ist nicht mehr zeitgemäß, die inoffizielle Verachtung von LGBTQ (Anm. d. Red.: LGBTQ ist die gängigste internationale Bezeichnung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer) ist nicht von der Hand zu weisen. Gründe für einen Verbleib in der Kirche: Lediglich der Betrieb der sozialen Einrichtungen durch die Kirchensteuer ist ein eventueller Grund zu bleiben, einen anderen wüsste ich nicht.

Im Grunde muss die Kirche ihre Einstellung bezüglich der Gesellschaft grundlegend überdenken und korrigieren, um die Flucht der Gläubigen zu verhindern. Die Institution ist absolut nicht mehr zeitgemäß.

Ernst Latzke: 

Respekt vor jedem Menschen, der noch immer daran glaubt, er könne durch sein Tun irgendetwas an der Kirche reformieren. Ich glaube das leider nicht mehr. Spätestens seit der „Pippinischen Schenkung“ 754 n. Chr. entfernt sich die Amtskirche in ihrem praktischen Tun immer weiter von der Lehre Christi. Kreuzzüge, Zwangsmissionierungen, Hexenverbrennung, Inquisition sind Beispiele dafür. Sie pervertiert die christliche Lehre für ihre Zwecke. Alle innerkirchlichen Reformbemühungen von Jan Hus über Martin Luther bis heute, von Leonardo Boff (lateinamerikanische Befreiungstheologie), Prof. Hans Küng oder Prof. Uta Ranke-Heinemann waren vergebens. Die Reformer und Kritiker wurden verfolgt, geächtet und sogar getötet. Das hie­rarchische System einer absolutistisch-monarchischen Institution wie der Amtskirche erlaubt keine Reformen. Sie ist weder willens noch in der Lage. Dass die Bischöfe, die mitverantwortlich sind für dieses System von Machterhalt und Machtmissbrauch, das Sexualstraftäter schützt und die Opfer vergisst, notwendige Reformen einleiten, muss bezweifelt werden.

Was sagte Bischof Helmut Dieser in einem Interview in dieser Zeitung auf die Frage: Wann werden Sie selbst homosexuelle Paare segnen?„Wenn wir auf dem Sy­nodalen Weg die Zweidrittel-Mehrheit dafür bekommen – natürlich.“ Warum geht es jetzt nicht? „Weil ich als Bischof die Loyalität wahren muss und nicht zur Verwirrung beitragen will.“ Hier hätte Bischof Dieser die Möglichkeit gehabt, ein klares Zeichen gegen Diskriminierung und Menschenverachtung zu setzen. Jeder Bischof kann in seinem Bistum selbst entscheiden. Stattdessen wieder nur: bla, bla, bla.

Gertrudis Cörrenzig aus Erkelenz:

Seit längerer Zeit mehren sich die Kirchenaustritte, hauptsächlich bei der katholischen Kirche. Auch bei uns ist das ein Diskussionsthema. Wir gehören zur älteren Generation. Uns hat man die Gewohnheiten/Rituale der katholischen Kirche geradezu eingebläut. Die Schulmesse dienstags und freitags, der sonntägliche Kirchgang mit anschließender Andacht sowie die Beichte gehörten zum Programm. Gerade darum tun wir uns schwer mit dem „letzten Schritt“. Früher gab es für jede Gemeinde „unseren Pastor“. Heutzutage gibt es in dem Sinne keine Pastöre mehr, sondern es sind Manager, die die jeweiligen Zusammenlegungen verwalten müssen. Ein persönlicher Bezug fehlt. Wenn man, gerade in letzter Zeit, die Vorkommnisse/Aufarbeitung der katholischen Kirche mitverfolgt, versteht man die Welt nicht mehr. Man hat das Gefühl, dass so lange gewartet wird, bis wieder etwas Gras über die Sache gewachsen ist. An die Opfer wird zuletzt gedacht. Was ist mit den Ehrenamtlichen, die zum größten Teil das Ganze noch am Laufen halten? Für beide Gruppen tut mir die jetzige Situation leid. Es gibt einige wenige Priester und Ehrenamtliche, die ihren Glauben noch leben und die wir auch bei ihren Projekten finanziell unterstützen. Das ist der einzige Grund, warum wir noch dazu gehören.

Marlies Beger:

Ob wir den Missbrauch innerhalb der Kirchen durch Kirchenaustritt beenden, davon kann niemand überzeugt sein. Ich, Jahrgang 1944, hatte es ebenfalls in Erwägung gezogen, aber: Jetzt erst recht nicht von der Fahne gehen! Konsequente Aufklärung war schon immer das Gebot der Stunde, weshalb ist das so schwer zu verstehen? Trennung von Kirche und Staat, aber richtig und konsequent. Die Verfolgung solcher Verbrechen gehört in die Strafbarkeit unseres Rechtsstaates, diesem untersteht jede, aber auch jede Religionsgemeinschaft jeglicher Couleur. Nur ein Rechtsstaat hat das Recht, derart psychisch gefährlich Verirrte in seine Obhut zu nehmen. Was für eine unerhörte Anmaßung der Religionsgemeinschaften zu entscheiden, ob ein solches Verbrechen zur weiteren Verfolgung dem Rechtsstaat anzuzeigen oder es unter den Teppich zu kehren ist. Statt Austreten, keine monetäre Alimentierung mehr für die Brüder – Geldhahn abdrehen! Weitermachen in dem Verein, Mitsprache und Mitwirken einfordern, öffentlich bleiben, dann verabschieden sich die Ewiggestrigen von selbst, und der eine oder andere kommt zurück.

Kaplan Philipp Schmitz aus Erkelenz:

Wer aus der Kirche austritt, der schadet zuerst der Kirchengemeinde vor Ort. Denn die Kirchensteuer fließt zum größten Teil direkt in die Gemeinden vor Ort und unterstützt deren Arbeit. Diese Arbeit ist zuerst der große Bereich der Seelsorge. Dazu gehören aber nicht nur die Sonntagsgottesdienste, Taufen, Beerdigungen und Trauungen. Seelsorge findet oft auch unsichtbar statt. Unabhängig davon, wie mein persönliches Verhältnis zur Kirche ist, und unabhängig davon, ob ich selbst diese und andere Seelsorgeangebote jemals benötige oder wünsche, sollte ich mir die Frage stellen, ob solche Angebote nicht immens wichtig sind. Während der Corona-Pandemie waren wir als Seelsorger etwa durchgängig im Krankenhaus bei denen, die keinen anderen Besuch empfangen durften. Ähnliches gilt für die Altenheime. Seelsorge ist also viel mehr als Gottesdienst; es bedeutet, den Menschen ein Ohr zu schenken, die sonst kaum jemanden haben.

Ein anderer Teil der Kirchensteuer fließt in die acht katholischen Kindertagesstätten, die die Kirchengemeinde im Stadtgebiet Erkelenz betreibt. Natürlich wird ein großer Teil der Kosten dieser Einrichtungen refinanziert; jedoch längst nicht alles. Die Kirchengemeinde ist daher Arbeitgeber von fast 180 Angestellten.

Schließlich fließt ein ganz großer Teil der Kirchensteuer in den Erhalt der Kirchengebäude und der Gemeindehäuser, in denen sich nicht nur pfarrliche Gruppen treffen. All das kann beeinflussen, wer Kirchensteuer zahlt oder nicht – ganz unabhängig von einer Glaubensentscheidung. Wer mit der Frage eines Kirchenaustritts spekuliert, der sollte Kirche beurteilen nach dem, was sie heute vor Ort leistet – nicht nach dem, was ein Kardinal in München vor 50 Jahren unterlassen hat.

Paul Hagelstein aus Raeren: 

In Deutschland kann man ja wählen ob oder ob nicht via Steuern der katholischen Kirche ein Beitrag zukommt. Bei uns in Belgien ist das leider nicht so. Mit unseren jährlichen Steuern unterstützen wir leider alle religiösen Strömungen, und das, obschon wir eigentlich in der Verfassung eine Trennung von Kirche und Staat vorsehen. Ich bin dafür, dass Religion Privatsache ist und in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat. Ich respektiere jeden, der glauben möchte. Jedoch sollte das, egal aus welchem religiösen Lager, im privaten Bereich geschehen. Da ich selbst katholisch erzogen wurde, liegt mein Schwerpunkt der Abweisung natürlich hier. Schon allein, weil ich diesen Verein am längsten kenne und es in der Vergangenheit dort massiv Berührungspunkte gab. Jedoch lehne ich prinzipiell alle deren Vorgehensweisen strikt ab. Viele sollten darüber zum Nachdenken gebracht werden, ob ihr Glaube an einen Gott tatsächlich einer Institution unterliegen muss. Im Grunde schlägt sich gerade diese Institution mit jeder Seite ihres Buches selbst ganz böse ins Gesicht.

Rupert Mohr aus Aachen:

Die Verzögerung der Abgabe der Willenserklärung kann nicht hingenommen werden, da diese ja auch kirchensteuerliche Folgen hat. Es ist auch unbegreiflich, wa­rum das sogenannte Internet nicht zum Einsatz kommt. Mit dem Personalausweis und der Ausweisapp sollte eine rechtssichere Erklärung per Web oder „Austrittsapp“ sofort möglich sein.

Susanne Kusner aus Erkelenz:

Wenn man sich so ansieht, wie viele der gemeldeten Katholiken überhaupt in die Gottesdienste gehen und/oder in der Gemeinde aktiv sind, dann hat diese Kirche eh nur sehr viele „stille Teilhaber“. Bisher war diesen der steuerliche Beitrag anscheinend egal. Aber diese Menschen wollen einfach keine Kleriker mehr bezahlen, die sich so extrem entgegen ihren eigenen moralischen Werten und der Botschaft Christi verhalten. So ziehen viele nun die letzte Konsequenz und gehen. Die, die aktiv sind und auch überlegen zu gehen, sollten vielleicht noch etwas abwarten, wie sich der Synodale Weg entwickelt und ob der Papst/Rom diesen blockiert. Sollte sich nichts ändern und Rom sich gegen Reformen stellen, kann ich jeden verstehen, der geht. 

Als Anmerkung: Ich bin aktive Christin einer anderen Konfession und betrachte die Situation also von „außen“. Ich war aber bis vor 20 Jahren noch Katholikin und in meiner Jugend sehr aktiv dort. Aber mir missfielen in zunehmendem Maße die autoritäre Struktur der katholischen Kirche und andere Dinge.

Aggi van Kann:

Als katholischer Christ haben wir die Gnade, uns nicht von der Kirche abzuwenden und auszutreten. Wo bleibt der Geist Jesu? Man sollte im Gegenteil endlich empfehlen, wieder innig zu beten und das Evangelium wieder zu lesen und danach zu handeln. 

Catharine Meyer aus Aachen: 

Nicht, solange die Eltern leben! In letzter Zeit beschäftige ich mich schon etwas intensiver mit einem Kirchenaustritt. Ich lebe selbst in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft und bin verheiratet. Da ich vor Jahren im Kirchendienst tätig war, kenne ich das Versteckspiel, die Heimlichtuereien und die Angst nur zu gut, die vor Kurzem von homosexuellen Gläubigen in der ARD-Doku „Wie Gott uns schuf“ beschrieben wurden. Ende des Jahres las ich zudem im „Spiegel“ „Das Schweigen der Hirten“ (Nr. 50/2021), in welchem über ungesühnte Verbrechen im Bistum Trier aufgeklärt wurde. Das macht mich fassungslos. Ich bin in einem kleinen Dorf im Bistum Trier groß geworden, ich wurde sehr katholisch erzogen, und ich meinte auch, eine gläubige Christin und Kirchgängerin zu sein. Nach meinem Coming-Out als junge Erwachsene änderte sich das, nachdem ich einem von mir geschätzten Pater von meiner „Neigung“ erzählte und dieser mir ausdrücklich davon abriet, sie auszuleben. Die Jahre vergingen, und ich habe mich nicht weiter mit einem Kirchenaustritt beschäftigt. Vor Kurzem fragte mich mein Steuerberater ganz entsetzt, warum gerade ich denn noch in der Kirche sei und Kirchensteuer zahle. Vielleicht ist es bei mir die Angst, meine Eltern zu enttäuschen – für sie wäre es schlimm zu wissen, dass die Tochter ausgetreten ist. Solange sie leben, werde ich das nicht tun. Ich möchte zudem soziale Projekte unterstützen, die die Kirche finanziert. Ein bisschen Hoffnung habe ich, dass die Kirche sich modernisiert. Ich zähle da unter anderem auf Bischof Helmut Dieser aus Aachen. Auch stelle ich mir meine Beerdigung, so sentimental das auch klingen mag, im Rahmen eines katholischen Gottesdienstes vor.

Siegfried Pikhard aus Roetgen:

Dass die Zahl der Katholiken, die aus der Kirche ausgetreten sind, stark zugenommen hat, ist vorhersehbar gewesen. Der Kindesmissbrauch ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich vergleiche die Situation mit einer Firma. Es gibt viele Beispiele dafür, dass selbst sehr große Firmen in Konkurs gegangen sind, weil sie nicht bereit waren, sich den geänderten Anforderungen des Marktes zu stellen. Eine Kirche, die 2000 Jahre alt geworden ist, darf sich nicht so verhalten, als lebten wir noch im Mittelalter. Als ein Beispiel möchte ich nur die Stellung der Frauen in der Kirche hervorheben. Mittlerweile dürfte sich auch in der Kirche herumgesprochen haben, dass Frauen gleichberechtigt sind. Es gibt keinen Beruf, den Frauen nicht genauso gut wie ein Mann ausfüllen können. Auch in den höchsten Ämtern wird nicht mehr auf das Geschlecht, sondern auf die Qualifikation geschaut. Wer kann sich heute noch erlauben, diese Tatsache zu ignorieren? Selbst wenn man versucht, die Kirchenaustritte zu verzögern, weil man das Verfahren nicht vereinfacht, wie in andern Bundesländern, werden die Kirchenaustritte weiter zunehmen. Es gibt nur eine Möglichkeit, diesen Vorgang zu stoppen. Die Kirche muss sich den Anforderungen der heutigen Zeit stellen. Wir leben im Jahr 2022 und nicht mehr im 15. Jahrhundert.

Dorothy Naithani aus Alsdorf:

Wenn man aus einer Kirche austritt, heißt es nicht direkt, dass man nicht mehr gläubig ist. In diesem Fall ist es eine Stellungnahme zu dem schrecklichen Zustand der katholische Kirche. Sogenannte „Gottesmänner“ müssen wissen, was auf sie zukommt. Jesus sagt in Lukas 17,1: „Es kann nicht ausbleiben, dass Dinge geschehen, die Menschen vom Glauben abbringen“, warnte Jesus seine Jünger. „Aber wehe dem, der daran schuld ist! Es wäre besser für ihn, mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen zu werden, als dass er einen dieser kleinen, unbedeutenden Menschen zu Fall bringt. 3 Nehmt euch also in Acht!“ – Gemeinschaft ist trotzdem wichtig. Man kann immer noch eine andere gläubige christliche Gemeinde aufsuchen.

Ulla Horbach: