Kreis Heinsberg: Lebenshilfe: Geschichtenkoffer für Menschen mit Behinderung

Kreis Heinsberg: Lebenshilfe: Geschichtenkoffer für Menschen mit Behinderung

Aus ganz Deutschland sind sie zur Lebenshilfe nach Heinsberg verschickt worden. Unzählige kleine und große Kartons liegen gestapelt in einem Gruppenraum der Werkstatt für behinderte Menschen in Oberbruch.

Die unterschiedlichen Aufdrucke verraten die Adressaten der Kartons: Es sind Werkstätten für behinderte Menschen in Bonn, Lemgo, Ursberg oder Wasserburg. Einige der Kartons kommen sogar aus Schweden und Indien.

Logo „mehr-Sinn“

Mitarbeiter der Werkstatt kontrollieren die Waren und breiten sie auf einem großen Tisch in der Mitte des Gruppenraumes aus. Sie sortieren die handgefertigten Puppen, Kerzen, Tücher, Duftöle und viele andere Materialen in hochwertige Holzkoffer ein, die in der Schreinerei gleich nebenan produziert werden. Auf den Deckeln der Koffer ist das Logo „mehr-Sinn“ eingraviert. „Das ist ein besonderer Auftrag für die Werkstatt für behinderte Menschen“, erklärte ­Lebens­hilfe-­ ­Geschäftsführer Edgar Johnen. In Kooperation mit der Universität Köln hat die Lebenshilfe Heinsberg einen Geschichtenkoffer entwickelt, der in der Erwachsenenbildung für Menschen mit schwerer Behinderung eingesetzt wird. „Wir wollen Menschen mit schwerer Behinderung an Literatur heranführen“, so Professorin Barbara Fornefeld von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln.

In einfache Sprache übersetzt

Gemeinsam mit ihren Studenten der Heil- und Sonderpädagogik hat sie klassische Märchen und Abenteuergeschichten auf ihre Kernaussagen hin überprüft und in einfache Sprache übersetzt. „Wir haben deren Zentralaussagen und Dramaturgie herausgearbeitet. Durch den Einsatz spezifischer Requisiten wie Handpuppen, Duftöle, Sand oder Kerzen kann man die Geschichten mit allen Sinnen erleben. Der Prozess des Verstehens findet nicht allein über das gesprochene oder gelesene Wort statt. Verstehen entwickelt sich im Zusammenspiel aller Sinne.“

Ursprünglich für Menschen mit Beeinträchtigungen entwickelt, finden die Geschichten heute in Familien, Kindergärten, logo- und ergotherapeutischen Praxen, Schulen, Werkstätten für Menschen mit Behinderungen sowie in Wohn- und Altenheimen Anwendung.

„Feedback ist besonders wichtig“

Aufgrund der guten Kontakte zur Lebenshilfe Heinsberg hat Barbara Fornefeld die Herstellung des Geschichtenkoffers in der Werkstatt für behinderte Menschen in Auftrag gegeben. „Hier arbeiten Pädagogen und Handwerker, die einerseits die methodischen Anforderungen der Produkte nachvollziehen können aber andererseits auch das handwerkliche Know-how besitzen, um die Produkte hochwertig und in Serie herzustellen. Hier arbeiten aber auch die Menschen, für die wir die Geschichten entwickelt haben, ihr Feedback ist uns besonders wichtig!“

Was in Heinsberg nicht produziert werden konnte, wurde in anderen Werkstätten für behinderte Menschen in Auftrag gegeben. „Wir sind begeistert von den hochwertigen Ergebnissen, die in den Werkstätten koproduziert wurden“, lobte Edgar Johnen. In den Bonner Werkstätten fertigten Menschen mit schwerer Behinderung hochwertige Filzblumen, aus der schwedischen Telleby-Werk­statt kommen spezielle Choroi-Holzflöten. Ein orientalisches Halstuch wurde speziell für „mehr-Sinn“ in der Werkstatt des Lifehelp-Centers im indischen Chennai entworfen. „Diese einmalige Kooperation und die liebevolle Handarbeit der Produkte machen jeden einzelnen Geschichtenkoffer zu einem Unikat und zeigt einmal mehr, wie viel Qualität und Individualität in den Produkten der Werkstätten für behinderte Menschen stecken!“

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