Kreis Heinsberg: Kunstverein Canthe: „Immer noch experimentierfreudig“

Kreis Heinsberg: Kunstverein Canthe: „Immer noch experimentierfreudig“

Erstens macht man das nicht so hopplahopp. Und zweitens machen Künstler ­so was schon gar nicht. Erstens stimmt, zweitens stimmt nicht. Zumindest nicht für die sechs Künstler, die sich vor mittlerweile 34 Jahren zusammengetan und in Hückelhoven den Kunstverein Canthe ins Leben gerufen haben. Heute ist er der am längsten bestehende Kunstverein im Kreis Heinsberg.

Und von Ermüdungserscheinungen keine Spur, wie die aktuelle und die in Kürze folgende nächste Ausstellung beweisen. Sie finden statt im Alten Rathaus in Ratheim, das dem Verein als „Ausstellungslocation“, wie das genannt wird, wenn man auf der Höhe der Zeit sein will, von der Stadt dauerhaft und kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

Komischer Name

Canthe? Komischer Name. „Da ist ein Buchstabe von jedem, der bei der Gründung dabei war, reingeflossen“, sagt Toni Jansen. Er war eines der Gründungsmitglieder, von ihm stammt das „T“. Ernst Curioni hat das „C“ beigesteuert, Herzberg de Pers das „H“, das „A“ ist Klaus Altgassen zuzuordnen, das „N“ Karlheinz ­Noethlichs und das „E“ wahrscheinlich Monika Engelhaupt, die in Heinsberg-Dremmen eine Galerie betrieb und bei der sich die mehr oder weniger miteinander befreundeten Künstler nicht selten trafen.

Nicht nur, um ihre Arbeiten auszustellen — Künstler können bei passender Gelegenheit und dem Vorhandensein anderer förderlicher Stoffe auch sehr gesellige Menschen sein. „Ja, bei der Angelika haben wir oft gefeiert, die war sehr aktiv“, erinnert sich Toni Jansen schmunzelnd. Er war damals so was wie die treibende Kraft, jedenfalls hat er ganz am Anfang von Canthe den Kunst schaffenden Freunden ein Papier auf den Tisch gelegt: „Wir sind alle keine Vereinsmenschen. Aber aus Aachen hatte ich die Satzung der Interessengemeinschaft Bildender Künstler, der IBK. Die haben wir auf unsere Bedürfnisse zurecht geschrieben.“

Verpflichtender Charakter

Und worin bestanden diese „Bedürfnisse“? Anders, einfacher, platter gefragt: Wozu sollte der Verein gut sein? „Keiner von uns lebte von der Kunst. Wir wollten uns und unsere Arbeiten aber zeigen. Zusammen mit anderen, also gemeinsam nach außen hin auftreten fällt leichter als allein. Der Verein sollte das Gerüst werden, auf dem wir uns präsentieren können“, sagt Jansen. „Und“, da ergänzt ihn Hans Latour, „die Vereinsgründung und die Mitgliedschaft in dem Kunst-Verein hatte für jeden einzelnen auch den verpflichtenden Charakter, sich mit seinen Arbeiten einbringen, sich anderen gegenüber öffnen zu müssen.“

Latour ist seit gefühlten Ewigkeiten Vorsitzender von Canthe. Selbst ist er kein Künstler, niemand, der sich bildnerisch ausdrückt. Aber Latour ist ein Meister des Wortes, er ist der, der bei den regelmäßig stattfindenden Ausstellungen der Gruppe die öffnenden Sätze spricht.

Und Latour ist es, der in dem sperrigen Namen des Vereins bildender Künstler durchaus mehr als nur eine Ansammlung von Buchstaben einiger Mitglieder, der darin auch Programmatisches sieht: „Canthe“, sagt er, „signalisiert auch Sperrigkeit. Kante zeigen ist wichtig, wenn wir von und über Kunst reden.“

Bei der Gründung 1982 war das sicher ein ganz wesentliches Merkmal von Kunst: Flagge bekennen, an bestehenden Normen rütteln, Tabus brechen.

Im Westzipfel der Republik — auch dies eine Art von „Canthe“ — musste man zwar nicht, wie Joseph Beuys das in Düsseldorf tat, einem toten Hasen Bilder erklären, aber für schaffende Künstler war der Kreis Heinsberg ziemlich tote Hose. Toni Jansen erinnert sich: „Es gab die Fotogalerie Uwe Piper in Heinsberg, das war‘s dann auch schon. Für uns war es deshalb auch wichtig, dass wir uns untereinander über unsere eigenen Arbeiten streiten konnten. Der Verein sollte dafür die Bühne sein.“ Der Zusammenschluss bewirkte tatsächlich eine Öffnung, es rückten in den Folgejahren andere Kunstschaffende zur Ur-Canthe dazu.

Streitbare Individualisten

Canthe wurde zu dieser Plattform für streitbare Individualisten — und über Kreuz kam man sich bisweilen so heftig, dass Fetzen flogen und Leinwände dran glauben mussten: „Es ist vorgekommen, dass ein Canthe-Künstler Bilder eines anderen Canthe-Künstlers bei einer Ausstellung von der Wand nahm, einfach weil sie ihm nicht passten“, erinnert sich Hans Latour.

Schnee von gestern, die wilden Zeiten sind vorbei, auch Canthe mit seinen heute etwa 50 zahlenden und mehr als einem Dutzend schaffenden Mitgliedern ist in die Jahre gekommen.

Toni Jansen drückt das so aus: „Klar, wir sind immer noch neugierig und experimentierfreudig. Aber im Vergleich zu den Gründungsjahren hat Kunst heute für mich viel von dem verloren, was sie einmal ausgemacht hat: die Bewahrung von Rätsel, von Provokation, von Geheimnis. Das ist alles oberflächlich geworden und verpufft dadurch.“

Der Zeitgeist lässt grüßen, dem kann sich auch ein Kunstverein wie Canthe natürlich nicht entziehen.

Aber Hut ab vor der Offenheit und der Lebendigkeit und, ja, der Streitbarkeit, die sich der Kunstverein Canthe in den 34 Jahren seines Bestehens bewahrt hat.