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Köln: Zwischen Grausamkeit und Zärtlichkeit

Köln : Zwischen Grausamkeit und Zärtlichkeit

Diane Arbus (1923-1971) wollte Aufnahmen von Dingen machen, die „niemand sähe, wenn ich sie nicht fotografieren würde”.

Garry Winogrand (1828-1984) fotografierte, um herauszufinden „wie etwas aussehen wird, wenn man es fotografiert”, und dem 1954 geborenen Thomas Struth geht es darum, „innezuhalten und zu einer erforschenden Sichtweise zu gelangen”.

Werke dieser und 21 weiterer Künstler, die stilbildend auf dem Gebiet der wirklichkeitsabbildenden Fotografie gearbeitet haben oder noch arbeiten, sind im Kölner Museum Ludwig zu sehen.

Mehr als 500 Aufnahmen aus den Jahren 1912 bis 2002 zeigen ungeschminkte Realität: klar, objektiv und unmittelbar. Mal ist der fotografische Blick, der auf Architektur, Orte und Menschen fällt, wissenschaftlich-observierend, mal roh-voyeristisch, mal minimalistisch nüchtern.

Aber es sind zugleich auch Bilder, die voller Einfühlungsvermögen, Engagement für sozial Schwächere und Ekel vor der Konsumgesellschaft stecken.

Diesem Paradoxon - hier Distanz, dort kritischer Subjekti-vismus - verdankt die Ausstellung ihren Titel „Cruel and Tender. Grausam und zärtlich - Fotografie und das Wirkliche”.

„Zärtliche Grausamkeit” attestierte der Kunst- und Literaturwissenschaftler Lincoln Kirstein einst dem US-Fotografen Walker Evans (1903-1975), der ebenfalls mit einer Reihe von Fotografien in der Schau vertreten ist.

Was zuvor bereits in der Londoner Tate-Gallery zu sehen war, nimmt sich aus wie ein „Who-is-Who” der zeitgenössischen Fotografie: Bernd & Hilla Becher, Rineke Dijkstra, William Eggleston, Lee Friedlander, Andreas Gursky, Martin Parr, Thomas Ruff, August Sander, Stephen Shore, Thomas Struth. Und das sind noch längst nicht alle.

Dennoch, so betont der Direktor des Museums Ludwig, Kasper König, sei es nicht darum gegangen, ein Pantheon auf Zeit für die Götter der Linse zu erbauen.

Vielmehr zeige man Bilder, die überprüfbar seien, gerade weil sie Dinge detailliert beschreiben, die man leicht übersieht, die aber im Prinzip bekannt und vertraut sind.

Mütter, die gerade ein Kind geboren haben, nicht schön, nicht strahlend, sondern erschöpft und dennoch selbstbewusst (Rineke Dijkstra: Julie/Tecla/Saskia, 1994). Passbilder, die jede Pore, jedes Äderchen und jeden Pickel zeigen (Thomas Ruff, ab 1981).

Ein perfekt aufgeräumtes Wohnzimmer mit Weihnachtsbaum, Couch, Stehlampe und Fernseher, das nicht anheimelnd, sondern fast schon bedrohlich in seiner Sterilität wirkt (Diane Arbus, 1963).

Parties, auf denen Menschen reden, tanzen, lachen, essen, trinken - und plötzlich ganz leere Gesichter haben, wenn sie sich unbeobachtet glauben (Garry Winogrand, 1960/70er Jahre).

Im Museum Ludwig sieht man Obdachlose und Sozialhilfeempfänger, leere Industrieparks und volle Müllkippen, desillusionierte Ehepaare und erschöpfte Fahrgäste in der U-Bahn.

Bilder, die man überall sieht, wenn man durch die Stadt geht. Man könnte sie fotografieren. Wenn man könnte. Es zu können, so zu können, ist Kunst.