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Heerlen: Zwischen Flockenwirbel und Nachtgeistern

Heerlen : Zwischen Flockenwirbel und Nachtgeistern

Im Flockenwirbel, unter einem Regen von fliegenden riesigen Bällen oder im schillernden Meer bunter Seifenblasen - der rusische Clown Slava Polunin hat ein starkes Gespür für die Träume und Sehnsüchte der Menschen, für ihre Ängste, Verrücktheiten und ihr Bedürfnis, dem kühlen Realismus des Alltagslebens wenigstens für eine kurze Weile einmal zu entkommen.

„Slavas Snowshow” ist ein Ausflug in die Phantasie, aber auch zum eigenen Ich. Im restlos ausverkauften Heerlener Theater gab es am Samstag die umjubelte Premiere einer Niederlande-Tour, wobei Theaterleiter Baas Schoenerdwoerd und sein Team bereits im Foyer für die richige Einstimmung sorgten - mit feinen „Schneeflocken”-Trüffeln zum Kaffee. Bereist im Vorfeld kann man sich über 15000 verkaufte Karten freuen. Zusazvorstellungen (bis 10. januar) sind vorgesehen.

Die von Slava Polunin erdachte und inszenierte „Snowshow” ist ein Abend der Verzauberungen. Die acht skurrilen Akteure zeigen alles, was die „hohe Schule der Clownerie” zu bieten hat und schlagen gleichzeitig den Bogn zum surrealistischen Avantgarde-Theater mit seinen dunklen Tiefen. Da wechseln spaßige Slapstick-Einlagen mit magischen, höchst ästhetischn Bildern, liegen Komik und Tragik in inniger Umarmung.

Mit scheinbar schlichen Mitteln wird größte Wirkung erziehlt, wobei „Frontclown” Onofrio als Führer durch die Welt der Geheimnisse das Publikum an die Hand nimmt. Ein Blick genügt, ein „Schrumpfen” und „Wachsen” im voluminösen gelben Sackkostüm, und die Menschen sind hingerissen. Eine trickreiche Bühnentechnik sorgt für stete Verwandlungen.

Wie große Steppdecken schwanken die beweglichen Hängewände um die Darsteller, sind mal Sternenhimmel, dann wieder bedrohliche Eiswand oder von Feuerbällen durchbrochene Erdkruste und gigantische Spinnwebe. Farben, Lichteffekte und eine stets zur Szene stimmige reizvolle Musik von Klassik bis Salsa sorgen dafür, dass man Slavas tiefsinniger Geschichte von Glück und Unglück der Menschen fasziniert folgt.

Der Russe, Jahrgang 1950, der mit seine Truppe auf der ganzen Welt höchste Auszeichnungen der Branche sammeln konnte, entwickelte 1983 die erste Version seiner „Snowshow”, die sich mit jedem Auftritt wandelt. Von England ging es nach Nordamerika, Algerien und durch die ganze Welt.

Die „Sprache” der kraftvollen und leidenschaftlichen Komödianten ist international. Da wechseln berührende, empfindsame Momente der Stille mit burlesken Szenen, in die das Publikum kräftig einbezogen wird. Die Akteure klettern trotz riesiger Schuhe und schlappender Hüte über die Reihen, tauchen plötzlich irgendwo auf, erklimmen den Rang, balancieren, spritzen mit Wasser und erzeugen ein so fröhliches Miteinander, dem sich niemand entzieht.

Dennoch gelingt es immer wieder, Ordnung ins Chaos zu bringen, von der spaßigen Action den Blick zurück auf die Bühne zu lenken, wo sich neue Wunder auftun, wo im Dunkel die geflügelten Geister der Nacht huschen oder der quietschende Dialog mit einem kleinen Luftballon alle Grundtypen verfehlter menschlichen Kommunikation skizziert - vom Zetern bis zum Säuseln.

Und irgendwann sitzt man völlig atemlos im gewaltigen Schneesturm - und ist glücklich wie ein Kind. Slavas „Snowshow” zeigt, welche Möglichkeiten Theater heue noch immer hat, wenn perfekte Akteure und eine grandios eingesetzte Bühnentechnik miteinander „zaubern”. Jubel, strahlende Gesichter und ein mit luftigen Papierflocken dicht übersätes Theater Heerlen zum Schluss.