Köln: Zum Schluss dann doch noch Taschentücher

Köln: Zum Schluss dann doch noch Taschentücher

Sie ist zwar erst 15 Jahre alt, aber sie weiß genau, was sie will. Die kleine Eva (spanisch „Evita”) will raus aus dem ländlichen Kaff, in dem sie geboren wurde, und hinein in die Großstadt. Nach Buenos Aires.

Dafür ist ihr jedes Mittel recht. Und die besten Mittel, die ihr zur Verfügung stehen, sind ihr Aussehen, ihr schauspielerisches Talent und ihre Wirkung auf Männer. Sie benutzt sie. Einen nach dem anderen: den Tangosänger, um sie mitzunehmen, den Modeschöpfer, um ein gefragtes Model zu werden, den Journalisten, um sie in die Schlagzeilen zu bringen und den Produzenten, um sie zum Star einer Radio-Show zu machen. Als sie auch im Filmgeschäft erfolgreich ist, wendet sie ihre Aufmerksamkeit denen zu, die 1943, nach dem Putsch, die Macht in Argentinien haben: den Militärs. Zwischen der unehelich geborenen Maria Eva Duarte und dem Oberst Juan Domingo Perón beginnt eine Symbiose, die sich, für beide Seiten, als ungemein ertragreich erweisen wird.

Das Premieren-Publikum in der Kölner Philharmonie folgt dem Werdegang von „Evita” bis zu diesem Punkt eher mäßig interessiert. In den ersten Teil ihrer Musical-Version des Märchens vom Aschenputtel haben Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Lyrics) zuviel Information gepackt. Was zwar eigentlich Sinn macht (welcher Musical-Besucher von heute weiß Bescheid über die politischen Verhältnisse im Argentinien der 1940e und 1950er-Jahre), aber dazu führt, dass sich beim Publikum keine rechte emotionale Bindung einstellen will.

Markantes Stimmvolumen

Das liegt auch an Titeldarstellerin Abigail Jaye, die das kleine Luder vom Land mit soviel Kälte und Berechnung darstellt, dass keine Sympathie aufkommen will. Auch stimmlich ist Jaye in diesem ersten Teil nicht auf der Höhe, klingt bisweilen sogar unangenehm schrill. Als Entschuldigung mag gelten, dass die Produktion vom Londoner Westend erst einen Tag zuvor in Köln eintraf und die, sonst übliche, Vorpremiere, die als Generalprobe dient, diesmal ausfiel.

Der zweite Akt macht all das aber mehr als nur wett. Revolutionär Che Guevara (Mark Powell), der als zynischer Erzähler die Geschichte der kleinen Eva und ihrer großen Karriere kommentiert, überzeugt durch markantes Stimmvolumen, Perón-Darsteller Mark Heenehan wandelt sich vom blassen Protagonisten zum verzweifelt Liebenden, und Jaye als Evita spielt ihre dramatischen Fähigkeiten bis an die Grenzen aus.

Wenn sie, bereits totkrank, Abschied von „ihrem” Volk, von Mann und Macht, Ruhm und Reichtum nimmt, greifen viele im Publikum verschämt zum Taschentuch. Der zweite Akt geht ans Herz, nicht nur wegen der großartigen Reprise von „Don´t Cry For Me, Argentina”. Jetzt erst versteht man, warum dieses Musical zum Welthit wurde. Auch die 14 Orchestermusiker, die aus Platzmangel auf die Garderobe ausweichen mussten, haben sich nach der Pause wunderbar eingespielt, die kleine, zehnjährige Johanna bezaubert mit ihrem Lied „Santa Evita” (wird in Köln von fünf verschiedenen Kindern gesungen), und das Ensemble tanzt so wunderbar synchron, dass das Zusehen eine Lust ist.

Standing Ovations für eine (dann doch noch) gelungene Premiere.