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Jüchen: Zelten aus Protest: Umweltschützer fürchten Zwangsräumung

Jüchen : Zelten aus Protest: Umweltschützer fürchten Zwangsräumung

Es ist bitterkalt, der Wind pfeift unerbittlich und gewinnen können sie eigentlich nicht. Doch der Kampf der Umweltaktivisten gegen den Energieriesen RWE Power geht weiter.

Zwischen 87 Obstbäumen haben sich seit dem Neujahrstag zehn Mitglieder des Bundes Umwelt und Naturschutz (BUND) in einem Protestcamp auf dem Gelände des Braunkohletagebaus Garzweiler II im Rheinkreis Neuss verschanzt.

Mit ihren Zelten kämpfen sie gegen die riesigen Bagger des Braunkohlen-Tagebaus an. „Ich wünsche mir so sehr eine Dusche”, sagt Gabi Diethers, die seit vier Tagen ununterbrochen den Minusgraden trotzt.

Die 9500 Quadratmeter große Obstwiese gehört dem BUND, doch das Oberverwaltungsgericht Münster hatte im Dezember Klagen gegen den von RWE betriebenen Kohleabbau abgewiesen. Damit ist der Weg zur Zwangsenteignung frei.

Doch obwohl RWE die Aktivisten mittlerweile zur Räumung aufgefordert hat, versuchen diese weiterhin „nicht zu erfrieren”, wie es Dirk Jansen, der Sprecher des nordrhein- westfälischen BUND-Landesverbandes, formuliert.

Das Zeltlager steht fast unmittelbar an der Abbruchkante des Tagebaus. Nach wenigen Schritten beginnt die 40 Meter tiefe Schlucht zu dem Bereich, der von den Baggern bereits freigeschaufelt wurde. Etwa 150 Meter weiter wird der Krater 200 Meter tief.

Im Hintergrund der trostlosen Mondlandschaft rauchen die Schlote der Kohlekraftwerke Frimmersdorf und Neurath. „Hier wird der Klimaschutz sehr emotional”, bekennt Aktivist Stefan Förster. Er blickt auf einen skurrilen Gegensatz: In der Ferne recken sich neben den Kohlekraftwerken auch Windkrafträder in die Höhe.

Das ungleiche Duell erinnert an den biblischen Kampf David gegen Goliath. Nur wird diesmal in jedem Fall der mächtige Riese RWE Power siegen. „Irgendwann wird die Niederlage kommen”, weiß Förster.

Doch bis dahin formuliert der 39-Jährige gemeinsam mit seinen Kameraden dick vermummt am Lagerfeuer in einem der acht Zelte Durchhalteparolen: „Wir richten uns bis Ende des Monats ein.”

Bislang hat RWE nicht versucht, die Räumung durchzusetzen, versucht aber, das Leben der Besetzer möglichst schwer zu machen. Den Zugang zur Wiese riegelt ein Security-Service ab. Zutritt haben nur noch Fußgänger. „Dadurch wird die Versorgung des Lagers enorm schwierig” bekennt Jansen. Er ist sich sicher, dass RWE die Umweltschützer „zermürben will”.

Doch die können auch auf die Unterstützung der Bevölkerung zählen. „Es ist ein Widerstandscamp- Tourismus entstanden”, sagt Jansen. Jeden Tag kommen die Bürger aus den Dörfern der Umgebung und versorgen die Camper mit Wasser, Wein und Essen.

Doch das Wetter nagt an der Zuversicht. „Mal abwarten, was passiert, wenn es anfängt zu regnen. Vielleicht ändert sich die Situation dann”, sagt Diethers. „Langsam muss mal etwas geschehen.” Das meint auch Jansen und befürchtet schon bald ein negatives Ende.

„Ich gehe davon aus, dass es jetzt bald einen Vollstreckungstitel gibt.” Dann wäre der Sieg von RWE endgültig besiegelt und die Bagger könnten den Rest des insgesamt 48 Quadratkilometer großen Arreals abtragen, der in den kommenden 40 Jahren 20 Prozent der Stromversorgung in NRW sichern soll.