Zarte Liebe im Musical „Irma la Douce“ im Grenzlandtheater Aachen

Aachen: Musical „Irma la Douce“: Zarte Liebe im rauen Bilderbuch-Milieu

Sie springen den Zuschauer bereits an, bevor er seinen Platz gefunden hat. Schräg, ein bisschen verkommen, einst knallig bunt, nun verschattet, bräunlich, aber noch immer lockend, fast torkelnd: Die Häuser und Gassen des Pariser Vergnügungsviertels nahe der Markthallen mit kleinen Hotels, in denen man die Zimmer stundenweise mietet.

Leif-Erik Heine hat für die Inszenierung des Musicals „Irma la Douce“ von Alexandre Breffort und Marguerite Monnot im Grenzlandtheater Aachen die perfekte Umgebung geschaffen — ein bisschen Puppenbühne, ein bisschen genialer Baukasten mit Elementen zum Schieben, Ein- und Ausklappen.

Die perfekte Umgebung für eine Handlung, die gleichfalls schräg ist, aber schön. Für Regisseur Ulrich Wiggers ist die kleine Bühne nach zahlreichen Musical-Produktionen für das Haus in der Elisengalerie nicht mehr neu, doch immer wieder eine Herausforderung. Im großen rauschenden Kosmos Paris ist das Vergnügungsviertel, in dem die bizarre Liebesgeschichte zwischen der süßen Irma („la Douce”), „Verkaufsschlager” ihres Zuhälters, und dem übereifrigen Polizisten Nestor eine eigene, nicht gerade saubere Welt.

Nestor fliegt aus dem Job, weil er bei einer Rotlicht-Razzia den eigenen Chef verhaftet. Er verliebt sich dabei Hals über Kopf in Irma, wechselt die Seiten und kommt damit nicht klar. Die Liebe wird tragisch, aber zum Glück ist im Musical-Märchen alles möglich: Happy End nach schmachtenden Songs. Wiggers greift damit zur Variante, für die sich Billy Wilder 1963 bei der Verfilmung des Stoffs als US-amerikanische Filmkomödie mit Shirley MacLaine und Jack Lemmon entschieden hat. Bei der Uraufführung von „Irma la Douce” 1956 in Paris war Nestor noch ein Jura-Student.

Ulrich Wiggers hat die Absurdität der Story klar im Blick. Er inszeniert mit einem Augenzwinkern, ohne den Witz, die Tragik und die Romantik, die in diesem Stück stecken, zu missachten oder zu verflachen. So behält das Musical „Irma la Douce” nach einer kurzen Eingewöhnungsphase bis zum Ende seinen Schwung, die Skurrilität wird zum System. Ein spielfreudiges Ensemble liefert fein ausgearbeitete Charaktere. Schließlich ist man in diesem Theater ganz nah dran, sieht jede Bewegung, jeden Blick.

Als Titelfigur „Irma la Douce” bietet Maxine Kazis, die sofort alle Herzen erobert, eine verführerische Mischung aus Raffinesse und Naivität. Wenn sie mit einer raschen Bewegung eine Zigarette inklusive Feuerzeug aus ihrem knappen Oberteil fischt, kann man ahnen, dass diese Dame das Milieu gut studiert und spielerisch im Griff hat. Erst die wahre Liebe verwirrt und verändert sie, bringt das heiß-kalte Wechselbad von Glück und Kummer. Das spielt sie gut.

Wie Figuren eines Karussels

Um sie herum bewegen sich die Gestalten wie Figuren eines Karussells. Wiggers kultiviert die Überzeichnung, aber er verliert nie den Respekt vor einer Gestalt. Oliver Urbanski stolpert steif wie ein Zinnsoldat und von seiner Pflicht blind als Polizist Nestor ins Café Moustache, wo Irma ihre Freier findet. Im Laufe der Handlung durchläuft der Schauspieler, der zunächst eher trocken daherkommt, eine erstaunliche Entwicklung, singt, tanzt, liebt, leidet und spielt mit komischer Perfektion den „alten Monsieur Oscar“, der es Irma ermöglichen soll, nicht mehr anzuschaffen.

In einer hinreißenden ersten Choreographie lässt Marga Render, die in großen und kleinen Szenen für Bewegung sorgt, das Mädchen Irma zusammen mit den Gaunern feiern und herumwirbeln: „Dis-donc“, ein Ohrwurm, flott, frech. Zusammen mit Maxine Kazis und Oliver Urbanski tanzen Olaf Meyer („Bob“), Robert Meyer („Jojo“), Ricardo Frenzel Baudisch („Hyppolyte“), Nicolai Schwab („Bonbon“), Jan Altenbockum („Roberto“) und Stefan Schmitz („Persil“) über die Bühne. Drehungen, Fußarbeit, Hebung, alles klappt, jeder ein anderer Typ, eine andere Statur, gemeinsam eine tolle Truppe.

Verstärkt wird der Eindruck durch die Kostüme in zuckrigen Farben, die gleichfalls Leif-Erik Heine entworfen hat. Irma trägt — natürlich — extrem knappe Kleidchen, schwarze Strümpfe, samtiges Rot nach dem grün gestreiften winzigen Jump-suit vom Anfang, im Arm das obligatorische „Hündchen“, ein Wischmopp, der die Farben wechselt, aber manchmal stört.

Getreulich begleitet die Live-Band unter der Leitung von Damian Omansen das Geschehen. Er, Jens Böckamp (Blasinstrumente), Raphael Klemm (Posaune), Steffen Thormählen (Schlagzeug) und Johannes Voss (Bass) prägen musikalisch die Szenen. Zu Anfang ahnt man sie hinter den je nach Beleuchtung durchsichtigen Elementen der Kulisse. Wiggers steigert im Laufe des Stücks diese Überraschungsmomente.

Und schließlich ist die gesamte Band sichtbar — verteilt auf kleine Adventskalender-Quadrate. Eine schöne Idee.

Handlung nimmt Fahrt auf

Die Handlung nimmt nach und nach Fahrt auf, die Wechsel von innigen Liebesschwüren zu deftigen Ensembles gelingen. Die Szenen von der Teufelsinsel, auf der die Ganoven schwitzend vom schönen Paris und Nestor speziell von der süßen Irma träumen, bis zum Flucht-Floß, auf dem Urbanski zu Seemannsliedern das Akkordeon schwingt, sind Highlights.

Und Maxine Kazis zeigt, wie sich das Mädchen in eine liebende Frau verwandelt hat: „Milord“, das schmerzliche Piaf-Chanson, geschrieben 1958 und vertont von Musical-Komponistin Monnot, singt sie mit deutschem Text im langen, schwarzen Abendkleid mit weißem Jäckchen über dem Dekolleté, verzweifelt und stolz. Ein Gänsehaut-Moment, spontaner Applaus. Das Finale ist turbulent und ausgelassen, Babybauch, Hochzeitskleid, die Wickelpüppchen werden von den rauen Burschen zärtlich herumgereicht. Alles ist gut. Wir sind schließlich im Musical-Märchen.

Wiggers und das gesamte Ensemble liefern souverän eine gefühlvolle Geschichte mit spritzigen und stillen Momenten als gute Unterhaltung. Das Publikum ist begeistert.