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Aachen: „Zappelphilipp” braucht mehr Lob als andere

Aachen : „Zappelphilipp” braucht mehr Lob als andere

„Mama, es hat doch alles keinen Sinn mehr.” Acht Jahre alt war Michael, als er eines Nachmittags auf dem Sofa saß und nicht mehr leben wollte.

In der Schule kam er nicht so gut mit, wie er wollte. Er hatte keine Freunde, eckte überall an. Doch nicht nur Michael, auch sein zwei Jahre jüngerer Bruder Jannik und die Eltern waren permanent frustriert.

Seine Mutter Maike erinnert sich: „Unser ganzes Familienleben war eine einzige Katastrophe.” Täglich gab es Streit. Türen wurden geschlagen, das Geschrei war durch das ganze Mietshaus zu hören. Die Nachbarn mieden das Ehepaar mit den zwei unruhigen Kindern, beschimpften die Familie regelmäßig. Auch in der Ehe kriselte es immer häufiger. Die Schuld hat Maike bei sich selbst gesehen: „Ich dachte, ich sei unfähig, meine Kinder zu erziehen.”

Flut von Reizen

Heute, fünf Jahre später, sind die Schmitz zwar immer noch keine „normale” Familie, aber eine glückliche. Was ihnen geholfen hat, war eine einjährige Familientherapie, an der sich alle aktiv beteiligt haben. Die Familie hatte sich hilfesuchend an Ärzte gewandt, die den Ursprung für das Familienchaos fanden. Ihre Diagnose: ADHS - die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), häufig auch als Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) bezeichnet. Bei allen Familienmitgliedern wurde die ADHS festgestellt - mehr oder weniger stark ausgeprägt.

Fälschlicherweise wird die ADHS oft als „Modekrankheit” abgestempelt. Doch bereits 1847 beschrieb der Nervenarzt Heinrich Hoffmann das Phänomen des „Zappelphilipps”. Heute weiß man, dass Störungen des Hirnstoffwechsels wesentliche Ursache für die ADHS sind. Genetische Faktoren spielen dabei eine große Rolle. Forscher gehen davon aus, dass bei der ADHS bestimmte Nervenzellen nicht ausreichend miteinander kommunizieren.

Dies betrifft besonders das neuronale Filtersystem äußerer Reize, das beim gesunden Menschen für ein angemessenes Verhalten sorgt. „ADHS-Kranke sind ständig einer Flut von Reizen ausgesetzt. Sie können nichts filtern”, erklärt Herta Bürschgens, zweite Vorsitzende des Bundesverbandes „Arbeitskreis Überaktives Kind” (AÜK) und Vorsitzende der AÜK-Landesgruppe Nordrhein-Westfalen.

Keine leichte Diagnose

Die Diagnose sei nicht leicht: „In der Regel fallen ADHSler erst dann auf, wenn Leistung gefordert ist, also etwa ab dem fünften Lebensjahr. Vorher denken viele Eltern, sie hätten eben ein sehr lebhaftes Kind.” Kommen ADHS-Kinder jedoch in die Schule, wo sie lange still sitzen, sich konzentrieren und Regeln befolgen müssen, mehren sich die Konfliktsituationen. Drei bis fünf Prozent aller Schulkinder leiden unter dieser Störung.

„Man unterscheidet zwischen drei verschiedenen Typen von ADHSlern”, sagt Bürschgens. Es gibt den Mischtyp, der sowohl aufmerksamkeitsgestört als auch hyperaktiv und impulsiv ist. Ist eine der Eigenschaften weniger stark ausgeprägt, so spricht man vom vorwiegend unaufmerksamen oder vorwiegend hyperaktiven Typ. Häufig leiden ADHSler unter Begleiterkrankungen, sehr oft unter Depressionen. Auch Maike kennt das Problem: „Es sind nicht nur die Depressionen - immer wieder beschweren sich Michael und Jannik über Bauchschmerzen.”

Die Krankheit kann durch äußere Umstände nicht ausgelöst, aber stark beeinflusst werden. Das Umfeld der Kinder ist von großer Bedeutung, das hat auch Maike erfahren: „Meine Kinder brauchen klare Regeln.” Doch da fängt das Problem bereits an: „Wie soll ich ihnen klare Regeln geben, wenn ich selber keine habe?” Maike hat viel an sich arbeiten müssen, um Erfolge zu erzielen. Eine geordnete „Zettelwirtschaft” ist für sie normal geworden und hilft ihr weiter.

In der Therapie wurden außerdem Familienregeln erarbeitet, die das Zusammenleben erleichtern sollen. Diese wurden auf einem Zettel notiert und für jeden sichtbar in der Küche aufgehängt. Da steht etwa „Gemeinschaftsräume werden sauber und ordentlich verlassen!” oder „Absprachen werden eingehalten!” Und das funktioniert? „Und wie! Die Regeln haben wir mittlerweile so verinnerlicht, dass das Merkblatt eigentlich überflüssig ist”, freut sich Maike.

Regelmäßige Gespräche

Große Bedeutung hat die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern. „In der Lehrerin von Michael haben wir eine gute Partnerin gefunden”, sind sich Maike und ihr Mann Andreas einig. „Nach der Diagnose haben wir begonnen, gemeinsam an den Problemen zu arbeiten.” Dazu gehörten regelmäßige Gespräche, in denen offen über Vorkommnisse und Absprachen berichtet wurde. „Diese Kinder brauchen einfach mehr Struktur, mehr Konsequenz und mehr Geduld”, haben die Eltern festgestellt. „Wir haben mit der Lehrerin viel Glück gehabt, da sie sehr einfühlsam reagiert hat. Ohne sie wäre Michael heute nicht das, was er ist.”

Christa Ross, Rektorin der Grundschule Bardenberg, hat sich nicht nur wegen Michael mit dem Thema ADHS auseinander gesetzt: „Im Schnitt sind ein bis zwei Kinder pro Klasse betroffen.” Wie können diese Kinder trotzdem in den normalen Unterricht integriert werden? „Man muss auf das Kind eingehen, Bedingungen schaffen, die es braucht”, sagt Ross.

Wichtig sei, das Kind nicht auszugrenzen, sondern immer wieder zu ermutigen. „Sie brauchen mehr Lob als andere Kinder, denn Tadel erhalten sie sowieso zur Genüge”, bestätigt Maike. Um die Aufmerksamkeit zu fördern, sei ein Platz in der ersten Reihe mit direktem Blickkontakt zum Lehrer hilfreich.

Dass die Kinder trotz ihrer auffälligen Verhaltensweisen und Lernprobleme - sehr oft geht eine Lese- und Rechtschreibschwäche oder Rechenschwäche mit der ADHS einher - nicht auf die Sonderschule gehören, darin sind sich alle einig: „ADHS hat nichts mit Intelligenz zu tun.” Oft seien die Kinder eher überdurchschnittlich intelligent, verweist Herta Bürschgens auf berühmte Fälle: „Bill Clinton hat ADHS, ebenso hatten Albert Einstein und Kaiser Karl diese Störung.”

An den Beispielen ist auch erkennbar, dass sich die ADHS nicht „auswächst”, wie gerne angenommen. Auch Erwachsene haben mit den Symptomen zu kämpfen, in mehr oder weniger starker Ausprägung. Sie sind vergesslich, können Aufgaben nicht planen oder meistern, ihre beruflichen und privaten Bindungen sind oft gestört, sie leiden unter Ängsten und Depressionen.

Sehr kreativ

Jetzt führt Familie Schmitz ein geregeltes Leben und eckt weniger an. Alle haben die Krankheit akzeptiert und arbeiten an sich. „Anderssein kann auch lustig sein - manchmal”, sagen die vier und erinnern sich: Damals, als Michael ein tausendteiliges Puzzle fertiggestellt hatte und dieses nicht zur Wand passte, „da haben wir kurzerhand das Zimmer neu gestrichen und umgebaut”, sagt sein Vater lachend. Viele ADHSler seien sehr kreativ, weiß er.

Das Familienleben läuft jetzt in geordneten Bahnen. Die Mietwohnung wurde gegen ein geräumiges Haus getauscht, mit den Nachbarn gibt es keine Probleme mehr. Auch die Kinder sind mittlerweile gut integriert. Sie haben Freunde gefunden und sind in Vereinen aktiv. Michael hat für sich einen Weg gefunden, seine Krankheit zu erklären: „Ich brauche halt für einige Dinge etwas mehr Zeit.”

(Die Namen der betroffenen Familienmitglieder wurden von der Redaktion geändert.)