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Xavier Naidoo macht sich seinen Reim auf die Welt

Xavier Naidoo macht sich seinen Reim auf die Welt

Bonn. Die Tour zu seiner neuen CD „Alles kann besser werden” hat Xavier Naidoo gerade hinter sich gebracht. Der ungewisse Titel scheint zu einem Jahr zu passen, in dem Wirtschaftsexperten über die Lehren aus der Finanzkrise diskutieren; und Politiker auf dem UN-Gipfel in Kopenhagen eine Wende im Kampf gegen den Klimawandel beschwören. Im Interview spricht Naidoo über die politische Dimension seiner Songs und seine musikalischen Wurzeln.

Herr Naidoo, ein Album mit drei CDs, dazu die Tour und nebenbei jede Menge anderer Termine mit Ihrer Band „Söhne Mannheims” - ist man da am Ende eines Jahres nicht ziemlich fertig?

Naidoo: Nein gar nicht. Diese Lieder zum Beispiel sind so schnell da, dass man es manchmal gar nicht fassen kann, an einem Tag vier neue Songs zu haben. Also nicht nur so in der Struktur, sondern in meinen Augen komplett. Klar, wir nehmen noch Instrumente dazu auf und es wird gemischt und geprüft, ob alles gut klingt, vielleicht muss man noch mal was einsingen. Aber für einen Laien und auch für mich ist an dem Tag der Song meist schon fertig. Musik und Texte sind das kleinste Problem. Das fällt uns Gott sei Dank fast in den Schoß.

Trotzdem enthalten manche Songs schwere Kost - zum Beispiel zur Wirtschaftskrise.

Naidoo: Das ist aber schon ein uraltes Thema bei uns. Ich habe schon in meinem letzten Album gewarnt, dass uns diese Krise bevorsteht. Man muss ja wirklich nur mit offenen Augen durch die Welt gehen. Wo kommt denn unser Geld her? Für mich ist klar, dass irgendwann diese ganzen Papierwährungen null und nichtig sind. Alle sieben Jahre, heißt es, kommt ein riesiger Crash. Da frage ich mich schon, warum in Deutschland eine christliche Partei in der Regierung diesen Bullshit mitmacht. Wenn ich sogar aus der Bibel herauslesen kann, dass das alles keinen Wert hat, wie können die das dann nicht? Ich brauche diese ganzen verlogenen Politikdarsteller nicht und diese ganzen Wirtschaftsbosse, die nichts anderes als ihre Aktien im Kopf haben.

Verstehen Sie Kritiker, die Ihnen Betroffenheitslyrik vorwerfen? Schließlich verdienen Sie mit Ihrer Musik ja auch gutes Geld.

Naidoo: Aber darum geht es doch gar nicht. Ich fühle mich einer Generation zugehörig, der vieles offenbart wurde und die sich vieles nicht mehr gefallen lassen will. Wenn ich mir jetzt die kleinen Kinder anschaue, dann weiß ich, die sind irgendwann 20, 25 Jahre alt, und die werden dir deine Fehler aufs Brot schmieren. So wie die 68er-Generation ihren Eltern und Großeltern das aufs Brot geschmiert hat, kriegen wir das auch ab. Und ich will dann einfach sagen, ich habe mich zu Wort gemeldet, ich habe Lieder über das geschrieben, was mich angenervt hat. Geh zu den anderen, mich brauchst du da nicht vollzulabern.

Keine Angst davor, dass Ihnen eines Tages die Ideen ausgehen?

Naidoo: Nein, das hatte ich bisher noch nicht. Und Lieder zu schreiben, die einen aktuellen Bezug haben oder Dinge aus der Vergangenheit noch mal aufgreifen, ist mir einfach wichtig. Was weiß ich, ob die Krise jetzt vorbei ist oder welche Bankchefs mit im Dreck stecken. Darüber Lieder zu machen, damit die Leute einfach mal wissen, wer und was und warum... Es gibt wunderbare Reime auf diese ganzen Sachen.

Drückt Musik aber nicht auch die Sehnsucht nach einer heilen Welt aus?

Naidoo: Vielleicht zu mehr Gefühl, zu mehr Liebe - aber auch zu mehr Misstrauen.

Wie haben Sie selbst zur Musik gefunden?

Naidoo: Wir hatten bei uns zuhause ein Aufnahmegerät. Da habe ich zusammen mit meinem Vater, der Gitarre gespielt hat, immer reingesungen. Ich glaube, „Amazing Grace” war mein erstes Lied, was ich konnte. Mit vier oder fünf Jahren bin ich dann in den Kinderchor unserer Gemeinde gekommen. Immer vom Kindergarten zu den Chorstunden. Das war gut für die Stimmbildung - und das habe ich dann eben weiter verfolgt. Natürlich, wenn die anderen Jungs zum Fußballtraining gegangen sind, habe ich mir doch ab und zu was anhören müssen, weil ich mit den Mädchen im Gesangsunterricht war.

Ab wann wussten Sie, dass Sie später Sänger werden wollen?

Naidoo: Das könnte beim Sternsingen gewesen sein.

Beim Sternsingen?

Naidoo: Ja, diese Melodien haben mich irgendwie total berührt. Die habe ich mir dann nachts im Bett selber vorgesungen, so dass meine Mutter manchmal gesagt hat: „Xavier stop, sleep!” Irgendwann hatte ich auch ein Erlebnis in der Schule, wo wir in der Englischstunde vorsingen sollten. Da habe ich gemerkt, dass ich mit meinem Gesang was bei der Englischlehrerin ausgelöst habe. Die war fast fassungslos. Das ist mir natürlich nicht verborgen geblieben. Und ab dem Tag habe ich gemerkt, das ist anscheinend schon was Besonderes.