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Bonn: Wunderdinge vom „Marktplatz der Welt”

Bonn : Wunderdinge vom „Marktplatz der Welt”

Die Federzeichnung ist so winzig, dass sie in einen Handteller passt. In brauner Tinte auf ehemals weißem, jetzt schon etwas vergilbtem Papier hat ihr Schöpfer einen Engel gezeichnet.

Aus zarten Strichen erwächst eine Anmut, die ungemein lebendig wirkt und gar nicht statisch. Die Linie der Flügel, die Haltung des Kopfes, die Kurve des Körpers, aus all dem spricht eine wunderbare Harmonie, und sie schwingt wie himmlische Musik. Ein Meisterwerk.

Was 1667/68 als erste Ideenskizze für den „Engel mit der Dornenkrone” entstand, stammt von Gianlorenzo Bernini (1598-1680) und ist die einzige bis heute bekannte Vorzeichnung für die Engelsbrücke, die Papst Clemens IX in Auftrag gab. Nicht nur ein Meisterwerk also, sondern auch eine seltene Kostbarkeit.

Goldener Damast

Eine, die man allzu leicht übersieht. Inmitten der zahlreichen, ebenso prunk- wie prachtvollen Exponate, mit denen die Ausstellung „Barock im Vatikan” in der Bundeskunsthalle aufwartet, haben es die Besucher nicht gerade leicht.

Wunderbare, großformatige Stücke - wie etwa ein fünf Meter hohes Holzmodell der Kuppel der Peterskirche, der leuchtend rote, zehn Meter lange Rest eines goldbetressten Damastbehangs oder Öl-Gemälde, die die Ausmaße eines Kirchenportals haben - ziehen zuallererst die Blicke auf sich. Die Fortsetzung der Vorgängerschau „Hochrenaissance im Vatikan” wartet mit mehr als 350 prachtvollen Objekten auf, die das Zusammenspiel von Architektur, Malerei und Skulptur am Hof der Päpste im späten 16. und 17. Jahrhundert illustrieren.

Kunst und Wissenschaft in den Dienst der katholischen Kirche zu stellen und dadurch zu deren Verherrlichung beizutragen, war das gemeinsame Anliegen von Männern, die mit bürgerlichem Vornamen Ugo, Felice oder Camillo hießen und als Kirchenoberhäupter Gregor XIII., Sixtus V. und Paul V. Geschichte schrieben.

Ihnen und fünf weiteren Päpsten widmet die Ausstellung gesonderte Abteilungen, darüber hinaus gibt es thematische Zuordnungen wie „Neu St. Peter”, „Orden und Heilige” oder „Wissenschaft in Rom”.

Eine Vorreiterrolle bei Letzterem spielte die „Academia die Lincei”, benannt nach dem Luchs (ital. lince) Während dieser scharfsichtigen Akademie unter anderem die erste Abbildung mit Hilfe eines Mikroskops zu verdanken ist, müssen sich Besucher auf ihre eigenen Luchsaugen verlassen, um das barocke Rom zu durchstreifen.

Der „Marktplatz der Welt”, wie man die ewige Stadt damals pries, und die nun, bis März nächsten Jahres, eine Dépendance in Bonn hat, quillt förmlich über vor Pretiosen. Zum Teil wurden sie erstmals von der „Biblioteca Apostolica Vaticana”, der „Fabbricca die San Pietro” und den „Musei Vaticani” ausgeliehen, was den Reiz, sie zu betrachten, noch erhöht.

Zu sehen gibt es Büsten, Bildteppiche und Barberini-Schränke, Reliquare in Gold, Silber und Kristall, Gewänder, Grundrisse und Grafiken, Statuen, Sarkophag-Fronten und Schreine, Ein „Studiolo” lädt zum Ausprobieren von Errungenschaften jener Zeit, wie dem Zirkel, ein, in einem nachtschwarzen Raum entfalten Projektionen von Deckenfresken ihr fast schon überirdisch schönes Leuchten, eine Computeranimation der Technischen Universität Darmstadt lässt die Entwurfs- und Entstehungsgeschichte von St. Peter lebendig werden.

Wie die Symbiose von Kunst und Mäzenatentum gedieh und dazu beitrug, die Glorie des barocken Vatikans zu mehren, zeigen Werke von Pietro da Cortona, Francesco Borromini, Nicolas Poussin, Andrea Sacchi und Peter Paul Rubens.

Oder die kleine, braune Skizze eines wunderbar harmonischen Engels, die man allzu leicht übersieht.


Öffnungszeiten, Tickets und Katalog:

„Barock im Vatikan. Kunst und Kultur am Hof der Päpste II”, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Allee 4.

Geöffnet: bis 19. März 2006. Di. und Mi. 10-21 Uhr, Do. bis So. 10-19 Uhr, Mo. sowie 24.12., 31. 12. und 27.02. geschlossen. Katalog : 499 Seiten, 29 Euro.