Berlin/Düsseldorf: Würselener Künstler schafft spektakuläre Skulptur für den BND

Berlin/Düsseldorf: Würselener Künstler schafft spektakuläre Skulptur für den BND

Täglich gehen jede Menge Agenten im Herzen Berlins an ihr vorbei. Übers Fernsehen soll sie sich als unverwechselbares Markenzeichen und Medienbild des Bundesnachrichtendienstes (BND) in die Köpfe der Deutschen einbrennen: eine monumentale, braun-rote Stahlskulptur, die selbst James Bond nicht wegschleppen könnte.

18 Tonnen wiegt das kolossale Teil — geschaffen von einem in Würselen geborenen Künstler, der seit 1989 in Düsseldorf lebt: Stefan Sous (49). Titel der Skulptur: „o. T.“ — sprich: ohne Titel. Sie sieht aus wie der schwebende Faustkeil eines Giganten. Die Herstellung, der Transport, die weiteren Umstände und die Geheimnistuerei darum: All das macht dieses außergewöhnliche Kapitel von „Kunst am Bau“ äußerst spannend.

Hier wird im Vergleich zur Größe der Monteure deutlich, welche Ausmaße die Skulptur tatsächlich hat. Ein Koloss, der künftig das Medienbild des BND prägen soll. Foto: Ulrich Schwarz

Eigentlich steht der Riesenbrocken bereits seit 2012 repräsentativ an der Berliner Chausseestraße vor der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes, die wahrscheinlich erst zusammen mit der Skulptur 2016 eingeweiht wird; der komplizierte Umzug aus Pullach geht immer noch vonstatten. Am Ende sollen in dieser umzäunten und von einem Graben umgebenen Festung, die aus einem langen zentralen Flügel, Innenhof, Atrien und einem Dutzend Bürotrakten besteht, 4000 Menschen arbeiten. Bis jetzt hatte das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit als Auftraggeber der Skulptur für den BND sozusagen das Exklusivrecht, ausführlich über das Objekt und seine Entstehung zu berichten. Soeben ist nun im Verlag Jovis Berlin der 272 Seiten starke Bildband „Kunst am Bau. Projekte des Bundes 2006-2013“ erschienen — Herausgeber: eben jenes Ministerium in Berlin. Vorgestellt werden darin 59 Kunst-am-Bau-Objekte des Bundes, Sous‘ ist eines der spektakulärsten davon. Seither hat der Würselener offiziell grünes Licht, Details über sein „o. T.“ preiszugeben.

Preisfrage: Wer überhaupt kann einen 18-Tonnen-Koloss aus sechs Millimeter starkem Stahl nach künstlerischen Plänen fabrizieren? Auf der Suche nach einer passenden Firma klapperte Stefan Sous zunächst Werften im Ruhrgebiet ab, zumal er anfangs sowieso nur den Wasserweg als Transportroute in Betracht gezogen hatte. Allein ein Schiff, so schien es, konnte „o. T.“ mit diesen Dimensionen nach Berlin verfrachten. Und zumindest „schiffsähnlich“, nur anders geformt, hätte seine Skulptur durchaus von einer Werft gefertigt werden können.

Dann aber wurde Sous fündig bei der Heinrich Rohlfing GmbH in Stemwede zwischen Osnabrück und Minden, ein Tipp von seinem Kollegen Ulrich Brüschke, der für die BND-Zentrale ebenfalls einen Kunst-am-Bau-Auftrag erhalten hatte. Er lässt zwei Stahlpalmen an der Rückseite des Gebäudes „wachsen“.

Das ureigene Metier der Firma Rohlfing ist eigentlich der Brückenbau, aber die ostwestfälischen Stahlbauer stellten sich sogleich mit Begeisterung auch dieser außergewöhnlichen Herausforderung. Die wichtigste Vorarbeit erledigte indessen ein Spezialunternehmen im Siegerland: Jede Menge große Stahlbleche galt es nach Sous‘ Plänen zu wölben, damit schließlich, zusammengeschweißt, die Form eines Faustkeils oder — je nach Betrachtung — eines gewaltigen Gesteinsbrockens herauskommen konnte. Das längste zu wölbende Stück maß dabei zwölf mal zwei Meter. Übrigens lässt auch der berühmte amerikanische Bildhauer Richard Serra seine Stahlskulpturen im Siegerland formen.

Als Ganzes nicht transportabel

Allein der Zusammenbau in Stemwede war ein Abenteuer, vom Transport nach Berlin gar nicht erst zu reden. Ein ganzes Jahr lang begleitete Sous die Arbeiten bei Rohlfing. Und nicht nur das: Er setzte auch selbst Schweißgerät und Trennscheibe an. Ein Objekt, das 20 Meter lang, zehn Meter breit und gut viereinhalb Meter hoch ist — das klopft man nicht mal eben so in Stahl. Daher folgte ein langer Herstellungsprozess nach der Ausschreibung 2008 und der Wettbewerbs-Entscheidung 2009.

Wie aber sollte „o. T.“ an die Spree gelangen? Eine Frage, an der Stefan Sous zeitweise verzweifelte, denn das Schifffahrtsamt machte seinen Vorstellungen einen Strich durch die Rechnung. Geplant hatte er eine Reise per Schiff über den Mittellandkanal nach Berlin. Die war auch schon genehmigt, dann gab es aber einen personellen Wechsel im Amt, und dem neuen Mann fiel auf, dass zwei Brücken auf der Fahrt zu niedrig zum Durchfahren sind: eine in Münster und eine in Berlin. Also musste eine andere Lösung her, und die bestand aus zwei Tiefladern — die größten und schwersten, die es überhaupt gibt. Skulptural bedeutete diese Umorientierung eine neue Herausforderung: „o. T.“ musste in zwei Teile getrennt werden. Grund: als Ganzes nicht transportabel.

Also war die Trennung fällig in Stemwede, genau in der Mitte — damit der Eingriff auch Sinn machte zur umgebenden Architektur. Die ist nämlich vom Berliner Architekten Jan Kleihus absolut perfekt in Rasterform geplant worden. Und an diesem Punkt wird jetzt erst recht noch einmal klar, was der Jury an der Skulptur so besonders gut gefallen hat, an einem Teil wie aus der Steinzeit, an dem man nirgendwo einen rechten Winkel feststellen kann, nur konkave Wölbungen — auf Deutsch: Kerben. Genau das ist es: „Die Qualität der Arbeit liegt auch in den Anachronismen zwischen der Materialität aus Corten-Stahl und ihrem Erscheinungsbild als Naturstein, zwischen ihrer Monumentalität und ihrem Schwebezustand sowie zwischen ihrer zeitlosen amorphen Erscheinung im Gegensatz zur symmetrischen Strenge der Architektur“, urteilte das Preisgericht. Und: Die Behörde erkennt sich selbst wieder in dem Stück. „Der Ernst und das Gewicht der Arbeit des BND und seiner Tätigkeit in Zonen von Instabilität und Gefahr finden ihren Ausdruck im scheinbar drohenden Kippen des Objektes.“

Das wohlausbalancierte Stück, das mit seiner spitzen Seite zum offenen Teil des Gebäudekomplexes weist, hat eine abstrakte Form, könnte aber genauso gut in der Natur vorkommen. In dem Band „Kunst am Bau“ ist das so beschrieben: „Die sinnestäuschende Materialanmutung fügt sich in einen subtil ausgewogenen künstlerischen Haushalt, der die erhabene Wirkung und Schönheit einer autonomen Skulptur, aber auch den Ortsbezug mit bedenkt. Als vermeintlicher Naturstein begibt sich das Werk in Opposition zu der rationalistischen, von Kuben und dem kleinteiligen Fassadenraster (mit 17.000 Fenstern) geprägten Architektur.“ Kurz: ein (kon-)genialer Entwurf. Der Transport — eine Geschichte für sich.

Die beiden Tieflader durften nur nachts fahren, begleitet von der Polizei. „Zusammen mit dem Spediteur bin ich die ganze Strecke vorher abgefahren“, erzählt uns Stefan Sous. Ein Weg, kreuz und quer durch Berlin, nur dort entlang, wo die riesigen Fahrzeuge durchpassten. Fast hätte auch alles geklappt — dann das Malheur: Bei der Planung war übersehen worden, dass an einer tagsüber autofreien Straße nachts geparkt werden durfte. Kein Platz mehr für die Tieflader. Sous: „Die standen eine ganze Nacht über in der Berliner Bronx. Wenn das die Autonomen in Berlin gewusst hätten, dann hätte man auf der Skulptur am Morgen womöglich ‚Herzliche Grüße‘ gesprayt sehen können.“ Wussten sie aber nicht.

Und noch eine Geschichte, die sich keineswegs nur am Rande abspielte: Damit die monumentale Skulptur wie in einem Moment des leichten Schwebens anmutet, musste ihre Lage und Statik exakt berechnet werden. Das besorgte Wilfried Führer, der das ganze Projekt von Anfang bis Ende voller Begeisterung begleitet hat. Er war von 1994 bis 2003 Inhaber des Lehrstuhls für Tragwerklehre (Baukonstruktion) an der RWTH Aachen und betreibt in Aachen mit Partnern ein Ingenieurbüro.

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