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Vaals: Wo westliche Standards keine Maßstäbe sind

Vaals : Wo westliche Standards keine Maßstäbe sind

An einer abbruchreifen Holzhütte in San Abel hängt ein kleines Plakat. Von weitem sieht das Plakat aus wie eines, das bei uns in ländlichen Gegenden an verwitterten Bushaltestellen Konzerte von Hinterhofkapellen oder Schlagersängern ankündigt, deren beste Zeit Ewigkeiten zurückliegt.

Auf der unteren Hälfte des Plakats ist ein Auto gezeichnet, aus dessen offenen Fenstern vergnügte Menschen winken. „Rolling Clinic” steht daneben, von Hand geschrieben. Und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man das Plakat für die Ankündigung eines Konzertes einer Band mit Namen Rolling Clinic halten. Rolling Clinic in San Abel, Philippinen, am Mittwoch, 5.Juli 2005. Doch in San Abel singt niemand Schlager, auch Hinterhofkapellen gibt es keine.

Helfen statt den Ruhestand in Muße genießen

An diesem 5. Juli sitzt Elke-Ingrid Grußendorf-Conen aus Vaals in einem silbernen Jeep, der beladen ist mit Arznei- und Lebensmitteln. Und weil Grußendorf-Conen Ärztin ist, ist der Jeep das, was man auf den Philippinen eine rollende Klinik bezeichnet. Eine Rolling Clinic, die an diesem Tag in San Abel Station macht, einem Dorf im endlosen Nirgendwo der tropischen Wälder Mindanaos. Minadanao ist eine der größten der aus 7107 Inseln bestehenden Philippinen.

Grußendorf-Conen, 65, wird Kinder behandeln und Senioren. Menschen, die nie zuvor einen Arzt gesehen haben. Kostenlos. Sie wird Asthma behandeln und Rheuma. Fieber, Herzrhythmusstörungen, Tuberkulose. Sie wird Krankheiten behandeln, von denen sie im Studium vielleicht gehört hat, mit denen sie aber Zeit ihres Berufslebens nie zu tun hatte. Denn Elke-Ingrid Grußendorf-Conen ist Dermatologin, Hautärztin. Das heißt: Sie war Hautärztin, am Klinikum in Aachen. Leitende Oberärztin, Professorin. „Eine Koryphäe”, sagen ehemaligen Kollegen. Seit April ist sie im Ruhestand. Und hat im Sommer sechs Wochen auf den Philippinen verbracht, um Menschen zu helfen, die weder sich selbst helfen noch andere dafür bezahlen können, ihre Krankheiten zu heilen. Sie ist freiwillig auf die Philippinen gekommen, obwohl sie ihren Ruhestand auch auf angenehmere Weise hätte beginnen können. Sie sagt: „Ich wollte etwas Sinnvolles tun.”