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Düsseldorf: Wo soll man hier denn nur hinschauen?

Düsseldorf : Wo soll man hier denn nur hinschauen?

Die Augen brennen. Zu viel hin- und hergehüpft. Das Hirn pulsiert. Zu viele Bilder und Töne verknüpft. Nur die Ohren dürfen den „musikalischen Filmabend” genießen.

Bei der Uraufführung von „Schwarz & Weiß” im Düsseldorfer Schauspielhaus werden die Zuschauer mit Reizen zugeballert. Eine intellektuelle und physische Herausforderung.

Wo soll man nur hinschauen? In den düsteren Spielraum auf der Vorbühne oder die riesige bunt leuchtende Bildfläche darüber? Der Moderator Maurice tritt in den Scheinwerferkegel und erzählt die herrlich an den Haaren herbeigezogene Entstehungsgeschichte des folgenden Film-Fragments: eine DVD ohne Tonspur im Schnell-Imbiss gefunden, inspiriert von Boris Vians Skandalroman „Ich werde auf eure Gräber spucken”.

Die krude Mixtur aus Sex and Crime soll wiederum die „echte” Autorin Réjane Desvignes zu einer Nachdichtung angeregt haben. Und so werden geklaute Vian-Figuren und eigens erfundene wild aufeinander gehetzt.

Gast-Star Dominique Horwitz kommentiert als Maurice die Bildschnipsel, leiht den Figuren seine Stimme. Der Filmerzähler hüpft und tänzelt furios zwischen DVD-Player und Mikrofonständer, zwischen gesprochenem und zudem gesungenem Wort hin und her.

Bin auch noch da

Das kleine Menschlein vor der großen Leinwand hat nur ein Problem: Wie spiele ich eine Tonspur? Horwitz entscheidet sich für die Variante: gut sichtbar! Mit „Hallo, ich bin auch noch da”-Stummfilm-Mimik.

Dabei liegt dem gebürtigen Pariser die Rolle des Sängers viel besser als die des haspelnden Vorlesers mit Brille. Er zelebriert die wunderbaren nouvelles chansons francaises von Komponist Efim Jourist, in denen auch Rock und Samba anklingen. Die französischen Texte stammen von Eric Amis, in dessen Namen Buchstabenschüttler vielleicht sogar Regisseur Igor Bauersima finden können.

Horwitz lebt echtes Gefühl vor falschem Hintergrund. Denn Bauersima, der schreibende, filmende und inszenierende Tausendsassa, will sich mal wieder als Multimedia-Meister beweisen. So dürfen über Horwitz und den vier exzellenten Musikern Schauspieler des Ensembles auf der Leinwand im Trash baden.

Als hätten sich Quentin Tarantino und David Lynch bei einem Kasten Bier einen Jux gemacht: mit wackelnder Handkamera ein unscharfes Home-Video gedreht, mit Gelb-, Grün- und Rotstich - und einer Prise Castorf-Charme. Die Perücken sitzen schrecklich schlecht, das Blut spritzt meterweit, und die Hintergrundprojektionen flimmern wie bei Hitchcock. Das hat stellenweise sogar Witz. Etwa wenn das Film-Amerika deutlich Düsseldorfer Züge trägt.

Jede Szene sagt: Achtung, ich bin Fake! Bloß kein Illusionismus! Nicht nur „Mulholland Drive” oder „Pulp Fiction” lassen grüßen. Studenten der Medienwissenschaft werden sich in Hunderten von Hausarbeiten sicherlich die Köpfe zerbrechen über diese „rekonstruktionistische Soiree”, über Zitate, intermediale Referenzen und Spiegelungen. Doch die Zuschauer sitzen nicht in der Uni, sondern im Theater. Und dem geht im medialen Overkill tödlich getroffen die Puste aus.

Erst am Schluss ein entspannendes Kurz-Konzert: Die Kopien haben sich verbeugt und sind von der Bildfläche verschwunden. Fünf lebendige Menschen bleiben auf der Bühne zurück und verschenken musikalische Zugaben. Da können die Zuschauer getrost die brennenden Augen schließen, das Hirn auslüften, einfach nur lauschen. Und jubeln.