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Aachen: Wo Hirnforschung die Biologie verlässt

Aachen : Wo Hirnforschung die Biologie verlässt

Das „Jahrzehnt des Gehirns” ist nun schon vier Jahre vorüber, doch in der öffentlichen Aufmerksamkeit scheint es gerade erst angebrochen. Hirnforscher und Hochschulen, Ministerien und Medien scheinen gerade erst das populäre Kapital zu riechen, das man aus den tatsächlichen und vermeintlichen wissenschaftlichen Fortschritten schlagen kann, das die Beschäftigung mit dem Zentrum des menschlichen Seins bietet.

Hirnforschung dringt in wesentliche Bereiche unserer Kultur vor. Sie verspricht, uns von erniedrigenden Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder Epilepsie wie auch von Depression und Süchten, gar von kriminellem Verhalten zu heilen. Sie greift in die Pädagogik ein und erklärt uns, wann und wie sinnvolles Lernen auf biologischer Grundlage stattfinden solle.

Und sie macht, dies alles zusammennehmend, der Philosophie die Definitionsmacht über ihren vornehmsten Gegenstand streitig: Was ist der Mensch? Etwas konkreter: Die Hirnforschung ist drauf und dran, das uralte Leib-Seele-Problem, also die Frage wie Geist und Körper voneinander abhängen, naturwissenschaftlich so zu erklären, dass philosophische Gedanken über den menschlichen Geist nur noch die literarische Übersetzung neuronaler Verschaltungen wären.

Gefühltes Denken

Ein namhafter, in seinem Fach sehr anerkannter und darüber hinaus recht populärer Hirnforscher, der sich in dieser Hinsicht ziemlich weit vorwagt, ist Antonio R. Damasio. Nach den Erfolgstiteln „DescartesÕ Irrtum” und „Ich fühle, also bin ich” hat der Professor für Neurologie und Leiter des Department of Neurology an der Universität von Iowa binnen fünf Jahren (was die deutschen Übersetzungen anbetrifft) nun sein drittes - mehr oder weniger - populärwissenschaftliches Buch über das Phänomen vorgelegt, was Gefühle sind, wie Gefühle unser Denken bestimmen und, vor allem, wieso Körper und Geist nicht voneinander zu trennen, ja, die gleiche Substanz sind. In Damasios Worten: „Erforderlich ist die Einsicht, dass der Geist aus oder in biologischem Gewebe entsteht, das die gleichen Eigenschaften hat wie anderes lebendes Gewebe.”

Noch also weiß weder Damasio noch sonst ein Hirnforscher wirklich, was unseren Geist ausmacht, außer dass man bei einer Reihe von geistigen Vorgängen, Gedanken und Gefühlen, dem mutmaßlich entsprechende Aktivitäten des Gehirns messen kann. Interessant ist gleichwohl, dass Damasio anhand einer Reihe von Fällen (beschädigter) Gehirne zeigt, wie unsere Gefühle von Glück, Trauer, Wut oder Schmerz, auch unsere Fähigkeiten, Mitleid zu entwickeln, mit unserem Körper und der Funktion des Hirns zusammenhängen. Zum wiederholten Mal belegt Damasio in seinem neuen Buch „Der Spinoza Effekt”, dass der von Ren Descartes (1596 - 1650) behauptete Dualismus von Körper und Geist nicht stimmt. Beide sind ständig miteinander im Kontakt. Gefühle zeigen uns, wie es dem Körper gerade geht und sichern so unsere Selbsterhaltung.

Neues Menschenbild

Prinzipiell hat das auch der Frühaufklärer Baruch de Spinoza (1632 - 1677) postuliert, in dem er von einer Parallelität der körperlichen und geistigen Merkmale aus der gleichen Substanz sprach. Deshalb beruft sich der heutige Hirnforscher auf den (naturwissenschaftlichen) Philosophen des 17. Jahrhunderts. Vielleicht, um Natur- und Geisteswissenschaft zu versöhnen, vielleicht aus biographischen Gründen: beide sind portugiesischer Abstammung. Die von Damasio einfühlend erzählte Lebens- und Werkgeschichte des genialen aber wenig gewürdigten Denkers Spinoza ist der interessanteste Teil dieses Textes - wenn man die vorherigen Bücher kennt, über deren Forschungserkenntnisse das neue kaum hinaus geht.

Fragwürdig aber ist Damasios verstärkte Neigung, diesmal unter Berufung auf die Ethik Spinozas, der Hirnforschung den Entwurf eines neuen Menschenbildes zuzutrauen und etwa zu behaupten: „Wenn wir die Neurobiologie der Emotionen und Gefühle verstehen, sind wir wahrscheinlich viel besser in der Lage, Grundsätze und politische Ziele zu formulieren, die menschliches Leid lindern und die Entfaltung menschlicher Möglichkeiten fördern”. Das geht noch weit über die Infragestellung (eher deutscher Hirnforscher) des freien Willens hinaus. Mit diesem „Zwischenbericht” seiner Experimente und Visionen scheint der Shakespeare-Kenner Damasio jedenfalls etwas zu sehr von der „Erhabenheit der Biologie” hingerissen.

Antonio R. Damasio, Der Spinoza Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. List Verlag, 392 Seiten, 24,90 Euro