Aachen: Wim Wenders in Aachen: Kitt zwischen Menschen und Staaten

Aachen: Wim Wenders in Aachen: Kitt zwischen Menschen und Staaten

Ein bisschen Zuversicht und Vertrauen in die Politik darf dann auch in schwierigen Zeiten durchaus mal erlaubt sein. „Es muss nicht sein, dass unsere schlimmsten Befürchtungen Wirklichkeit werden müssen“, sagt Wim Wenders.

Das hebt sich ab von den Untergangsvisionen, die in der Kultur-Szene zumal in Deutschland und in Frankreich gemalt werden, wenn die Rede auf die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU kommt. Ist Europas Kultur wirklich bedroht, weil sie zur schnöden Handelsware zu verkommen droht? Wenders setzt auf das Verhandlungsgeschick der europäischen Politiker — und wohl auch auf die starke Lobbyarbeit der Kulturschaffenden. Er selbst ist Teil davon — als Präsident der European Film Academy (EFA). In dieser Eigenschaft nahm er am Donnerstag Abend im Krönungssaal des Aachener Rathauses die undotierte „Médaille Charlemagne pour les Médias Européens“, die Karlsmedaille für europäische Medien, entgegen. Die Akademie ist ein Zusammenschluss von über 3000 Filmschaffenden aus ganz Europa. Als Veranstalterin des Europäischen Filmpreises ist sie jedes Jahr präsent — hinter den Kulissen leistet sie eine Arbeit, die den Bestand des europäischen Films verteidigt.

Brückenbauer

In der Begründung des Kuratoriums heißt es, die Akademie habe einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Integration geleistet, weil sie der europäischen Filmkultur ein Gesicht gegeben habe — gerade auch angesichts der scheinbar übermächtigen Produktionsmaschinerie Hollywood. Michael Kayser, der Vorsitzende des Vereins Médaille Charlemagne, hebt die Förderung von jungen Filmschaffenden hervor, aber auch die jährliche Verleihung des Europäischen Filmpreises — als Gegenpol zum „Oscar“ das „Schaufenster“ des europäischen Films. Die EFA habe es sich zur Aufgabe gemacht, eine Brücke zwischen den Kreativen und der Filmindustrie zu bauen und die Filmkultur finanziell zu festigen. Landesgrenzen spielten dabei keine Rolle: „Kultur, und hier insbesondere die Filmkultur, wird überall gleich behandelt.“

Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp nennt die europäische Filmkultur und die Europäische Filmakademie als deren institutionalisierte Form „ein wunderbares Beispiel“ dafür, wie Europa auf einer gemeinsamen Kultur, die zugleich eine sehr vielfältige sei, aufbaue. Mit dem europäischen Film würden Grenzen überwunden und bedeutungsloser gemacht. Dies zeige sich auch in den vielen binationalen, trinationalen oder internationalen Produktionen, bei denen alle Beteiligte eine wahre europäische Gemeinschaft bildeten. Und noch etwas schaffe der europäische Film: Er berühre die Emotionen der Menschen, er gehe in die tiefen Schichten des menschlichen Inneren. Philipp: „Betroffenheit und Trauer, Freude und Begeisterung, das Weinen und das Lachen können durch Filme ausgelöst werden. Der europäische Film trifft auf Seele. Das ist es gerade, was Europa braucht.“

Das — und einen Menschen, der einen Sack Flöhe zu hüten imstande ist. Wenders scheint diese Kunst zu beherrschen, immerhin ist er seit 1996 Präsident der Akademie, zu deren Gründern er außerdem gehört. Den Vergleich mit den munteren kleinen Insekten bemüht er selbst, um zu beschreiben, wie man sich eine Akademie vorstellen muss, in der über 3.000 Mitglieder mit so unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zusammenkommen. Da kann es auch schon mal ordentlich krachen. Alle eint jedoch die Überzeugung, dass die Filmkunst der Kitt zwischen den Menschen und den Staaten Europas sein kann. „Der Film zeigt der Welt, wer wir sind“, sagt Wenders. Die Karlsmedaille versteht er deshalb als bemerkenswertes Statement für die Bedeutung dieser Aufgabe — und für den Wert des europäischen Films.

Für den stehen auch Regisseure wie Constantin Costa-Gavras, eine der ganz großen Figuren des sozialkritischen Films in Europa. Der mittlerweile 81-jährige, griechisch-französische Künstler hält die Laudatio auf seinen Freund und Weggefährten Wenders — eine Hommage an den Reichtum des Kinos und eine engagierte Kampfansage an Bestrebungen, die Ausnahmestellung der Kultur in Frage zu stellen. Nicht jeder hat halt so großes Vertrauen in das Verhandlungsgeschick der europäischen Politiker.

Mehr von Aachener Zeitung