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Wilton Dance Company beim Schrittmacher Festival in Aachen

Von Walen und Seeungeheuern : Wilton Dance Company überzeugt beim Schrittmacher Festival

Die James-Wilton-Compagnie begeistert beim Schrittmacher-Festival mit „Leviathan“. Der Brite will nichts Weniegr als die philosophischen und religiösen Probleme der Menschheit vertanzen.

Er ist ein moderner Mystiker, wild, aufbegehrend, kraftvoll und genial verzweifelt. Der junge Brite James Wilton sorgt mit seiner 2009 gegründeten Compagnie beim Aachener Tanzfestival Schrittmacher in der Fabrik Stahlbau Strang für eine atemberaubende Reise durch die religionsphilosophischen Rätsel der Menschheit. Sein Stück „Leviathan“, der Name des Seeungeheuers, das nach jüdisch-christlicher Mythologie das Aussehen eines Krokodils, einer Schlange, eines Drachen und eines Wals in sich vereinigt, bestimmt einen „ungeheuren“ Abend mit fünf Tänzern und einer Tänzerin, die Akrobatik, Modern Dance, klassischen Tanz und Elemente der Kampfkunst geschmeidig zu einem Stil verbinden, mit dem Wilton eine vielschichtige Geschichte um Gier, Machtgelüste und Wut erzählt.

Neben der biblischen Vorlage des Fabeltiers Leviathan, das vielfach als Allegorie für die ungebändigte Kraft des Meeres verwendet wurde, nutzt Wilton den von Herman Melville 1851 in London und New York veröffentlichten Roman „Moby Dick“ als Vorlage. Er selbst tanzt in seiner Produktion den fanatischen Kapitän Ahab, der auf einem Walfangschiff ein diktatorisches Regiment führt. Durch die Begegnung des Schiffs mit einem weißen Wal hat Ahab ein Teil seines Beines verloren und ist nun vom rasenden Ehrgeiz besessen, den Wal zu töten – die Natur zu besiegen.

Der Mensch gegen die Urgewalten und gleichzeitig gegen seine unstillbare Sucht, zu herrschen und zu siegen: James Wilton und seine Compagnie erzählen die Geschichte in schlichten wie großartigen Bildern. Sarah Jane Taylor, die einzige Frau der Truppe, sorgt für magische Momente auf der Bühne, wenn sie als stets bewegtes Meerestier tanzend die Tiefen des Ozeans durchstreift, den schmalen Rücken rundet, Schwimmbewegungen in den Wellen andeutet und die Arme ausbreitet – wer je die Schwanzflosse eines Wals gesehen hat, versteht das Bild. Alles pulsiert und gleitet, wenn sie tanzt und die Stricke und Netzen der Menschen geschickt umrundet, damit spielt.

Der Körper bebt

James Wilton ist als Ahab von selbstzerstörerischer Energie beherrscht, der Körper bebt, aus einer Mischung aus christlicher Bekreuzigung und urzeitlichem Brusttrommeln mit der Faust rebelliert er gegen die Kräfte der Natur. Aus Zorn wird tückische, brüllende Raserei. Zunächst unterwirft er despotisch seine Crew. Norikazu Aoki, Jacob Lang, Sean Monroe und Beno Novak sind ein eingespieltes Team.

Das effektvolle Lichtdesign mit aufblitzenden Signalen beim Szenenwechsel hat Alan Dawson entwickelt. Für einen starken und abwechslungsreichen Sound sorgt Lunatic Soul, wobei man angesichts der tänzerischen Feinheiten auf den Gesang hätte verzichten können. Berührend ist zum Schluss die luftig und triumphierend getanzte Phalanx der „Wale“. Die schöne Tänzerin führt nun ihre vier Kollegen als Mitglieder des Schwarms in eine dichte Formation an, die im imaginären Meer stark und selbstbewusst herrscht. Der Mensch bleibt vernichtet zurück. Im diffusen Licht der letzten Szene liegt Wilson/Ahab auf dem Rücken und „bläst“ wie ein Wal. Eine neue Existenz? Das Publikum springt wie immer beim Schrittmacher-Festival in Aachen auf und feiert die Künstler.