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Aachen: Wie „Rabenbrüder” die Lust zum Morden entwickeln

Aachen : Wie „Rabenbrüder” die Lust zum Morden entwickeln

Als deutsche Patricia Highsmith wurde sie bezeichnet. Doch ob Ingrid Noll nun mit der Erfinderin des Mister Ripley vergleichbar ist oder sich ihre Biografie tatsächlich in gewisser Weise in ihren Romanen spiegelt, sei dahingestellt.

Wahr ist und bleibt allemal, dass sich die Autorin eines guten Maßes Mutterwitz rühmen darf, der zu oft amüsanten, spannenden Kriminalromanen führt.

Die Aachener Fangemeinde der Autorin konnte dies nun erfahren. Ingrid Noll war zu Gast im Forum M der Mayerschen Buchhandlung und las aus ihrem jüngst erschienen Roman „Rabenbrüder”.

Sie sei zum ersten Mal in Aachen, bekannte Schriftstellerin Ingrid Noll. Und vom Besuch des Doms war sie „hin und weg”. Ein Lob, das man hört. Indes: Zwischen Abitur und Familie setzt ihre Biografie doch das Studium von Germanistik und Kunstgeschichte in Bonn.

Sollte ein so bedeutender kunstgeschichtlicher Bau wie Aachens Dom niemals zuvor eine Reise wert gewesen sein? Was solls. Vielleicht war es ja nur Understatement.

Ein freundliches Wort löst die Nervosität, bei einem selbst wie beim Publikum. Lesestoff für den Abend bot der Krimi „Rabenbrüder”. Die seien nicht anders als Rabeneltern, stellte Ingrid Noll fest. Jeder würde das kennen.

Man leide halt unter bösen Geschwistern, an deren mal mehr mal weniger üblen Scherzen. Manchmal ein Leben lang. „Natürlich geht es mir immer um Mord” gestand die Autorin ironisch. Aber Hauptthema ihres neuen Buches sei etwas anderes, eben das manchmal schwierige Verhältnis zwischen Geschwistern, die Erwachsene werden.

Jean Paul und Achim sind Brüder, man würde sagen „in Hassliebe einander zugetan”. Mit Ideen und Sprachwitz klärt die Autorin den Leser über das Verhältnis der beiden zueinander auf. Vor allem Jean Paul, genannt Paul, steht dabei im Mittelpunkt des Interesses.

Jean Paul und Achim? Richtig, mit den Namen der beiden Protagonisten erfüllt sich frühzeitig auch der kulturhistorische Auftrag, den die zeitgenössische Literatur hat. Und erschöpft sich doch nicht darin.

Denn hinzu kommen allerlei Zitate aus der deutschen Rechtsprechung, Anleihen an der Literatur der Vergangenheit sowie ein menschelndes Verhältnis zur Mannheimer Wirklichkeit, dem Ort des Geschehens.

Das liest sich manchmal etwas allwissend aber auch endschuldigend witzig. Klar, dass es zu reichlich Mord und Intrige kommt.

Die Mutter ist nicht ohne. Doch anders als in ihren vorherigen Büchern spielen die Männer nicht mehr die bisweilen schon Klischee belastete Rolle des Opferlamms.

Jedoch bleiben die Frauenfiguren, Annette, Pauls erfolgreiche Ehefrau, und Olga, Pauls Affäre, am Ende blasser als gewohnt. Wie sich das alles am Ende löst (oder nicht), ist nachzulesen.

Wichtiger vielleicht war die Antwort, die Ingrid Noll auf eine ihr schon oft gestellte Frage gab: „Nie werden meine männliche Kollegen danach gefragt, wie denn ihre Ehefrauen mit dem umgingen, was sie be-schrieben”.

Ihr Mann habe jedenfalls keine Probleme. „Wenn andere Eltern sich über ihre Kinder und Enkel unterhalten, reden wir halt über Mord”, so Ingrid Noll. - Mutterwitz halt.