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Aachen: Wie kann die Liebe überleben?

Aachen : Wie kann die Liebe überleben?

Die Handlung beginnt im charmanten Plauderton, luftig leicht, ein wenig ironisch, geistreich, sogar heiter. Doch dieser Ton wird sich verändern, sich verschärfen, schrill werden, schließlich bis zum Misston anschwellen. Das Finale schließlich ist überraschend hoffnungsvoll - doch dazu später.

Mit „Kleine Eheversprechen” (Petits Crimes Conjugaux) stellt das Grenzlandtheater Aachen ein weiteres Stück des Franzosen Eric-Emmanuel Schmitt (unter anderem „Enigma”, „Der Freigeist”. „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran”) vor - erneut in der bewährten Regie von Paul Bäcker, der auch dieses Werk gemeinsam mit seiner Ehefrau Annette ins Deutsche übersetzt hat. Uraufgeführt wurde „Kleine Eheverbrechen” 2003 im Th?atre Edouard VII in Paris.

Es passiert nicht viel und doch alles. Lisa und Gilles sind verheiratet. Er schreibt mit Erfolg Kriminalromane, sie sorgt dafür, dass das Alltagsleben klappt, jedenfalls bis zu diesem Augenblick. Ingeborg Meyer und Volker Risch geben Schmitts Gestalten mit atemberaubender Ehrlichkeit Leben und Tiefe in jedem Blick, jeder Geste. Was im Prinzip ein permanenter Dialog ist, wird durch sie zum spannenden Drama, zur tragischen Geschichte einer zerfaserten Ehe, die eine Liebe war.

Reizvoll der Ausgangspunkt: Lisa hat ihren Mann aus dem Krankenhaus abgeholt, wo er nach einem Sturz behandelt wurde. Die diagnostizierte Amnesie stellt sich als geschickter Schwindelei heraus. Gilles verplappert sich, und Lisa erfährt, dass er auf diese Weise geschickt herausfinden wollte, ob es nach 15 Ehejahren noch Gemeinsamkeiten gibt - oder gar Liebe.

Nach und nach fallen die Masken, das Spiel wird brenzlig - Seelenstriptease ist angesagt. Lisa hat hinter den Erfolgsromanen ihres Mannes die Whiskyflaschen versteckt, und wie die Promille ist in ihrem Blut der „Frustspiegel” gestiegen. Gilles hat in seinem Erzählband „Kleine Eheverbrechen” recht selbstgefällig alle Probleme, Konflikte und Unberechenbarkeiten, kurz die mörderischen Schattenseiten einer Ehe seziert.

Übersetzer und Regisseur Bäcker nennt es ein „illusionsloses, bitteres, zynisches Brevier über das Eheleben”. Was ist passiert, wenn eine Frau wie Lisa die Koffer packt? Wenn sie sogar dazu in der Lage ist, den einst angebeteten Mann zu schlagen? Ist es eine Auswirkung der Ehe, dass irgendwann Mordgelüste aufkommen?

Zwischen rotem Sofa, dem Lehnstuhl mit der defekten Sprungfeder und dem wackeligen Bürosessel am Schreibtisch verhandeln Lisa und Gilles ihre Hoffnungen, Siege und Niederlagen.

Bühnenbildner Charles Copenhaver (typgerecht-elegante Kleidung Heike M. Schmidt) schuf einen Raum, in dem man Distanz und Nähe gleichermaßen suchen kann. Die Treppe in den imaginären ersten Stock führt dorthin, wo Lisa noch immer ihren gepackten Koffer deponiert hat und war zuvor Schauplatz der Eskalation.

Paul Bäcker schafft es, seine beiden Gestalten so zu führen, dass man glaubt, ihre Körpersprache resultiere spontan aus dem gesprochenen Wort. Sie nähern sich an, um wieder zurück zu zucken, belauern einander, flirten, wollen souverän sein, sind kampflustig, doch dann wieder müde und verzweifelt.

Was bleibt sind Bitternis und eine Scham, schließlich sogar das Unvermögen, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Nach einem letzten Versuch („Lass uns ausgehen”, lockt Lisa und zieht sich ein sinnliches Kleid an) reicht Gilles seiner Frau mit boshafter Geste die Flasche zum Abschiedsschluck. Sie nimmt an, greift den Flaschenhals, als ob sie damit zuschlagen wird - doch das geschieht nicht. Die Tür fällt zu, Lisa ist fort. Als Zuschauer ist man sich des Dramas bewusst, atmet durch. Tja, Ende einer Liebe. Und dann? Lisa kommt zurück, flötet Sätze, die an die verklärte einstige Kennenlernszene erinnern, Küsschen, Happyend.

Meint der Autor das nun ironisch? „Der Sinn der Krise liegt darin, die Liebe zu retten, nicht sie zu beenden”, sagt Schmitt in einem Interview zu „Kleine Eheverbrechen”. Vielleicht ist es ja die in allen Fasern so lebensnahe Umsetzung der beiden Hauptdarsteller die in Aachen daran Zweifel wecken. Herzlicher Applaus.