Aachen: Wie eine Oper und 110 Schüler zusammenwachsen

Aachen: Wie eine Oper und 110 Schüler zusammenwachsen

Ronja Bellhof sitzt im Schneidersitz auf dem Boden, verschränkt die Arme und schmollt. „Sei still, du Unglück bringender Mäuseschreck”, sagt sie trotzig und schaut hinter sich. Da steht Hannah Ritzerfeld mit einem Buch unter dem linken Arm und wartet auf ihren Einsatz.

„Stopp! Wenn der Einsatz kommt, müsst ihr den Schalter umlegen”, ruft Sebastian Jacobs und klatscht in die Hände. Die 14 Nachwuchsschauspieler hören aufmerksam zu und nehmen wieder ihre Positionen ein. „Nicht zu sehr klumpen, gleichmäßig aufteilen, und klare Bewegungen machen. Zack, zack, zack”, weist Jacobs die Kinder an. Er inszeniert die Kinderoper „Pollicino”, komponiert von Hans Werner Henze, einem der bedeutendsten deutschen Komponisten der Gegenwart.

Es ist eine der schwierigsten Szenen, die gerade geprobt wird. „Das gibt es ganz selten in der Deutschen Oper, dass 14 Personen mit individuellen Rollen gleichzeitig auf der Bühne stehen”, erklärt Jacobs.

Ronja Bellhof, 13 Jahre alt, spielt die Hauptrolle Pollicino, Hannah Ritzerfeld, ebenfalls 13, ist Herr Uhu. Beide haben eine Doppelbesetzung in dem Projekt, das vom Theater Aachen und dem Sozialwerk Aachener Christen e.V. in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Tanz Köln entsteht. 110 Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Aachener Schulen wirken beim Märchen vom kleinen Däumling mit. Die Premiere am 20. Mai rückt immer näher, die Proben werden intensiver. Hannah spielt heute zum ersten Mal den Herrn Uhu, sie ist die zweite Besetzung.

Sonst steht sie als dritter Bruder auf der Bühne. „Ich kann auch mitsingen und dir beim Text helfen”, ruft ihr Hannah Hertzog, die Erstbesetzung des Herrn Uhu, aus dem Hintergrund zu. Hannah hilft Hannah - der gewünschte Teamgeist ist da. Das Klavier ertönt, Hannah Ritzerfeld beginnt zu singen. Ihre helle Stimme hallt durch den Proberaum im Theater Mörgens. Bald wird Hannah im Theater Aachen auf der Bühne stehen, inmitten von Efeu-umrankten Stahlträgern. Die dunkle Industriehallen-Kulisse wird dann allmählich zum Leben erwachen.

Schräger Uhu

Sebastian Jacobs unterbricht: „Hannah, du schwankst etwas, du stehst leicht schief.” Katrin Eickholt, theaterpädagogische Betreuerin des Projekts, hat eine Idee. „Nimm das Buch doch mal unter den anderen Arm!” Ohne Meckern setzt Hannah die Idee um - und tatsächlich, mit diesem kleinen Trick kann sie ihren unsicheren Stand ausgleichen. „Schau dir am besten noch bei ?YouTube an, wie Uhus stehen”, sagt Jacobs. „Auch, wie sie Geräusche machen?”, fragt Hannah. - „Nein, du brauchst dir nur die Bewegungsabläufe abzuschauen.”

Die Tiere in „Pollicino” haben menschliche Attribute. „Sie bilden eine Nachtgesellschaft ab, die am Rande der Gesellschaft steht”, erklärt Sebastian Jacobs den aktuellen Bezug. „Die Kinderoper soll mehr können als nur hübsche Bilder zeigen. Wir wollen auch ein Statement abgeben.” Er lobt Hannah. „Das war toll, da schau ich gern zu”, lobt er das Mädchen, von dem er sagt, dass es „einen riesigen schauspielerischen Satz” gemacht hat. „Das ist das Schöne: zu sehen, wie die Kinder über sich hinauswachsen, welche Freude sie haben und welche künstlerische Entwicklung sie machen.”

Rosa Lueg, 13 Jahre alt, schaut auf eine halbfertig genähte blau-weiß gestreifte Hose, die vor ihr auf dem Tisch liegt. „Die ist für Mister Igel”, erklärt sie. Daneben stapeln sich Schnittmuster, Schere, Lineal, und Stoff-Fetzen. „Die Kostüme für die Tiere machen am meisten Spaß”, sagt Rosa über ihre Arbeit in der Kostümabteilung, die von Renate Schwietert geleitet wird. Zu Beginn des Theaterprojekts haben die Schüler an Workshops teilgenommen, um ihr jeweiliges Talent zu entdecken. Rosas Schlüsselerlebnis war ihr erster selbst gefertigter Rock. „Wow, ich kann nähen. Und das ist gar nicht so schwer”, stellte sie fest. Auch das Stöbern im riesigen Fundus der Kostümabteilung hat sie begeistert. Dann zu überlegen, wie die Figuren der Kinderoper aussehen könnten, Inspirationen und kreative Ideen sammeln, das ist genau ihr Ding.

„Wir haben viel diskutiert”, erzählt Rosa. Entstanden ist eine Vielzahl fantasievoller Entwürfe - für jede Rolle ein Blatt, auf dem Fotos aus Katalogen aufgeklebt und Notizen aufgeschrieben wurden. Auch Herr Uhu ist dabei. „Da sind wir sehr ins Spießige gegangen”, erklärt Rosa und zeigt auf die Bilder mit Nickelbrille, gelb-brauner Karo-Hose und Pullunder. An mehreren Kleiderstangen hängen Röcke, Hosen, Jacken, Federboas und weitere Accessoires bereit. Rosa und die anderen Mädchen haften Zettel mit den Namen der Schauspieler daran. Nur noch ein Tag, dann werden die Darsteller ihre Kostüme anprobieren. Dann wird Rosa wissen, wie viele Kostüme sie bis zur Premiere noch nachbessern muss.

Träumen verboten

Philipp Mohr, 12 Jahre alt, sitzt an den Percussions. Seine Wangen sind gerötet. Konzentriert blickt er in die Noten. Gleich kommt sein Einsatz. „Klick, klick, klick” - dreimal schlägt er seine Holz-Sticks gegeneinander und gibt damit den übrigen Musikern den Rhythmus vor. Jetzt hat Philipp erst einmal Pause. Aber träumen darf er nicht, er muss den anderen Musikern aufmerksam folgen. Philipp Mohr gehört zum „Pollicino”-Orchester, das von Gábor Káli dirigiert wird. Zum ersten Mal trifft das Orchester mit den Sängern zusammen, und dieses Zusammenspiel funktioniert gut. Káli ist beeindruckt. Trotzdem muss noch viel geübt werden, auch die Details müssen sitzen. Dazu gehören Wiederholungen und Pausen, die sich Phi­lipp und die anderen Musiker eifrig in ihre Notenblätter notieren.

„Philipp, nimmst du bitte die Kastagnetten?”, fordert der Dirigent Philipp auf, der zu einer kleinen Holzkiste eilt und nach den Instrumenten sucht. „Welche sind das noch mal?”, flüstert er seinem Orchesterkollegen Markus zu, der ihm schnell weiterhilft. Und schon sitzt Philipp wieder - ganz professionell - an seinem Platz und klappert mit dem spanischen Instrument. Seit vier Jahren spielt Phi­lipp Schlagzeug, aber in so einem großen Orchester hat er vorher noch nie mitgewirkt. „Das ist spannend”, sagt er. „Auch wenn ich nicht so viele Einsätze habe.” Ein wenig Schwierigkeiten machen ihm noch die Zehn-Takte-Pausen. „Da muss man wirklich aufpassen”, sagt er.

Stück für Stück wachsen sie zusammen: die Übergänge in der szenischen Probe und im Notenheft - ebenso wie die Stoff-Fetzen in der Kostümabteilung. Vor allem aber sind es die Kinder, die über das gemeinsame Theaterprojekt zusammenwachsen. Handy-Nummern wurden ausgetauscht und Freundschaften geschlossen. „Nach der letzten Aufführung wissen sie bestimmt gar nicht mehr, was sie am Wochenende machen sollen”, sagt Katrin Eickholt. Wenn der letzte Vorhang fällt, da ist sich auch Sebastian Jacobs sicher, „wird die eine oder andere Träne fließen” - und das nicht nur bei den Kindern.

1980 komponiert, erzählt „Pollicino” die Geschichte des kleinen Däumlings, der mit seinen Brüdern aus bitterer Armut in den Wald getrieben wird und dort beinahe in die Hände des Menschenfressers gerät.

Nach dem Erfolg des Tanzprojektes „inMotion”, das vor zwei Jahren mit 300 Kindern im Theater Aachen stattfand, entstand die Idee der Kinderoper. Das neue Projekt wird über Spenden finanziert. Gefördert wird es vom NRW-Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport sowie vom Fonds Neues Musiktheater 2011.

Die Premiere der Kinderoper „Pollicino” (ab acht Jahren) von Hans Werner Henze ist am Freitag, 20. Mai, um 11 Uhr im Theater Aachen. Weitere Vorstellungen: 21. Mai: 18 Uhr, 22. Mai: 11 Uhr, 23. Mai: 18 Uhr, 24. Mai: 18 Uhr, 25. Mai: 11 Uhr, 26. Mai: 11 Uhr, 27. Mai: 11 Uhr. Tickets gibt es unter 0241/4784244.

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