„Werther“ in Aachen: Im Kopfkino eines Egomanen

Opernpremiere im Theater Aachen : „Werther“ in Aachen: Im Kopfkino eines Egomanen

Regisseurin Corinna von Rad inszeniert Jules Massenets Oper „Werther“ in Aachen mit klugen Theaterkniffen. Die neue Erste Kapellmeisterin Yura Yang besteht ihre Feuertaufe im Graben.

Von Reflexionen, Brüchen, Abgründen birst ja schon Goethes Briefroman „Werther“. Was seiner epochalen Wirkung auch in Gestalt einer regelrechten Selbstmordwelle bekanntlich nicht im Wege stand. Jules Massenet formt mit seinen Librettisten dieses komplexe Gebilde in seiner „Werther“-Oper zu einem emotionalen Kammerspiel, einer tragischen Love-Story zwischen dem Träumer-Ich und seinem (fast) unerreichbaren Idol. Er zeichnet mit der so wunderbar französisch gefärbten Klangpalette des großen Orchesters eine Welt aus himmelhochjauchzender Todessehnsucht. Erfindet köstliche Melodien, entdeckt für Charlottes Tränenarie das Saxofon und erreicht durchschlagende Sogwirkung.

Orchester unter Strom

Am Theater Aachen nun gelingt Regisseurin Corinna von Rad das Kunststück, einerseits das Premierenpublikum mitzureißen in den Strudel der Gefühle, es andererseits mit feinen und klugen Theaterkniffen so zu irritieren, dass Kulturkonsum ein wenig unbequem wird. Ungeteilter Beifall nach zweieinhalb Stunden Hochspannung spricht für sich.

Irgendwie ist von Rads Werther-Welt ein Kino. Kopfkino des Titelhelden. Zum Vorspiel, in dem die neue Erste Kapellmeisterin Yura Yang das Sinfonieorchester Aachen gehörig unter Strom setzt, flimmert in monumentaler Größe das Selbstzweifel, Lust, Zuversicht, Glück und Schmerz spiegelnde Gesicht von Soon-Wook Ka über die halbdurchsichtige Leinwand. Das hat schon fast Hollywood-Format. Dahinter, bühnenbreit, der Saal mit Klappstühlen auf ansteigenden Stufen bis zum Sichtschlitz des Filmvorführers nebst Projektor.

Auf dieser edlen, später brüchigen Holztreppe nimmt sich das biedermeierliche Familienidyll des Amtmanns mit seinem Stall Weihnachtslieder singender Blagen seltsam skurril aus. Die Männer sind backenbärtig und wattebebaucht, die Kinder wirken mit weißen Kragen festlich reinlich dressiert. Während Werther im grauen Mantel des Studenten über die Stufen irrt, trägt Charlotte ein Pluderkleid, das mal in Aubergine, mal marianisch blau changiert. Eine Welt wie aus dem Bilderbuch, die Sabine Blickenstorfer da kostümiert hat. Wenn nur der Weihnachtsbaum nicht immer umfallen wollte.

Die Geschichte ist bekannt: Werther ist verliebt in Lotte, die aber hat sich Albert versprochen. Nach deren Hochzeit bringt sich der Held um. Am Weihnachtsabend.

Massenet fand vor allem die Charlotte spannend, die nicht nur ein unnahbarer Engel an Pflichterfüllung, sondern aus Fleisch und Blut ist und mit heftig widersprüchlichen Gefühlen für Werther eine formidable Heldin abgibt.

Durchwachsene Sängerleistungen

Damit das alles aber nicht in Richtung Seifenoper abschmiert, spielt Corinna von Rad mit den Möglichkeiten des Theaters. Ein sanfter Schwenk der Drehbühne genügt, um ein paar Monate verstreichen zu lassen. Szenen gefrieren im blauen Licht zu Werthers egomanischen Reflexionen. Schlaglichter erscheinen auf Donnerschlag der Pauke oder zum Getöse des Blechs. Absurde Gesten der Hauptdarsteller dirigieren die Lichtanlage. Werther spricht unvermittelt auf Deutsch Regieanweisungen in den Saal. Sein Tod spritzt als rote Farbe aus einem Plastikbeutel. Und nach dem letzten, dem Todesakt, erhebt sich der Held flugs aus seiner vorgeschriebenen Sterbeposition und postiert sich demonstrativ vor dem Vorhang: Ecce homo.

Eine schlaue, irritierende Inszenierung also, zu der Steffi Wurster die imposante, ab- und hintergründige Bühne beisteuert. Viele Details sind zu finden, bis hin zum kleinen, zerbrechlichen Vogel Glück. Das Publikum erlebt also einen spannenden „Kino“-Abend, dem das von der neuen Ersten Kapellmeisterin bestens motivierte Orchester einen süffigen, durchaus differenzierten Soundtrack verpasst. Der Kinderchor agiert allerliebst und singt erstaunlich nuanciert. Die Figuren sind sämtlich plastisch porträtiert. Aachen hat eben ein bestens eingespieltes Ensemble.

Die musikalische Leistung der Solisten zeigt gleichermaßen Licht wie Schatten. Alexandra Yangel (Charlotte) kommt als Gast von der Wiener Staatsoper, mit erst 27 Jahren hat sie schon einen äußerst ausdrucksstarken Mezzo, keine große, aber eine zu schönen Farben fähige Stimme, diabolisch geradezu das Brustregister. Nicht nur die Tränenarie ist eine Delikatesse.

Tenor Soon-Wook Ka, nach kurzem Ausflug im Anschluss an seine Aachener Stipendiatenzeit wieder zurück als festes Ensemblemitglied, zeigt zum mitreißenden Spiel gehörigen und leider hörbaren Respekt vor der Werther-Partie. So schön die innigen, lyrischen Passagen, so unangenehm forciert die Spitzentöne. Gefällig Fabio Lesuisse in der Albert-Partie, bisweilen arg metallen der Sopran von Jelena Rakic als Sophie.

So ist in Aachen ein in vieler Hinsicht bemerkenswerter „Werther“ zu erleben, der im (auch musikalischen) Gewand des ausgehenden 19. Jahrhunderts unserer von Egomanen anscheinend wimmelnden Zeit den Spiegel vorhält. Empfehlenswert.