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Aachen: Wenn Soziologie drin ist, aber nicht drauf steht

Aachen : Wenn Soziologie drin ist, aber nicht drauf steht

Wer Soziologie studiert, kann bislang ziemlich sicher sein, einen ziemlich guten Job zu bekommen. Man sollte es kaum glauben. Doch im Gästehaus der RWTH hatten sich dieser Tage ein paar Experten versammelt, die es eigentlich wissen müssen.

„Soziologen sind heute auf allen Ebenen der Politik und der Verbände in Spitzenpositionen”, sagte Manfred Mai, Referent des Düsseldorfer Wissenschaftsministeriums und habilitierter Soziologe. Den „Marsch durch die Institutionen” habe man also längst gewonnen. Dass das aus Sicht der 70er Jahre eher ironisch zu sehen ist, bestätigte Karl-Siegbert Rehberg mit seiner Bemerkung, dass die Soziologie damals ja eher im Ruf stand, eine „Ausbildung für Untergrundkämpfer” zu sein.

Vielleicht aber waren solche Bürgerschreck-Visionen durchaus hilfreich, Soziologen zu eben jenen Qualitäten zu verhelfen, die in den Institutionen und in der Wirtschaft nachgefragt werden. „Soziologisch geschulte Leute können sehr schnell komplexe Vorgänge erfassen. Sie sind trainiert, konfliktorientiert zu denken. Sie können auch menschlich schwierige Prozesse, etwa in Unternehmen, moderieren. Ingenieure und Juristen wissen ja nicht einmal, was eine Rolle ist.”

Natürlich, fügte Erich Behrendt vom Berufsverband Deutscher Soziologen hinzu, „werden sie nicht als Soziologen eingestellt, sondern als Personalentwickler, Unternehmensberater oder Assistenten”. Diese schönen Berufsaussichten könnten aber dahin sein, wenn das Fach Soziologie künftig bis zur Unkenntlichkeit in die gestuften Studiengänge Bachelor/Master eingeht. Das fürchten zumindest die verschiedenen Interessenverbände der Soziologen. Und einer davon, die nach dem Wiederbegründer der deutschen Soziologie nach 1945 benannte René-König-Gesellschaft, machte das nun in Aachen ausdrücklich zum Thema: „Bleibt das Studium der Soziologie erhalten?”

Gastgeber Kurt Hammerich (63), Direktor des hiesigen soziologischen Instituts, gab die entscheidenden Stichworte vor: „Vermutlich werden die konsekutiven (aufeinander aufbauenden) Studiengänge Bachelor/Master (Ba/Ma) zu einer Verschlechterung der Berufschancen wegen eines uneinheitlichen Ausbildungsprofils führen.” So soll der bisherige Diplomstudiengang Soziologie in Ba/Ma zu Sozialwissenschaften umdeklariert werden und damit möglicherweise wesentliche soziologisch-methodische Anteile verlieren.

„Wir haben dann überall Soziologie drin, aber nicht mehr die Soziologie”, brachte es Rehberg (60) auf den Punkt. Als unvergessener ehemaliger Aachener Dozent (bis 1992) hier besonders willkommen geheißen, gehört Rehberg längst zu den profiliertesten Vertretern seines Fachs, dessen „Entstrukturierung” er jetzt fürchtet. „Die Soziologie ist ein Reflexions- und Bildungsfach, ein Fach der zweiten Etage”, das daher unverzichtbar sei, aber nun drohe, „administrativ erledigt” zu werden durch Vorgaben der Politik.

Rehberg, Lehrstuhlinhaber in Dresden und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, spann den Bogen weit über seine Disziplin hinaus. Es sei die „Lebenslüge der Hochschulpolitik”, Überlastung als normal zu verkaufen, und keineswegs für die Rahmenbedingungen an finanzieller und personeller Ausstattung zu sorgen, unter denen eine Massenuniversität funktionieren könne. Aus Protest gegen Kürzungen und mangelnde Betreuung gehen derzeit im ganzen Land die Studenten ja auch wieder auf die Straße.

So ungewiss die Berufsaussichten der künftigen Soziologen und das Profil des Fachs sein mögen - Gelassenheit empfahl Rehberg, was den Titel anbetrifft: „Warten wir doch einmal ab, bis der Diplom-Ingenieur, das heiligste deutsche Diplom, abgeschafft ist. Dann können wir auch getrost den Diplom-Soziologen abschaffen.”