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Aachen: Wenn sich im Dom der Fußboden öffnet

Aachen : Wenn sich im Dom der Fußboden öffnet

Die erste Überraschung gab es schon nach wenigen Tagen: Die Marmorplatten an den Wänden des Aachener Doms sind mehr als sanierungsbedürftig - und sie geben Rätsel auf.

Denn woher der Zersetzungsprozess kommt, den Dombaumeister Helmut Maintz eine „Kohlensäureverwitterung” nennt, sollen jetzt Geologen und Baufachleute gemeinsam herausfinden: Nach Abschluss der Außenarbeiten hat die Sanierung im Innenraum begonnen.

Im Mittelpunkt stehen die Mosaiken, die Wandverkleidung und der Mosaikfußboden, den man öffnen wird, um die unterirdischen Stützen und Mauern zu inspizieren und den Schutt zu analysieren, der dort 1910 zum ersten Mal untersucht wurde.

2,4 Millionen Euro

„Wir rechnen zunächst mit Kosten von rund 2,4 Millionen Euro”, berichtet Maintz. „Aber man weiß nie, was man so entdeckt.” Jede Hilfe ist willkommen. So gibt es am morgigen Samstag, 20. Januar, 20 Uhr, im Krönungssaal des Rathauses ein Benefizkonzert mit dem Kammerorchester des Musikkorps der Bundeswehr, das der Verein zur Erhaltung des Hohen Doms organisiert hat.

Und auch die im vergangenen Jahr angelaufene Patenschaftsaktion zur Rettung der üppigen Mosaiken hat sich schon bewährt: „Wir haben bereits über 500 Paten”, so Maintz. Dabei können Spender für eine Summe ab 75 Euro aufwärts (je nach Größe der Fläche) für ein Ornament von der Blume bis zum Schiff auf goldenen Wogen das Sanierungswerk fördern.

In acht Abschnitten wird Schritt für Schritt ein Spezialgerüst weiterrücken, das in der Höhe von 19 Metern auch die Decken des oberen Umgangs erreichen muss. Pro Abschnitt rechnet Maintz mit sechs Monaten Arbeit. Eine Pause legt man ab 1. Juni zur Heiligtumsfahrt ein.

Was blau und golden im Licht der Alabasterlampen funkelt, wird nicht nur auf aktuelle Schäden untersucht. „Der Schmutz, der hier eindringt, ist aggressiv und schadet den Mosaiksteinen aus vergoldetem Glas”, weiß der Dombaumeister. Was die staubige Substanz enthält und ob man eventuell durch veränderte Lüftungsverhältnisse eine Besserung erreichen kann, werden die Experten feststellen. Das Team der Domhandwerker ergänzen Mitarbeiter einer renommierten Glasmalerwerkstatt.

Geologen und Bauchemiker werden sich zudem um die Marmorplatten kümmern, die unter einem rätselhaften Zerfallsprozess leiden. „Kohlensäuredioxid und Feuchtigkeit wirken zusammen, das kann man sich so vorstellen wie beim Brausepulver”, erläutert Maintz. Wo zuvor glatte Fläche war, wird der Marmor, der aus der Schweiz und von der Lahn stammt, plötzlich weißlich und rau - er zerbröselt. „Ganze Schuppen fallen heraus.” Irritierend ist die Tatsache, dass diese Vorgänge nicht nur in Bodennähe, sondern manchmal lediglich in der Mitte eines Pfeilers oder in oberen Feldern beobachtet wird.

Gleichzeitig treten die Sünden der damaligen Domausstatter zutage. „Viele Risse und Schäden sind alt, und es gibt Aufzeichnungen der Handwerker, die sich über die Probleme beim Einbau beschwerten”, hat Maintz herausgefunden.

Die mindere Qualität hat man offenbar zugunsten der optisch schönen „Zwiebelmuster” des Marmors hingenommen. Erstes Ziel ist es nun , den Zersetzungsprozess - eventuell durch eine feine Wachsschicht - zu stoppen

Spannend wird es sicherlich, wenn sich der Boden des Doms öffnet. Ein dumpfer Ton beim festen Aufstampfen alarmiert Maintz. „Eisenträger und Beton stammen aus der Zeit um 1910, ich denke, sie sind nicht im besten Zustand”, meint Maintz. Hier sollen bis zu einer Tiefe von etwa dreieinhalb Metern alle Grundmauern bis zum „gewachsenen Boden” freigelegt werden, die wie ein Netz das Gebäude tragen.

Der damals eingefüllte Schutt wird sorgfältig „gesiebt” und nach aktuellen archäologischen Prinzipien untersucht. Vielleicht gibt es in den geheimnisvollen Räumen ja sogar neue Erkenntnisse zur Baugeschichte oder Spuren der einstigen Bauleute. Was den Dombaumeister in dieser Region jedoch besonders beunruhigt: „Es herrscht eine Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent, das ist nicht gut. Vielleicht gibt es irgendwo eine Quelle oder einen Bach. Wir müssen nachforschen.”

Messgeräte im Dom werden bald erste Ergebnisse liefern. Und wenn sich der Boden wieder geschlossen hat, gibt es neue Anweisungen für die Pflegekräfte. Maintz: „Man kann so ein Bodenmosaik nicht einfach mit Essigreiniger oder mit der Maschine bearbeiten. Selbst bei Neutralreiniger wissen wir nicht, wie die Inhaltsstoffe wirken. Wir werden feststellen, wie viel Wasser das Mosaik verträgt und was dem Stein nicht schadet.”

Kammerorchester des Musikkorps der Bundeswehr, am Samstag, 20. Januar, 20 Uhr, im Krönungssaal des Aachener Rathauses.

Auch eine Benefiz-CD mit Werken von Bach, Mozart, Verdi und Tschaikowsky unterstützt den Dom: 12 Euro. Be-stellung beim Verein zur Erhaltung des Hohen Doms zu Aachen, Meisenberg 12, 52146 Würselen, möglich.