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Bochum: Wenn „Espresso” heranrauscht, stockt den Zuschauern der Atem

Bochum : Wenn „Espresso” heranrauscht, stockt den Zuschauern der Atem

Immer wieder schickt Michael Fraley die völlig verschwitzten Rollschuhläufer auf die schüsselförmige Rampe. Anlauf nehmen, konzentrieren, kurz in die Knie gehen und auf der Kante wenden - die Kommandos schallen im Sekundentakt durch die weite Halle.

Begleitet werden sie vom monotonen Klopfen eines Holzstocks, den der Rollschuhtrainer in seiner linken Hand hält.

Die Zeit drängt: In fünf Tagen sollen die eben erst aus Melbourne und London nach Bochum gezogenen Darsteller zum ersten Mal das derzeit erfolgreichste Musical der Welt spielen.

„Starlight Express”, das wahnwitzige Wettrennen der Schnellzüge, die Weltmeisterschaft der Eisenbahnen, der Traum eines jeden Kindes.

„Versucht, euch zu entspannen”, ruft der 41-Jährige seinen Schutzbefohlenen zu und gibt ihnen im Vorbeifahren einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. „Sonst habt ihr nicht genug Sauerstoff in eurem Körper.” An diesem Morgen, wenige Tage vor dem 15. Geburtstags des Erfolgsstücks am 15. Juni, ist die Stimmung hinter den Kulissen des Dauerbrenners wieder gelöst.

Vor einem Jahr war das ganz anders. Da sah alles so aus, als wäre der letzte Vorhang bereits gefallen. Die Stella Musical GmbH hatte Insolvenz angemeldet, nachdem drei ihrer fünf Musicals in Deutschland ein Flop waren. Der Hamburger Insolvenzverwalter konnte nicht mehr garantieren, dass die Gehälter der 440 Mitarbeiter bezahlt werden.

Ein neuer Investor war zwar in Sicht, aber für die nötigen Vertragsverhandlungen schien keine Zeit mehr zu sein. „Wir standen vor der Wahl: Aufs Geld verzichten oder aufhören”, erinnert sich der Rollschuhtrainer, der schon US-Star Demi Moore beigebracht hat, wie man sich auf zwei Achsen mit je vier Rädern bewegt. „Wir haben verzichtet.”

Während der Nordkalifornier im blau-weiß karierten Holzfällerhemd und ausgeleierten Bluejeans in sein Büro rollt, macht sich Jan Apel bereit für den Probedurchlauf mit den Neuen. Der 38-jährige Däne zählt bei Starlight zum Inventar, als ICE „Ruhrgold” ist er schon seit der Premiere im Sommer 1988 dabei.

„Zwei bis drei Jahre haben uns die Kritiker damals gegeben”, sagt der hoch gewachsene Blondschopf mit der tiefen Stimme, während er die schwarzen Knieschoner stramm zieht und seine Rollschuhe schnürt. „Bei den ersten Vorstellungen gab es massenhaft Proteste.”

Der 20 Millionen Mark teure Neubau der Halle im Bochumer Norden war ein Politikum, auch wenn er wegen seiner kurzen Bauzeit einen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde erhalten hat. Stadt und Land teilten sich damals die Kosten, von verschleuderten Steuergeldern war die Rede.

Heute ist das Musical nicht mehr wegzudenken aus der Ruhrgebietsstadt. Seit seiner Premiere hat sich die Zahl der Übernachtungen in Bochum verdoppelt. Von dem Ansturm der Fans profitieren Taxifahrer, Kneipenwirte und Hoteliers gleichermaßen.

Mehr als 600 000 kommen jedes Jahr, um das Märchen um „Rusty”, die Dampflok, zu sehen, hat die Bochum Marketing GmbH errechnet. Im November wird der zehnmillionste Zuschauer erwartet - ein neuer Rekord, den keine Broadway-Produktion je erreicht hat. „Das Stück geht nicht tief”, sagt Apel auf der Suche nach Gründen für den Überraschungserfolg. „Es ist eher ein Fest mit Farben.”

Nach der Krise vor kaum zwölf Monaten hat das Musical noch einmal die Kurve gekriegt - vor allem durch neue Zutaten, die das bewährte Erfolgsrezept aus Stunt-Show, Schlager-Revue und Liebesdrama ergänzen. Komponist Andrew Lloyd Webber hat zwei neue Stücke geschrieben, durch das Parkett wurde eine neue Bahn gebaut und mit dem 22-jährigen Trickskater Joshua Feldschuh ein Mann für Akrobatik- Einlagen verpflichtet.

Das Geheimnis von Starlight Express liegt in seiner mühelosen Zugänglichkeit: Wenn der italienische Schnellzug „Espresso” zum Salto ansetzt, stockt den Zuschauern der Atem. Die Balladen, Blues-Stücke und Rock-Nummern kann jeder Fan mitsingen. Mitklatschen und von den Stühlen springen ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.