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Aachen: Wenn die Königin in den Zuschauerraum klettert

Aachen : Wenn die Königin in den Zuschauerraum klettert

Beim 22. NRW-Theatertreffen in Aachen rollt der „Ball”, den man sich seit dem 21. Juni mit viel Engagement zuspielt, auf das Finale mit Elfriede Jelinks „Die Liebhaberinnen” am Samstag sowie Uraufführung der „EnervéMonologe” und Siegerehrung am Sonntag zu.

Als Heimspiel stellten die Gastgeber nun Friedrich Schillers „Maria Stuart” in der Inszenierung des Regisseurs, Kostüm- und Bühnenbildners Christoph Ernst vor. Der Beitrag läuft allerdings außer Konkurrenz.

Ist Christoph Ernsts Inszenierung von Friedrich Schillers „Maria Stuart” mit ihren mörderischen vier Stunden wirklich geeignet, um den Gastgeber Aachen angemessen zu präsentieren?

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass nach einer prallen Theater-Woche eine normale Spieldauer angenehmer wäre, hätte man vielleicht eine der vorzüglichen aktuellen Arbeit des eigenen Schauspieldirektors erwartet . . .

Nun also nochmals „Maria Stuart”. Eine Schülergruppe ist im Zuschauerraum, die besonders die donnernde Musik und die Action in schrillen Szenen prima findet.

Und Gekicher kommt auf, wenn sich einige der beteiligten Herrn am Hofe der Königin Elisabeth vehement an die Wäsche wollen. Aber es gibt auch Szenen, die erschüttern und alle betroffen still werden lassen.

Vergnügt hatten man bereits die Einführung von Dramaturg Marcel Bugiel im Foyer angehört - nicht etwa, weil die Geschichte von der schottischen und der englischen Königin für alle so neu wäre.

Um Lokalkolorit zu zaubern, „übersetzte” Inspizientin Gaby Jacobi die Geschichte von „et Lisbeth und dat Maria” kurzerhand in Öcher Platt - mit Pfiff und rheinischem Witz.

Eine Darstellerin für die Rivalinnen

Maria und Elisabeth - die beiden Rivalinnen, werden von der jungen Schauspielerin Aylin Esener verkörpert - wer das nicht weiß, hat zunächst ein Problem. Die Schauspielerin kämpft sich tapfer durch diese anstrengende Doppelverpflichtung, zumal der Abend für sie ein wenig wehmütig geprägt ist: Es ist die letzte „Maria Stuart” in dieser Inszenierung und der Abschied vom Ensemble, denn Aylin Esener wird ab der nächsten Spielzeit ins Ensemble des Deutschen Theaters Berlin wechseln.

Und so drückte ihr beim Schlussapplaus Schauspieldirektor Michael Helle nicht nur einen großen Blumenstrauß mit pinkfarbenen Gerberas in den Arm, er hat gute Worte, spricht von Spielfreude, von „irritierenden und beunruhigenden Eindrücken”, durch die es die noch junge Darstellerin in Aachen verstand, das Publikum zu faszinieren und ihr Ensemble zu bereichern.

Man hätte ihr an diesem Abend allerdings mehr applaudierende Hände gewünscht - nur wenige wollen das Stück sehen. Und die kleine Gemeinde halbiert sich nach der Pause auch noch. Was besonders denen auffällt (und das waren einige), die das Stück schon einmal in dieser knalligen, die Machtstrukturen dieser Welt in heftigen Bildern anprangernden Form gesehen hat: Mätzchen haben sich eingeschlichen.

So klettert „Elisabeth” irgendwann Unterstützung heischend in den Zuschauerraum und umarmt auf der Suche nach Trost ein paar freundliche Menschen und grölt in Elvis-Manier ein „My Way” ins Mikrophon. Reaktion der Zuschauer, die durchgehalten hatten: „Für mich ist das wie ein Comic über diese Geschichte. ich sehe es als Unterhaltung”, sagt jemand.

Und Theaterkritiker Heinz Klunker, der an diesem Abend keine Fragerunde moderieren darf, obwohl selbst zu mitternächtlicher Stunde noch Interesse besteht, bringt es auf den Punkt: „Da gibt es sehr bewegende und große Theatermomente im Stück, aber die haben nichts mit Schiller zu tun . . .”