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Aachen: Wenn die Kirche auf Druck und Angst setzt

Aachen : Wenn die Kirche auf Druck und Angst setzt

Mit seinem Buch „Gottesvergiftung” erregte Tilmann Moser vor 28 Jahren großes Aufsehen.

Der Freiburger Psychoanalytiker rechnete darin mit seiner eigenen Erziehungsgeschichte in einer evangelischen Familie ab, mit der Art, wie ihm der christliche Glaube vermittelt worden war.

Gott als gnadenloser Übervater, als strenger Richter, der alles sieht, alles überwacht, alles bestraft - solche Vorstellungen führten bei Moser zu psychischen Verletzungen und entsetzlichen Ängsten.

„Gottesvergiftung”

Wie sündhaft und verwerflich müsse er leben, dass Gott sich gezwungen sah, seinen Sohn für ihn zu opfern - das war einer der zentralen Gedanken, die Moser jahrzehntelang schmerzlich verfolgten.

Mit der „Gottesvergiftung” schrieb er sich diese Erfahrung im Alter von 40 Jahren von der Seele und wandte sich von Gott ab.

Heute, bekennt Moser in einem Gespräch mit unserer Zeitung, lebe er ohne Gott und fühle sich wohler als zuvor. Dennoch hat der Psychoanalytiker in gewisser Weise seinen Frieden mit Gott gemacht.

In seinem neuesten Buch „Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott” bilanziert er den eigenen Entwicklungsweg in einem deutlich versöhnlicheren Ton.

Es war kein Zufall, dass die Ambulante Psychiatrieseelsorge im Bistum Aachen Moser neulich zu einem Vortrag eingeladen hatte, zu dem weit über hundert Besucher kamen.

Denn die Seelsorger Ida Prinz-Hochgürtel und Ulrich Roth erleben in ihrer Beratungsstelle häufig Menschen, die durch eine Angst auslösende Religiosität krank wurden - bis hin zu schweren Psychosen.

Auch wenn das Problem wegen der zunehmenden Kirchenferne jüngerer Menschen an Relevanz verliert, so ist es doch in der älteren Generation noch sehr präsent.

Mit dem empfundenen Druck durch einen Richtergott neigten vor allem Frauen zu einer Selbstaufopferung für Mann, Kind, Kirche und Staat, die sie auf Dauer deutlich überfordere.

Luthers Sorgen

Nach Ansicht von Moser haben die Kirchen diese Situation „mit ihrer Sündentheologie der Angst” zu großen Teilen verschuldet, und eigentlich, so stellt er fest, wäre eine Vergebungsbitte des Vatikans angemessen. Schon Augustinus und Martin Luther hatten nach Erkenntnis des Psychoanalytikers „furchtbare Angst, aus der Gnade Gottes herauszufallen” und hätten ihre Kirchen entsprechend geprägt.

Moser begegnet religiösen Menschen nach wie vor mit großem Respekt und Wohlwollen, er weiß, dass der christliche Glaube heilend und stärkend wirken kann.

In seiner Praxis hilft er Patienten, ein neurotisch verzerrtes Gottesbild von dem Bild eines Gottes unterscheiden zu lernen, der sie als wertvolle Menschen willkommen heißt.

Wenn dies nicht gelingt, so sind doch nach Erfahrung Mosers positive religiöse Gefühle weiter möglich - zum Beispiel durch Formen der Meditation in der Natur, mit Hilfe von Kunst und Musik oder im Umgang mit vertrauten Menschen.