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Aachen: Welttag des Buches: Mit „Owen Meany“ fing vor 21 Jahren alles an

Aachen : Welttag des Buches: Mit „Owen Meany“ fing vor 21 Jahren alles an

Im Januar 1995 sitze ich an einem Sandstrand auf der kanarischen Insel La Gomera in der Abendsonne, ein Buch in meinen Händen. Die intensive Hitze des Tages habe ich nur am Rande wahrgenommen, weil ich über den Seiten des Buches die Welt vergessen habe.

Plötzlich — ganz unbemerkt — ist es Abend geworden. Weit hinten am Horizont fällt die Sonne in Zeitlupe dem Wasser entgegen. Es ist der Moment am Meer, an dem der Abend den Tag ablöst, eine eigentümliche Stimmung. Müsste ich ihr einen Namen geben, dann kämen mir Worte wie tröstlich und versöhnlich in den Sinn.

Lauter Irvings: Von „Laßt die Bären los“ bis „Straße der Wunder“.
Lauter Irvings: Von „Laßt die Bären los“ bis „Straße der Wunder“. Foto: Thomas Thelen

Es sind nur wenige Seiten, die ich noch zu lesen habe. Den Autor des Romans, John Irving, kannte ich bis dahin nicht. Wie im Rausch bin ich durch diese stürmische Geschichte geflogen. Es gibt Bücher, von denen man sich wünscht, sie würden niemals enden. Das Buch in meinen Händen ist so ein Buch.

Doch das Ende kommt unweigerlich, noch ehe der Atlantische Ozean die Sonne verschluckt hat. Dann ist der kleinwüchsige Junge mit der skurrilen Stimme einer Comicfigur tot, und der Tod eines real existierenden Menschen könnte in dem Moment kaum schlimmer sein. So sehr ist mir der zwergenhafte Romanheld ans Herz gewachsen, dass ich nicht wahrhaben will, ihn nun für immer gehen lassen zu müssen. Aber in die Traurigkeit mischt sich auch ein Gefühl tiefster Dankbarkeit. Der Roman trägt den Titel „Owen Meany“. Was für ein großartiges Geschenk!

Alle vier Jahre wieder

21 Jahre später. Da liegt er vor mir, der neue John Irving, in dem so typischen Diogenes-Design seiner 13 Vorgänger. Ein weißes Cover, die obligatorische liebevolle Zeichnung, der Name des Autors und der Titel. „Straße der Wunder“ heißt das neue Werk, das 784 Seiten dick ist. Damit überbietet Irving knapp den eigenen Schnitt, der bei 774 Seiten pro Roman liegt. Von Anfang an war es ja gerade auch das Ausladende, das mich zu Irving hinzog. Kein zweiter Autor macht sich in meinem Billy-Regal so breit wie er. Alle vier Jahre gibt es ein neues Buch.

Früher war jeder neue Irving ein Ereignis, auf das ich Wochen lang hinfieberte. Mit den Jahren hat sich das gelegt. Heute freue ich mich über einen Irving-Roman so, wie ich mich freue, wenn ich einem guten Bekannten nach Jahren mal wieder begegne. Man lässt gemeinsame Zeiten aufleben, ist sich auf Anhieb vertraut, erwartet aber nicht mehr allzu viel vom anderen.

Es gibt Kritiker, die sagen, Irving falle nichts mehr ein, seine Romane seien nur noch Variationen der immer gleichen Geschichten. Das ist richtig, doch mich hat das nie gestört (außer, er schreibt über Schriftsteller!). Viele bedeutende Autoren kreisen ihr Leben lang um wenige Themen.

Ist John Irving eigentlich ein bedeutender Autor?

Würde man ihn fragen, wäre das kein guter Auftakt für ein Gespräch. Gut möglich, dass Irving brüsk reagieren würde, denn bedeutend zu sein, ist das letzte, was er will. Immer wieder hat er in Interviews betont, dass ihm das, was Kritiker über seine Romane sagen, egal ist. Man darf ihm das abnehmen. Irving hält nichts von Literaturkritik. Das, was ihn wirklich treibt, sind seine Geschichten. Sie bedeuten ihm alles.

Irvings Ehefrau Janet hat einmal gesagt, dass ihr Mann immer voll und ganz in der Geschichte steckt, die er gerade schreibt, ein zweites Leben im realen Leben. „In Büchern und in der Welt der Phantasie gibt es ein eigenständiges Leben; da gibt es mehr als in der realen Welt...“, heißt es an einer Stelle im neuen Roman.

Trivialliteratur?

Von der Kritik — zumal von der Deutschen — ist Irving stets eher stiefmütterlich behandelt worden, die Feuilletons halten ihn für ein literarisches Leichtgewicht — Trivialliteratur, allerdings hervorragend gemacht, das ist der Tenor. Irving würde dem gar nicht widersprechen: „Ich bin ein Erzähler, ich mache Unterhaltung, ich betrachte mich nicht als Künstler, und mit Sicherheit bin ich kein Intellektueller“, hat der inzwischen 74-Jährige einmal gesagt. Und an die Adresse seiner Kritiker: „Meine Bücher werden sie nicht nur überdauern, sie werden ihnen aufs Grab pissen.“ Der Satz könnte aus einem seiner Romane stammen.

Was die Kritiker sagen, dass ist den zig Millionen Lesern weltweit sowieso egal. So sicher wie die permanente Wiederkehr der vertrauten Themen (tragische Unfälle, abgehackte Hände, Familienkatastrophen, schüchterne Männer, willensstarke Frauen, vaterlos aufwachsende Söhne, Prostituierte...), so sicher ist jedem Irving-Neuling der Sprung in die Bestsellerlisten — meistens auf Platz eins.

Der Erfolg gibt dem am 2. März 1942 in Exeter (US-Bundesstaat New Hampshire) als John Winslow Irving Geborenen Recht: Die Gesamtauflage von Irvings Büchern liegt bei mehr als zehn Millionen. Schreiben müsste er schon lange nicht mehr. Während er lästige Fragen nach den autobiografischen Elementen in seinen Büchern abwimmelt, gibt er nur all zu bereitwillig Einblicke in sein privates Wohnumfeld. So sind im Lauf der Jahre viele Homestorys bei den Irvings entstanden. Man muss schon sagen, sie leben nicht schlecht.

Viel Neues erfährt man ansonsten jedoch nicht, denn all diese Porträts zeichnen das immer gleiche Bild von einem Autoren, der viel Sport und ebenso gerne Pizza macht, noch per Hand schreibt und Schreiben vor allem als eines versteht — als Handwerk. Und ja, für alle, die es immer noch nicht wissen: Irving beginnt seine Romane von hinten. Das erste, was er schreibt, ist der letzte Satz.

Die Wiederkehr von Themen in seinen Romanen ist das eine. Die permanente Nacherzählung der Art und Weise wie und unter welchen Umständen er seine Bücher schreibt, das andere.

Man hat diese Geschichten über Irving einmal zu oft gehört. Sie liegen in Schubladen, die anlässlich einer Neuveröffentlichung nur all zu gerne hervorgeholt werden. Geschichten über John Irving? Ganz ehrlich: Immer gleich! Ich mag das nicht mehr lesen. Dann doch lieber die Bücher.

Einmal tief einatmen

Nun also „Straße der Wunder“. Noch ehe ich die erste Seite lese, nehme ich den Roman in meine Hände, schlage ihn ungefähr in der Mitte auf und nehme einen kräftigen Zug: Augen schließen, einmal tief einatmen, Luft anhalten, ausatmen. Ein Ritual, das ich tunlichst nur dann pflege, wenn ich alleine zu Hause bin. Meine Kinder könnten mich irritiert anschauen, wenn sie mich mit der Nase im Irving im Wohnzimmer stehen sehen würden. Meine Frau wundert sich diesbezüglich ja über gar nichts mehr, was wohl auch daran liegt, dass ich irgendwann einmal aus voller Überzeugung zu ihr gesagt habe, dass ein neu- er Irving eindeutig besser riecht als alle anderen Bücher. Mir war das damals wirklich ernst. Heute muss ich selbst schmunzeln.

Round-Table-Interviews

Einige Male bin ich Irving in den 21 Jahren persönlich begegnet, als einer von zahlreichen Journalisten, die bei einem sogenannten Round- Table-Interview zwei bis drei Fragen stellen dürfen. Ich weiß noch gut, wie mir vor der ersten Begegnung 1999 in Köln anlässlich der Veröffentlichung von „Witwe für ein Jahr“ das Herz in die Hose rutschte. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Kollege der „Bild“-Zeitung, der sich wenig für das Buch, dafür umso mehr für ein Tattoo auf Irvings rechtem Unterarm interessierte.

Ich weiß bis heute nicht, wofür das Tattoo steht. Mich hat das auch nie interessiert. Andere offensichtlich schon. Irving wurde zum gefeierten Popstar ; und immer weniger ging es in den Geschichten in der „Brigitte“ oder dem „Stern“ um seine Literatur, sondern stattdessen um ihn, sein Leben und wie er die Welt sieht.

Irgendwann war es wohl auch für Irving zu viel Boulevard. Wer mit ihm über den Roman „Bis ich dich finde“ (2006) reden wollte, musste eine Erklärung unterschreiben, mit der man bekundete, den aktuellen Roman auch tatsächlich gelesen zu haben — und nicht nur die Inhaltsangabe. Im Zweifel war so ein Zettel natürlich mal flott unterschrieben, das mehr als 1000 Seiten dicke Buch musste man trotzdem nicht gelesen haben. Ich habe jeden Irving von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen, ich bin ein Irving-Streber. Deshalb fand ich es merkwürdig, die Erklärung unterzeichnen zu müssen. Es mutete grotesk an, dass Irving Journalisten zu etwas verpflichten wollte, was selbstverständlich ist.

Überhaupt bleibt ja manches widersprüchlich bei diesem John Irving. Zum Beispiel seine freundschaftliche Beziehung zu Günther Grass, auf dessen Beerdigung Irving eine Rede hielt. „Es gibt keine Schriftsteller mehr — keine wie ihn“, sagte Irving damals. Wie aber kann man den Vollblutintellektuellen Grass zum Vorbild haben, wenn man selbst in einer Tour anti-intellektuelle Ressentiments pflegt? Sei‘s drum, Irving hat Grass geschätzt. Und es war alles andere als ein Zufall, dass der Name Owen Meany die gleichen Initialen hat wie Oskar Matzerath, der Held aus Grass‘ „Die Blechtrommel“. Eine Hommage — nichts anderes.

Immer beginne ich einen neuen Irving in der Hoffnung, dass er mich noch einmal rundherum verzaubert. Meistens wird die Hoffnung enttäuscht. Vielleicht ist meine Erwartungshaltung überzogen, wahrscheinlich liegt es einfach nur an mir. Es gibt Passagen in den jüngeren Romanen von Irving, da habe ich meine Probleme, ihn wiederzuerkennen. Oder erkenne ich mich selbst nicht wieder? Manchmal wünschte ich, Irving hätte längst aufgehört mit dem Schreiben, damit die Zeit ihm nichts anhaben kann. Aber das ist natürlich Blödsinn.

Im eigenen Autoren-Süppchen

Was den neuen Roman betrifft, so ist meine Hoffnung bereits nach wenigen Seiten dahin. Denn da muss ich erfahren, dass es sich bei Juan Diego, der einst ein Müllkippenkind in Mexiko war, um einen bedeutenden Roman-Schriftsteller handelt. Und der trifft am Flughafen von New York eine Mutter und deren Tochter, die sich als Fans outen und fortan fürsorglich um ihn kümmern — mit allem, was so dazu gehört... Was hätte das für ein großartiger Roman sein können, wenn Irving die Sache mit dem Schriftsteller einfach weggelassen hätte!

Aber nein, wieder rührt er im eigenen Autoren-Süppchen! Wieder strapaziert er jenes Genre, das ihn weltberühmt gemacht hat. Immer, wenn er das tut, steige ich aus. Inzwischen bin ich mir sicher, dass dieses Schriftsteller-Ding zu der Entfremdung beigetragen hat, die ich nach 21 Jahren nicht mehr leugnen kann. So ist „Straße der Wunder“ leider wieder nicht großartig, sondern nur gut.

Ich habe noch nie ein Buch zwei Mal gelesen. Müsste ich mich entscheiden, dann fiele die Wahl auf „Owen Meany“. Doch etwas würde mich abhalten. Es wäre die Sorge, dass sich der Moment von damals am Strand von La Gomera nicht mehr wiederholen ließe.

Wie gerne würde ich ihn noch einmal erleben. So tröstlich und versöhnlich.