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Stockholm: Weiße Hautfarbe als Handicap: Coetzee war lange Nobelfavorit

Stockholm : Weiße Hautfarbe als Handicap: Coetzee war lange Nobelfavorit

Dass J.M. Coetzee ein Südafrikaner weißer Hautfarbe ist, hat bis Donnerstag als recht gewichtiges Handicap auf dem Weg zu Nobelpreisehren gegolten.

Mit der Vergabe des begehrtesten Literaturpreises der Welt an den 63- Jährigen hat sich die Schwedische Akademie in diesem Jahr über alle Erwartungen an „politische Korrektheit” hinweggesetzt und eine rein literarisch verankerte Wahl getroffen.

Coetzee wird weltweit viel gelesen und ist auch unter Kritikern als erstklassiger Romanautor praktisch unumstritten.

Dabei sind die 15 aktiven von 18 gewählten Juroren in der vor über 200 Jahren gegründeten Schwedischen Akademie nach Insider- Informationen keineswegs taub für all die außer-literarischen Erwägungen, die jedes Jahr bei der Auswahl eines Nobelpreisträgers geltend gemacht werden.

Nach der weißen Südafrikanerin Nadine Gordimer 1991 könne man doch unter keinen Umständen schon wieder einen Angehörigen dieser Minderheit in dem lange von weißer Rassenherrschaft geprägten Land auszeichnen, hieß es immer wieder bei der Nennung des Namens Coetzee.

Verlangten die einen folglich, dass ein Schwarzafrikaner wie der Nigerianer Ben Okri oder Nuruddin Farah aus Somalia „dran sein” müsse, monierten andere Literaturexperten, dass schon sieben Jahre keine Frau mehr Medaille, Diplom und einen Nobelscheck aus der Hand von Schweden König Carl XVI. Gustaf in Empfang genommen habe.

Nach Nadine Gordimer gab es nur noch 1996 einen Preis für die polnische Lyrikerin Wyslawa Szymborska zur Verminderung der Männerdominanz. Den seit 1901 verliehenen Literatur-Nobelpreis haben bisher erst neun Autorinnen erhalten.

„Gut dass die Akademie sich solchen Proporz-Forderungen verweigert hat”, meinte eine angesehene Stockholmer Literatur-Kritikerin und fügte milde spöttelnd hinzu: „Man könnte solchen Leuten ja sagen, dass Coetzees Schilderungen von Frauen sehr gut sind.”

Einigkeit herrschte nach der Bekanntgabe durch Akademiesekretär Horace Engdahl, dass die Entscheidung für Coetzee als „solide” und wenig umstritten in die Nobelpreis-Geschichte eingehen wird.

Keine „Experimente” wie 1997 beim höchst umstrittenen Preis für den italienischen Dramatiker Dario Fo, keine Erschließung neuer literarischer Genres für den Nobelpreis wie im letzten Jahr mit dem Ungarn Imre Kertész.

Er hatte den Preis für seine Verarbeitung eigener Erfahrungen während des Holocaust bekommen. Coetzee war seit Mitte der neunziger Jahre immer wieder als Anwärter genannt worden und kam damit nach und nach in dieselbe Kategorie wie Günter Grass als bisher letzter deutscher und deutschprachiger Autor 1999.

„Wenn man etliche Male bis in die letzte Auswahlrunde gelangt ist, scheint es im Moment so zu sein, dass der Preis dann auch irgendwann tatsächlich kommt”, meinte ein schwedischer Buchverleger am Donnerstag.

Auch der britisch-karibische Reiseschriftsteller V.S. Naipul (2001) gehörte zu diesen Daueranwärtern.

Neben Dario Fo die einzig wirklich überraschende Entscheidung der letzten Jahre war der in Paris lebende und weithin unbekannte Exil-Chinese Gao Xingjian im Jahr 2000. Sollte dieses „Abarbeiten” lange gepflegter Favoriten-Listen weitergehen, könnte sich fürs nächste Jahr der Portugiese Antonio Lobo Antunes sehr ernste Hoffnungen machen.